Außerbiblische Zeugnisse über Jesus Christus

Ausserbiblische-ZeugnisseIm Folgenden eine Auflistung einiger Texte, die F.F. Bruce in seinem Werk „Außerbiblische Zeugnisse über Jesus Christus und das frühe Christentum“ behandelt. Einerseits beweisen sie sicher die Tatsache, dass Jesus Christus tatsächlich gelebt hat.

Andererseits will und muss Bruce gar nicht beweisen, dass die neutestamentliche Überlieferung wahr ist. Dazu gibt es die Methoden der Textkritik: „Und die Methoden der Kritik, die die historische Minderwertigkeit der apokryphen Evangelien und des mit ihnen verwandten Materials bestätigen, sind dieselben Methoden, die die Überlegenheit der neutestamentlichen Schriften bestätigen.“ (Bruce, S.213) Diese Zusammenfassung ist demnach speziell für solche gedacht, die sich neben den überlegenen Schriften auch für die minderwertigen interessieren.

150 n.Chr. verweist Justin der Märtyrer auf die offiziellen Berichte (acta) über die Kreuzigung von Jesus Christus aus der Amtszeit des Pilatus in den kaiserlichen Archiven. (Erste Apologie 35,7-9; 48,3) Der römische Schriftsteller Sueton schreibt 120 n.Chr. über das Leben des römischen Kaisers Claudius: „Die Juden vertrieb er aus Rom [ca. 50 n.Chr., Anm.] weil sie, von »Chrestos« aufgehetzt, fortwährend Unruhe stifteten.“ Gemeint sind ganz sicher »Christus« und die Kontroversen innerhalb des Judentums um die neue christliche Lehre über Gesetz, Gericht und Auferstehung. Sowohl Sueton als auch Tacitus schreiben über die Christenverfolgung durch den Kaiser Nero, Nachfolger von Claudius. Nero beschuldigte die Christen, den Brand Roms verursacht zu haben. Tacitus erklärt: „Dieser Name stammt von Christus, der unter Tiberius vom Prokurator Pontius Pilatus hingerichtet worden war. …“ (Annalen XV 44; 115-117 n.Chr.)

Im zehnten Band der Korrespondenz Plinius‘ des Jüngeren (98-117 n.Chr.) mit dem Kaiser Trajan schreibt Plinius über die Ausbreitung des Christentums und deren Gottesdienstpraxis. Im Brief stellt er die Frage, wie gegen die Christen polizeilich verfahren werden soll und beschreibt seine eigenes, bisheriges Vorgehen:

„Diejenigen, die leugneten, Christen zu sein oder gewesen zu sein, glaubte ich freilassen zu müssen, da sie nach einer von mir vorgesprochenen Formel unsere Götter anriefen und vor Deinem Bilde, das ich zu diesem Zweck zusammen mit den Statuen der Götter hatte bringen lassen, mit Weihrauch und Wein opferten, außerdem Christus fluchten, lauter Dinge, zu denen wirkliche Christen sich angeblich nicht zwingen lassen.“ (Plinius d.J., Briefe X 96)

Origenes verweist in seinem Kommentar zum Matthäusevangelium auf den Historiker Phlegon von Tralles, der in seiner »Weltgeschichte der Merkwürdigkeiten« die übernatürliche Finsternis am Tag der Kreuzigung von Jesus Christus erwähnt. (Origines Werke XI, Matthäuserklärung II) Der syrische Vater Mara bar Serapion schreibt seinem Sohn über das Unglück solcher, die weise Männer verfolgten: „Welchen Vorteil hatten die Juden davon, ihren weisen König hinzurichten? Bald darauf hatte ihr Königreich ein Ende.“ (Brief aus dem 2. Jh.; Abschrift im Britisch Museum) Clemens verweist auf den Gnostiker Basilides (2.Jh.), der versuchte, die Geburt, Taufe und Kreuzigung von Jesus Christus genau zu datieren. (Clemens von Alexandria, Stromateis I,145,3)

Der jüdische Gelehrte Josephus schrieb im Dienst für den römischen Kaiser Vespasian und dessen Sohn Domitian die »Jüdischen Altertümer«, die Geschichte der Juden. Darin erwähnt er: (1) Johannes den Täufer und seine Hinrichtung durch den damaligen Herodes Antipas (Antiquitates XVIII 116-119); (2) Jakobus „den Gerechten“ und „Bruder des Christus genannten Jesus“ (Antiquitates XX 200; vgl. Gal 1,19) und seine Steinigung durch den gerade neu eingesetzten Hohenpriester Hannes den Jüngeren, Sohn des biblischen Hohenpriesters Hannas, der Jesus Christus mit verurteilte (vgl. Lk 3,2; Joh 18,13; Apg 4,6); (3) Jesus Christus selbst (Antiquitates XVIII 63f.).

F.F. Bruce fasst über den überlieferten griechischen Text von Josephus zusammen: „Josephus legt von der Existenz Jesu Zeugnis ab, von seiner Verwandtschaft mit Jakobus dem Gerechten, von seinem Ruf als Wundertäter, von seiner Kreuzigung unter Pontius Pilatus als Folge von Anklagen, die durch die jüdischen Führer gegen ihn vorgebracht worden waren. Ferner von seinem Anspruch, der Messias zu sein, und von seiner Wirkung als Ursprung des »Stammes der Christen«.“ (Bruce, S.34)

