Biblische Archäologie – Probleme mit der Chronologie

Ramses_Temple_Abu_Simbel

»Das Alte Testament ist als historische Quelle ohne jeden Wert.« Zu diesem Schluss sind viele Wissenschaftler und auch Theologen heute gekommen, weil sich scheinbar zu weniges von dem, was in der Bibel überliefert ist, archäologisch belegen lässt. Im 19. Jahrhundert war die Sichtweise grundlegend anders: Das einzige Ziel der Forscher im alten Ägypten war, die Ereignisse der Heiligen Schrift zu bestätigen. Ob Engländer, Franzosen, Deutsche oder sogar der Vatikan — das wichtigste Motiv für die oft waghalsigen Expeditionen in den Orient war, archäologische Beweise für die Glaubwürdigkeit der Bibel zu finden.

Und nun, nach fast 200 Jahren Forschung: kaum Belege für die frühe biblische Überlieferung, dafür jede Menge Widersprüche, die durch Archäologie zum Vorschein gekommen sind? Die in der Bibel beschriebene Pracht der Königreiche Davids und Salomos, die gewaltsame Einnahme Jerichos und weiterer kanaanitischen Städte durch Josua – es scheint für grundlegende Geschehnisse biblischer Geschichte keine wissenschaftlichen Belege zu geben! Genaue Zeitangaben zu alttestamentlichen Ereignissen zu machen, ist schwierig, wenn man den Angaben der Bibel selbst nicht vertrauen will. Die zeitliche Einordnung wurde – vereinfacht dargestellt – auf folgende Art und Weise vorgenommen:

Aus der Zeit Davids, Salomos und der noch früheren Geschichte Israels konnten bisher keine Inschriften gefunden werden, die zur klaren chronologischen Bestimmung verwendet werden können. Daher bestimmt man die archäologischen Grabungsschichten unter anderem nach bestimmten Keramikfunden, Amuletten und anderen Funden, die für eine Epoche typisch sind. Werden solche Gegenstände zum Beispiel in Ägypten wieder gefunden und lassen sie sich eindeutig einem Pharao zuordnen, kann die Chronologie Israels mit der Ägyptens an solchen Stellen synchronisiert werden.

Genaue Datumsangaben, die man aufgrund astronomischer Berechnungen oder gut bezeugter geschichtlicher Ereignisse zu wissen glaubt, erlauben zusammen mit den Regierungszeiten von Pharaonen, die man von einigen Königslisten her kennt, die Bestimmung von Jahreszahlen. Hinweise in der Geschichte des alten Ägypten auf vermutliche Zusammenhänge mit der Bibel legen die Einordnung in eine bestimmte archäologische Epoche nahe. So nehmen heute viele Archäologen an, dass Israel zur Zeit von Pharao Ramses II. aus Ägypten ausgezogen ist. Für ihn wurde die Stadt »Ramses« gebaut, so spekuliert man, ohne dafür konkrete Belege aus jener Zeit zu haben.

Vierzig Jahre später müssten die Israeliten in Kanaan angekommen sein. Da man aber in den vermuteten Schichten aus dem Ende der Späten Bronzezeit um 1200 v.Chr. keine Spuren einer gewaltsamen Eroberung finden konnte, wie sie in der Bibel beschrieben ist, geht man davon aus, dass das Gelobte Land friedlich und schleichend in Besitz genommen wurde. Die Glaubwürdigkeit der Bibel ist somit für viele Forscher infrage gestellt, bis zu der Feststellung des Archäologen Israel Finkelstein: »Den Auszug aus Ägypten, die Einnahme Kanaans, das Großreich unter König David und den Tempelbau in Jerusalem unter König Salomon gab es ebenso wenig wie die Posaunen vor Jericho. Jerusalem unter David und Salomon war ein größeres Dorf – sicher ohne zentralen Tempel und großen Palast.«

Doch dank der Untersuchungen mehrerer Forscher, die die Bibel ernst nehmen wollen, wie zum Beispiel John Bimson, Peter van der Veen, Uwe Zerbst und David Rohl, macht sich ein Verdacht breit: Die Archäologen haben zwar an den richtigen Plätzen nach Belegen für die Erzählungen der Bibel gesucht – aber in den falschen Epochen. Neue Überlegungen zur Chronologie Ägyptens liefern überraschende Erkenntnisse, und die Spurensuche unter der Voraussetzung einer alternativen Datierung bringt uns den Menschen der Bibel und ihren Erlebnissen einen entscheidenden Schritt näher. So glaubt der Ägyptologe David Rohl sogar, eine Statue des Großwesirs Josef gefunden zu haben.

Folgt man diesen neuen Überlegungen, verschiebt sich die Zuordnung der ägyptischen zur israelitischen Zeitrechnung um über 200 oder gar 350 Jahre. Plötzlich passen mehrere archäologische Befunde erstaunlich gut zur biblischen Überlieferung. Wer mehr darüber erfahren möchte, findet in den Büchern »Biblische Archäologie am Scheideweg?« und »Keine Posaunen vor Jericho?« die ganze wissenschaftliche Bandbreite der Diskussion.

