Aus Sicht des Buchhändlers… – ein Interview

Wiedenester Buchmarkt

Ein Buchhändler beginnt (2010) mit seiner Liebe zum Buch. Nach drei Jahren scheint diese Liebe zu erkalten. Patrick Dankert von Dankert Consulting sprach mit Torben Danielzik von Zeltmacher über Bücher, ihren Preis, persönliche Erfahrungen, die Zukunft des Buches und über die Zukunft von Zeltmacher. (Update: Die beiden Webportale „Zeltmacher-Bücher“ und „Zeltmacher-Nachrichten“ wurden schließlich 2014 zu dieser einen Webseite „Zeltmacher“ zusammengefasst.)

PD: Herr Danielzik, Sie sind Buchhändler. Gehen Sie zur Frankfurter Buchmesse?

TD: Als Buchhändler sollte man informiert sein. Aber der Aufwand lohnt nicht mehr. Ich war vor zwei Jahren dort und einmal in Leipzig und habe meine Erfahrungen gesammelt und wertvolle Gespräche geführt. Heute, nach drei Jahren Onlinebuchhandel, sehe ich vieles mit anderen Augen.

PD: Sie haben bei Null angefangen. Wie hat sich das Geschäft entwickelt?

TD: Wir haben als Familie von Anfang an nicht erwartet, dass wir allein von dem Buchgeschäft leben können. Dazu waren wir zu sehr Realisten. Aber dass es aus wirtschaftlicher Sicht so schwierig ist, das hatten wir nicht erwartet. Das zwingt uns zu einem Umdenken und einer Umkehr aus der Sackgasse.

PD: Was waren denn die größten Schwierigkeiten?

TD: Da ist besonders die geringe Marge und der Konkurrenzkampf, dazu noch unter Christen! Bestellen Sie beim Buchhändler ein Buch, dann endet für dieses Buch i.d.R. eine sehr lange Reise: Autor – Druckerei – Verlag – Zulieferer – Buchhändler – Kunde. Und alle verfolgen ihr eigenes Interesse, dazu auch der Paketdienst. Als kleiner Buchhändler verdient man am Ende nicht mehr viel und es stellt sich zudem die Frage nach dem Nutzen im Vergleich zum hohen Aufwand.

PD: Warum haben Sie mit dem Buchhandel angefangen?

TD: Seit Jahren liebe ich Bücher. Durch das Lesen von (christlichen) Büchern habe ich sehr, sehr viel gelernt. Weit mehr als z.B. durch Gespräche in der Gemeinde auch wenn ich damit nicht sagen will, dass die Gemeinde etwa unwichtig sei. Aus Liebe zum Buch wollte ich Buchhändler werden.

Wenn ich heute Bücher sehe, dann erscheinen sie mir mehr als Papier denn als Inhalt. Ich sehe große Kartons vor mir und daneben Werbeschilder entweder mit der Aufschrift „Neuerscheinung“ oder „Sonderpreis“. Ich sehe etliche Kataloge mit schönen Bildern und reißerischen Titeln. Und allzu oft wird mir gesagt, das Buch sei das derzeit Beste oder Wichtigste seiner Kategorie. Läuft der Verkauf trotzdem nicht, dann wird es später verramscht, zuletzt sogar in einer „1-EUR-Aktion“, das ist doch Wahnsinn und zerstört den Markt. Das alles hat mir eher die Freude am Buch genommen als dass es mir eine Freude geblieben ist, Bücher nicht nur zu lesen sondern auch zu verkaufen.

PD: Sie wollen also umdenken. Wie geht es weiter?

TD: Der besondere Nutzen unserer Buchhandlung liegt darin, dass wir ein eigenes, ausgewähltes Sortiment anbieten und der Kunde aus dieser Übersicht schöpfen kann. Dazu wollen wir – ehrliche – Rezensionen anbieten, wofür zuletzt leider auch die Zeit gefehlt hat. Ähnlich wie beim Nachrichtendienst sehen wir uns vor allem als Dienstleister, der helfen will, sich heute im Dschungel der Informationen und Angebote zurechtzufinden. Ich glaube, dass derartige Hilfe im Zeitalter der Nachrichten- und Reiz-Überflutung besonders hilfreich und auch notwendig geworden ist.

Wo das Buch dann gekauft wird und wer das Buch schließlich ausliefert, ist eigentlich zweitrangig. Einige Bücher werden wir weiterhin auf Lager haben, bei anderen verweisen wir auf den Verlag oder auf amazon. Kauft der Kunde über uns bei amazon, verdienen wir ein wenig und das soll uns ein kleiner Lohn für unsere Arbeit sein. Amazon ist ein professioneller Dienstleister, der mit den Problemen, die ein Versandhandel mit sich bringt, viel besser fertig wird.

PD: Welche Probleme meinen Sie?

TD: Da ist einmal die Preisanpassung bei Schwankungen, die zeitnah zu erfolgen hat denn Google ist im Preisvergleich sehr unbarmherzig. Da sind auf Kundenseite die schwarzen Schafe, die abgemahnt werden wollen, am Ende aber trotzdem nicht zahlen oder – aus welchen Gründen auch immer – nur einen Teilbetrag überweisen. Und zuletzt ist man vom Paketdienst abhängig, der auch schon mal Bücher verliert, dafür aber nicht oder nur zum Teil haften will. Alles in allem haben uns allein solche „Probleme“ in nur drei Jahren knapp unter 1.000 Euro gekostet, was gemessen an unserem geringen Umsatz doch recht viel ist, auch viel Nerven kostet, zusätzlichen Aufwand bedeutet und einfach keinen Spaß mehr macht.