In der slawischen Übersetzung von der »Geschichte des jüdischen Krieges« gibt es weitere Berichte über Jesus Christus, die wahrscheinlich in der griechischen Fassung von Christen hinzugefügt wurden. Darin wird z.B. der politische Konflikt zwischen den Anhängern von Jesus und den religiös-politischen Führern beschrieben: „Da sie aber sahen seine Macht, daß er alles, was er wolle, ausführe durchs Wort, so befahlen sie ihm, daß er einziehe in die Stadt und die römischen Krieger und Pilatus niederhaue und über sie herrsche.“ (Vgl. Johannes 6,15) „Und sie gingen hin und teilten es dem Pilatus mit. Und dieser sandte hin und ließ viele aus dem Volke niederhauen.“ (Vgl. Lukas 13,1)

Ein Hinweis auf die Kreuzigung von Jesus Christus findet sich im fünften Buch des »Jüdischen Krieges«. Es ist ein Verweis auf eine Warntafel im inneren Bereich des Tempels, auf der die Prophetie von Jesus Christus über die Tempelzerstörung gestanden haben soll. (Vgl. Matthäus 24,2)

In der rabbinischen Überlieferung gibt es ebenso Hinweise auf die Verurteilung, „weil er Zauberei betrieben und Israel verführt und abtrünnig gemacht hat.“ (aus dem Talmud in Bruce, S.50) Hinzu kommen Abschnitte über Maria, die Jünger und die Judenchristen. Zusammenfassend schreibt Bruce: „Die Rabbinen dieser Zeit waren sehr wohl mit der Geschichte Jesu und den Aktivitäten seiner Jünger vertraut, so nachdrücklich sie auch ihre Ablehnung dessen zum Ausdruck brachten, wofür Jesus und seine Jünger eintraten.“ (Bruce, S.58)

Bruce behandelt weiterhin den historischen Wert der apokryphen Evangelien. Das »Petrusevangelium« ist Ursprung der Doketismus-Irrlehre (= „Jesus war nur scheinbar ein Mensch“). Es beeinflusste den Koran und das islamische Verständnis von Jesus Christus. Das »Nikodemusevangelium« beruht auf den »Pilatusakten« über den Prozess und Tod von Jesus Christus und ist eine ausschmückende Erweiterung darüber, dass „Christus dem Tode die Macht genommen hat.“ (2 Timotheus 1,10)

Das »Hebräerevangelium«, das »Ebionitenevangelium« und das »Nazaräerevangelium« sind judenchristlichen Ursprungs und enthalten Passagen in Anlehnung an das Neue Testament, allerdings mit leicht abweichenden Darstellungen. So haben z.B. die Ebioniten die Jungfrauengeburt abgelehnt, den Bericht über Jesu Geburt entsprechend ausgelassen und die Taufe Jesus so abgewandelt, dass der Geist Gottes „in ihn einging“. Erst dann, so die Irrlehre, wurde er Sohn Gottes. Das »Barnabasevangelium« wurde erst viel später im 15. Jahrhundert von einem Autor verfasst, der sich vom Christentum zum Islam bekehrt hatte. Bruce geht nicht weiter darauf ein.

Kapitel 7 kommentiert das gnostische »Thomasevangelium«. Es enthält durchweg Worte, die den neutestamentlichen Reden von Jesus Christus ähneln und ihm zugeschrieben werden, sich aber von seiner ursprünglichen Lehre z.T. stark unterscheiden. Im Kern lehrt der Gnostizismus, dass nur der, der die „wahre Erkenntnis“ (= Gnosis) der Aussprüche erlangt, gerettet wird. Die Präambel überschreibt: „Dies sind die geheimen Worte, die Jesus … niedergeschrieben hat.“ Im genauen Gegensatz dazu sagt Jesus dem Hohenpriester ausdrücklich: „Ich habe öffentlich zu der Welt geredet; ich habe stets in der Synagoge und im Tempel gelehrt, wo die Juden immer zusammenkommen, und im Verborgenen habe ich nichts geredet.“ (Johannes 18,20)

Während die Thomas-Sammlung Erfundenes hinzufügt, lässt sie das Historische aus. „Keine Sammlung von Herrenworten kann zu Recht ein Evangelium genannt werden, weil sie von Natur aus keine Passionsgeschichte enthält. Die Passionsgeschichte ist jedoch das Kernstück eines echten Evangeliums. Am wenigsten kann die Logiensammlung des Thomasevangeliums als Evangelium gelten, weil ihr nicht nur eine Passionsgeschichte fehlt, sondern auch, weil sie nur ein Logion (Logion 55) enthält, das vage auf die Passion hinweist.“ (Bruce, S.142)

Kapitel 8 enthält die Übersetzung des erst 2006 veröffentlichten »Judasevangeliums« (Kapitelüberschrift: „Das gnostische Evangelium des Judas Iskariot“) aus dem Koptischen in Teil (a), gefolgt von einem kurzen Kommentar zum Text in Teil (b). Es „gehört nicht zu den großen Leistungen der Gnosis“ (S.163), trägt aber zum Verständnis der damaligen Zeit durchaus bei. Weitere außerkanonische Schriften (in Kapitel 9) sind (a) „Ein weiterer Oxyrhynchos-Papyrus“, (b) der „Egerton Papyrus 2“ und (c) mögliche (z.T. gnostische) Ergänzungen des Markus-Evangeliums.

Obwohl der Islam erst viel später nach Christus um 610 n.Chr. entstand, geht Bruce auch auf Koran und islamische Tradition ein. Bei der Betrachtung fällt auf, dass der Koran Teile der o.g. Apokryphen übernimmt. Hochinteressant und paradox: Leugnet der Doketismus den Kreuzestod Jesu und lehrt die direkte Himmelfahrt, weil seine Anhänger die Menschlichkeit Jesu verneinten, leugnet der Islam den Opfertod Jesu ebenso und auf dieselbe Weise, nur dass er gleichzeitig Jesu Göttlichkeit abstreitet. Zum Schluss schreibt Bruce über das „Zeugnis der Archäologie“: Papyri, Münzen, Steininschriften.