Die traditionelle Chronologie des Alten Ägypten teilt die Geschichte in drei Reiche auf, die weiter unterteilt sind. Insgesamt kennt sie 31 Herrscher-Dynastien. Es gibt aber auch Abweichungen in den Einteilungen und Zeitangaben, die kleine Details betreffen. Die folgende Aufstellung ist dem »dtv-Atlas Weltgeschichte« und dem Buch »Lexikon der Pharaonen« von Thomas Schneider entnommen:

1. und 2. Dynastie von ca. 3000 bis 2850 v. Chr.
• Thinitenzeit (Isolierung anderen Völkern gegenüber, Bau von Königsgräbern)

Altes Reich und Erste Zwischenzeit von 2850 bis ca. 2000 v. Chr.
• Pyramidenzeit (Bau von Pyramiden und Heiligtümern)
• Erste Zwischenzeit (Einheit des Staates zerfällt)

Mittleres Reich und Zweite Zwischenzeit von ca. 2000 bis 1540 v. Chr.
• 12. Dynastie (Bau großer Tempelanlagen, größte Ausdehnung und Glanzzeit des Reiches)
• Zweite Zwischenzeit (Innenpolitische Wirren und Einfall der Hyksos-Fremdherrscher)

Neues Reich und Dritte Zwischenzeit von 1540 bis 715 v. Chr.
• Große Machtentfaltung unter Ahmose, Amenophis 1. und Thutmosis I. sowie Königin Hatschepsut. • Größte Ausdehnung des Neuen Reiches unter Thutmosis III. (1480 bis 1448 v. Chr.) • Amenophis IV., Nofretete, Tut-Ench-Amun und Echnaton regieren im 14. vorchristlichen Jahrhundert • Ramses II., der als Zeitgenosse des biblischen Mose gilt
• Während des Neuen Reiches werden riesige Tempelbauten errichtet, z. B. in Karnak und Luxor, auch die Kunst bringt Erstaunliches hervor, wie die Köpfe Echnatons und der Nofretete. • Dritte Zwischenzeit (1070 bis 715 v. Chr.) • Libysche Fremdherrschaft, geteiltes Ägypten

Die Spätzeit von 715 bis 332 v. Chr.
• Fremdherrschaft durch Äthiopier, Assyrer. Im 7. Jahrhundert kann sich Ägypten noch einmal befreien und wird Seemacht.
• 525 wird Ägypten zur persischen Provinz und 332 v. Chr. erobert schließlich Alexander der Große das Land.

Peter van der Veen und Uwe Zerlast liefern in ihrem Buch »Biblische Archäologie am Scheideweg?«, wie auch David Rohl in »Pharaonen und Propheten«, viele Belege für wahrscheinliche Fehler in dieser herkömmlichen Chronologie: Zum Beispiel stellen sie fest, dass die Gleichsetzung Scheschonqs I. mit dem biblischen Schischak (1. Könige 11,40) keineswegs gesichert ist. Obwohl der biblische Pharao Schischak Jerusalem als Hauptziel seiner Militärkampagne wählte, wird die judäische Hauptstadt nirgendwo in den Annalen Scheschonqs erwähnt. Vielleicht ein Hinweis darauf, dass die Dritte Zwischenzeit viel kürzer war und in dieser Zeit teilweise mehrere Königshäuser gleichzeitig regierten (zum Beispiel die 21. bis 25. Dynastie).

Falls es nun tatsächlich zutrifft, dass die ägyptische Chronologie »verkürzt« werden muss, so würde daraus eine bessere Verbindung zwischen Archäologie und den biblischen Geschichten der Erzväter bis zu den frühen Königen Israels (ca. 200 bis 900 v. Chr.) erfolgen! Bei Verkürzung um 200 oder mehr Jahre würden sich ganz neue Parallelen ergeben. Nachdem David Rohl viele Unstimmigkeiten ausgeräumt hat, kommt er zu interessanten Feststellungen:

• Pharao Schischak (925 v. Chr.) ist mit einem ramessidischen Pharao gleichzusetzen, möglicherweise mit Ramses III. (1180 v. Chr. nach traditioneller Chronologie) oder gar mit Ramses II. (ca. 1180 v. Chr. – traditionell). Beide Pharaonen kämpften gegen Gebiete in Juda und beide trugen den Kurznamen »Sisa«.

• Wenn Salomo (10. Jahrhundert v. Chr.) in der Späten Bronzezeit regierte (1300 bis 1200 v. Chr. nach traditioneller Chronologie) und nicht wie bisher angenommen in der Eisenzeit, so spiegeln archäologische Funde aus dieser Zeit wie Monumentalbauten in Hazor, Megiddo und Jerusalem sowie Elfenbein- und Edelsteinschätze das in der Bibel beschriebene Großreich wider.

• Das biblische Jericho ist gleichzusetzen mit den Überresten der Stadt am Ende der Mittleren Bronzezeit, die durch ein Erdbeben und anschließend durch einen Brand verwüstet wurde und danach mehrere Hundert Jahre lang eine Ruine blieb. Nach der traditionellen Chronologie wurden Spuren der Zerstörung einer befestigten Stadt in der Späten Bronzezeit gesucht, aber nicht gefunden.

• Josef war ein mächtiger ägyptischer Wesir während der 12. Dynastie im Mittleren Reich, der in der Stadt Avaris im Land Goschen gelebt hat und dort begraben wurde.

Hauptsächlich in Avaris siedelten die Israeliten in den folgenden Jahrhunderten.

– Timo Roller in Bible Earth, S.55-60 // Bild: Eingang des Tempels Ramses II. in Abu Simbel, Ägypten

 

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