PD: Sie werben für ebooks bei Amazon – als Buchliebhaber?

TD: Als Leser bin ich für das traditionelle Buch und eher gegen Ebooks. Ich persönlich habe (noch) keinen „Reader“, aber irgendwann wird sich wohl auch das ändern. Ich sehe die Stärken des Ebook vor allem auf der Anbieterseite: Keine Lagerkosten, daher auch keine Notwendigkeit der Verramschung, keine Kalkulation mit Druckkosten, keine Versandkosten im Ein- und Verkauf. Als Anbieter fördere ich solch eine Entwicklung und Zeltmacher wird deshalb in Zukunft auch ausgesuchte Ebooks anbieten. Eine noch bessere Alternative wäre das sog. „Print-on-Demand“, vielleicht auch in Kombination und Ergänzung zum Ebook. Dann hätte ich in Zukunft keine Kartons mehr und vielleicht auch weniger Werbeschilder vor Augen.

PD: Sie machen also weiter, mit Amazons Hilfe. Welches Buch lesen Sie zur Zeit?

TD: „Zukunft. Hoffnung. Bibel.“ von Roland Hardmeier. Ein lohnendes Buch über Endzeitmodelle. Noch haben wir es im Shop, statt für ursprünglich 23,50 EUR (was es durchaus wert ist) nun für 13,90 EUR. Vom Verlag wurde es kürzlich für 7 EUR abverkauft. Ob das Buch in Zukunft noch zu haben ist, kann ich nicht sagen. Man distanziert sich heute vom Autor und damit auch vom Buch.

PD: Und Sie machen Werbung für Hardmeier? Teilen Sie die Kritik etwa nicht?

TD: Die Kritik mag ich teilen, aber die Konsequenz nicht. Wenn der Autor heute bedenkliche Lehre verbreitet, distanziere ich mich gerne und auch sehr deutlich davon. Wenn er aber unabhängig davon ein gutes Buch schreibt, dann darf ich es doch lesen. Eine ähnliche Diskussion läuft aktuell über John Piper, der ebenfalls richtig gute Bücher geschrieben hat, heute aber in der Kritik steht und in der Folge auch seine Bücher weniger gelesen werden. Das ist Schubladendenken.

PD: Ein hartes Wort.

TD: Aber durchaus treffend. Sie glauben ja gar nicht, wie sehr ich damit konfrontiert worden bin. Ich stehe selbst immer wieder in der Gefahr, in eine Schublade sortiert zu werden. Man bekommt etliche Emails: Ich bin gewarnt worden vor Bonhoeffer, vor C.S. Lewis, vor Calvin, vor Fruchtenbaum, vor der revidierten Elberfelder usw. Wenn ich es jedem Recht machen wollte, dürfte ich nur noch die Bibel im Urtext anbieten, und selbst die am besten im Original wenn das nur möglich wäre.

PD: Aber sind Rückmeldungen nicht auch hilfreich?

TD: Jedes Feedback ist zunächst hilfreich, das stimmt. Ein Problem sind sicher die aggressiven Töne, auf die ich aber gar nicht mehr eingehe. Ein zweites Problem ist die fehlende Fundiertheit in der Argumentation. Es wird kritisiert, ohne sich auszukennen. Und das dritte Problem wiegt am schwersten: Wenn ich den Kunden vor allem „Falschen“ bewahren will, erhebe ich mich zum allein Mündigen und traue dem Leser nicht mehr zu, selbständig zu denken und zu urteilen.

PD: Können Sie Beispiele nennen?

TD: Beste Beispiele sind die Bücher von C.S. Lewis und Bonhoeffer. Der erste hat theologisch sicher schon fragwürdige Aussagen gemacht, will aber in erster Linie auch gar nicht als Theologe gelesen werden. Im Gegenteil, Lewis betont an vielen Stellen, dass er nicht als Theologe schreibt und auch offen für Kritik ist. Er will niemanden belehren, schreibt aber sehr scharfsinnig. Für mich ist Lewis der beste Beweis dafür, dass Gott uns auch Verstand gegeben hat. „Folge dem Argument“ war eines seiner Prinzipien, und die Argumente haben Lewis tatsächlich zu Jesus Christus geführt.

Bonhoeffer war an einigen Stellen liberaler Theologe und auch er hat schon Aussagen gemacht, die ich theologisch nicht teile. Wenn ich aber seine Bücher lese, dann hat er durchaus seine Stärken, vor allem im ethischen Bereich und in seiner – gelebten – Konsequenz. Wegen ihrer Stärken gehören Lewis und Bonhoeffer in unseren Buchladen. Und wir wollen dem Leser zutrauen, ihm gerne auch dabei helfen, die wertvollen Gedanken und Schätze aus solchen Büchern zu entdecken.

PD: Was ist Ihr Résumée? Bereuen Sie Ihren bisherigen Weg?

TD: Nein, ich bin dankbar für die Erfahrungen und ich denke wir haben nun einen Weg gefunden, der durchaus gangbar ist: Weniger Aufwand bei – hoffentlich – immer noch gutem Nutzen.

PD: Herr Danielzik, vielen Dank für das Gespräch.

 

Bild: Wiedenester Buchmarkt. „Der Preis für die Bücher ori­en­tiert sich an der Buchrücken-Breite. 1 cm Buch­rü­cken kos­tet einen EUR.“ (Quelle) Verramschung in Perfektion gab es hier: „Sie bezahlen, was sie wollen!“ Oder hier nur 1 Euro pro Buch. Und hier 25% Pauschalrabatt. Der Markt ist übersättigt, „des vielen Büchermachens ist kein Ende.“ (Prediger 12:12)