Christlicher Lobpreis: »Seid ihr glücklich?!?!?!«

Kind_mit_GitarreDer Lobpreisleiter fing schon mit diesem Grinsen an, für das man eigentlich einen chirurgischen Eingriff bräuchte, um es an einem Sonntagmorgen zustande zu bringen. Dann schlug er einen fröhlichen Akkord auf seiner Gitarre an und rief: »Seid ihr glücklich?!« Die Gemeinde grummelte irgend etwas Undefinierbares. Der Lobpreisleiter zog seine genetisch abgewandelten Mundwinkel noch ein Stückchen höher, ließ noch einen fröhlichen Akkord von seiner Gitarre erklingen und rief wieder: »Seid ihr wirklich glücklich?!?!« »Ja…«, antwortete die Gemeinde gedehnt und gab sich wirklich alle Mühe, diesmal einigermaßen überzeugend zu klingen. Aber auch das war noch nicht gut genug. »Das reicht noch nicht«, rief der Lobpreisleiter, »Los – schließlich sind wir in der Kirche! Also: Seid ihr glücklich?!?!?!« – »JA!!!«

An dieser Stelle des Gottesdienstes stand ich auf und schrie: »Ich bin NICHT glücklich. Und das Einzige, was mich jetzt glücklich machen würde wäre, Dir die Gitarre in den Hals zu rammen!«

Naja, ich bin nicht wirklich aufgestanden. Ich saß einfach nur da mit verschränkten Armen und grollte. Es war kein guter Start für mich, und im Laufe des Gottesdienstes sollte es nicht besser werden. Ich merkte, wie ich die Worte hörte, die ich sang, und mich fragte, was sie mit meinem Leben zu tun hatten.

Das Problem war: Diese Lieder waren so… naja… fröhlich. Da waren Lieder voller Zuversicht und Siegesgewissheit, Dankbarkeit und Freude, Heiterkeit und Entzücken. Alles, was mit Schwierigkeiten und mieser Stimmung zu tun hatte, war nicht vorhanden. Ein einziges Mal wurden Probleme erwähnt – allerdings nur, um zu sagen, dass Jesus sie alle aus dem Weg geräumt hat. »Inwieweit trifft das auf MEIN Leben zu?«, fragte ich mich. Nicht, dass ich nach dem letzten Strohhalm griff oder besonders mürrisch war. Aber ich hatte genug um die Ohren das es mir sehr leicht machte, NICHT so zu tanzen wie David getanzt hat. Warum gibt es keine Lieder, die ungefähr so klingen:

»Wenn ich heute so in Deiner Gegenwart steh‘,
fühl‘ ich mich alles andere als ok« …?

An dieser Stelle wirst Du vielleicht sagen: »Moment mal! Die Gemeinde ist nicht dafür da, dass Du Dich in Deinen eigenen Problemen suhlst. Es kommt darauf an, sich auf Gott auszurichten, wer er ist und was er getan hat. In seiner Gegenwart werden Deine Probleme verschwinden. Also, stell‘ Dich nicht so an, Du Heulsuse!«

Ich bin da anderer Meinung. Ich glaube, irgend etwas stimmt nicht mit unserer Anbetung. Und ich kann auch sagen, warum: Während der Predigt – die mich übrigens auch nicht vom Hocker riss – nahm ich eine Bibel und blätterte durch die Psalmen. Der Kontrast zwischen dem, was ich las, und dem, was wir in den letzten 40 Minuten gemacht hatten, hätte krasser nicht sein können. Ja, die Psalmen sind voll von Lobeshymen, Freudentänzen und so weiter. Aber da gibt es auch eine ganz andere, dunklere Seite. Da sind Lieder voller Depression, Bitterkeit und Verzweiflung. Lieder, die Gott anklagen und sich bei Gott beschweren.

»Herr, ich schreie zu dir um Hilfe. Schon früh am Morgen klage ich dir mein Leid. Warum hast du mich aufgegeben, Herr? Warum verbirgst du dich vor mir?« (Psalm 88:14f.)

Der springende Punkt ist nicht nur, dass so etwas in der Bibel steht, sondern, dass es auch noch ein Anbetungslied ist! Das Buch der Psalmen ist das Gesangbuch der Bibel, und so etwas wie Psalm 88 wurde in der Anbetungszeit gesungen. Zwar wissen wir nicht, zu welcher Melodie es gesungen wurde, aber besonders fröhlich wird es nicht gewesen sein. Wie kommt es also, dass man solche Lieder nicht unserer Anbetungszeit findet? Warum spiegelt unser Lobpreis nur die Hälfte unseres Erfahrungsschatzes wieder?

Mir fallen da einige mögliche Gründe ein: (1) Im Leben von Christen passieren keine schlimmen Dinge. (Ja, klar…) (2) Falls es doch soweit kommen sollte, dass etwas Schlimmes passiert, sind wir so fromm, dass wir gar nicht zulassen, dass es uns herunterzieht. (3) Wenn etwas Schlimmes passiert, zieht uns das zwar herunter. Aber weil wir glauben, dass das nicht sein darf, geben unsere Lieder vor, dass es auch nicht so ist. (4) Die Gemeinde wird als ein Ort angesehen, an dem man seinen Problemen entfliehen kann. (Ich hoffe nicht. Das wäre keine gute Art, mit Problemen umzugehen. Noch würde es die Beziehung zu Gott verbessern.) (5) Wir wollen keine Lieder über negative Dinge singen, weil die Hälfte der Leute in der Gemeinde fröhlich sind. Aber – wenn das so ist, warum singen wir dann Lieder darüber, wie gesegnet und geliebt wir uns fühlen, wenn es der Hälfte der Gemeinde ganz anders ergeht?

Wir glauben, dass Zweifel und Klage in der Anbetungszeit nichts zu suchen haben, weil wir Gott damit nicht ehren. Aber wer auch immer die Psalmen geschrieben hat wusste, dass man in der Anbetung echt sein darf. Auch, wenn das bedeutet, dass wir schlecht drauf sind. Es scheint so, als könne Gott damit umgehen. Tatsache ist, dass wir im Vergleich zur Anbetung im Alten Testament einige Mängel aufweisen. Was also können wir tun?

Zunächst einmal könnten wir etwas weniger davor zurückschrecken, Psalmen im Gottesdienst vorzulesen. Außerdem könnten Lobpreisleiter uns dazu anleiten, auch Klagegebete zu sprechen, wenn uns danach ist. Und schlussendlich könnten auch unsere Liedermacher ein paar dieser Klagepsalmen zu Liedern verarbeiten. Und die dürfen ruhig auch mal depressiv klingen!

Steve Tomkin
Aus dem Englischen übersetzt von Ilona Mahel

Erschienen am 06.08.2001 in www.jesus-online.de
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