Das Ende meiner Zeltmacher Mission

Spenden_sammeln

Nein, nicht dieser Internetdienst ist gemeint sondern die Missionsarbeit vor Ort. Die folgenden Gedanken zu dessen Ende sind persönlich. Ich schreibe sie trotzdem, weil ich ein Tabu brechen will. Es geht ums Geld und zwar um jenes, das Christen geben sollten, damit es den Gemeinden besser geht, sie geistlich besser versorgt werden und missionarisch aktiver wirken können. Nicht irgendwo, sondern auf dem Missionsfeld Deutschland. Nicht andere, sondern wir Deutsche. Da ich nun acht Jahre lang meine Erfahrungen sammeln durfte denke ich, zum Thema beitragen zu können. Und vielleicht ist ja der Tag der Reformation ein ganz guter Zeitpunkt.

Im Frühjahr 2003 habe ich fröhlich meine Stelle gekündigt und eine Karriere aufgegeben, um dem HERRN vollzeitlich zu dienen. Im Herbst 2011 bewerbe ich mich nun genauso fröhlich um eine neue Stelle, weil ich dem Zirkus rund ums Geld endgültig absagen will. Seit Jahren balancieren wir auf einem Hochseil gespannt zwischen der Unterstützung treuer Geschwister und den Einnahmen aus unserem Gewerbe, das wir angefangen haben bzw. anfangen mussten. Es reicht einfach nicht, wir fallen oft vom Seil und es fehlt das solide Fangnetz, das Missionare besser haben sollten.

Der Geier hat mich mit seinem Aufsatz „…bereits gefallen“ in der Entscheidungsfindung unterstützt. Sein Beitrag ist gegen die Mietlinge gerichtet, die sich zum Pastorendienst anmieten lassen, auf Kosten der Schafe leben und der Gemeinde letztlich schaden. Er beschreibt die Auswirkungen des Systems und die gemeindliche Situation in Deutschland. In einigen Punkten hat er recht, in anderen m.E. nicht. So will ich das eine aufgreifen und das andere zurückweisen. Jeder trägt wohl seine eigene Brille, durch die er die Bibel liest bzw. übersetzt.

Die Berufung zum Dienst – und dann?

In Deutschland ist es in christlichen Kreisen üblich, dass der Einzelne mit oder ohne Familie eine Berufung zum vollzeitlichen Dienst empfängt und dann zusehen muss, woher er das Geld dazu bekommt. Der erste Gedanke – ich hatte denselben! – ist natürlich, dass Gott schon sorgen wird. Der zweite Gedanke folgt zwingend am nächsten Morgen zusammen mit der Frage, was man eigenverantwortlich beitragen darf, um seine Situation zu verbessern. Und so tingeln die Leute durch die Gemeinden, stellen sich vor und präsentieren fleißig, damit sich der eine oder andere erbarmt und sein Herz „berührt wird“. Oder reicht es schon, den ganzen Tag über zu beten in der Hoffnung, gleich klopft es an der Tür und eine alte Dame übergibt einen großzügigen Scheck? Hatte Georg Müller es damals nicht genauso erlebt?

Auf Biographien wie die von Georg Müller wird gerne verwiesen. Ja, er ist tatsächlich durchs Feuer gegangen und hatte am Anfang zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben. Ganz sicher hat Gott durch ihn ein finanzielles Wunder getan und Ihm sei alle Ehre dafür. Aber es ist nicht der Normalfall und – was noch wichtiger ist – auch Müller hatte durch viel Öffentlichkeitsarbeit seinen Bekanntheitsgrad gesteigert und es war jedem offensichtlich, dass er für seinen Dienst unter Waisen nun mal Spenden benötigt. Dasselbe gilt für Hudson Taylor und – um ein aktuelles Beispiel zu nennen – auch für Prediger wie Paul Washer, der sich werbewirksam in vielen Blogs zeigen lässt und per Video in HD-Qualität verkündet, er verlasse sich stets „allein auf Gott.“

Das eigene Leben im Vergleich zu Paulus

Das klassische, biblische Beispiel zum Thema – auf das auch der Geier verweist – ist Paulus der Zeltmacher. Er konnte neben seiner Mission arbeiten, warum dann nicht auch wir? Wer das auf seiner Suche nach brüderlicher Unterstützung als gut gemeinte Antwort bekommt, der kämpft zunächst mit seinen Schmerzen und vergleicht dann seine Situation mit der von Paulus.

Genauso wie Müller ist auch Paulus sicher nicht der Normalfall. Ich wünsche mir und bete darum, dieselbe Gnade zu empfangen aber bislang bekomme ich sie nicht. Es fehlt mir die Freimütigkeit, der Glaubensmut und die emotionale Stärke. Kurzum, ich breche einfach früher zusammen und kenne mein Maß (Römer 12:3). Wenn ich gesteinigt werde, weiß ich nicht ob ich danach wieder aufstehe. Die Frage sei außerdem gestattet, ob der Leser dann heute wie damals zusammen mit anderen Brüdern neben mir steht, um für mich zu beten und mir aufzuhelfen…

Ein zweites Problem das Paulus im Vergleich zu mir nicht hatte ist die Verantwortung für Frau und Kinder. Wenn ich mangels Einkommen vom Brot der Tafel e.V. und von Kranwasser lebe, macht mir das nicht viel und ich kann es auf mich nehmen. Wenn aber meine Kleinen in den leeren Kühlschrank schauen und fragen, wann wir wieder einkaufen gehen, dann tut das weh und die Zweifel kommen, ob der eingeschlagene Weg noch richtig ist. Genausowenig kann ich mir vorstellen, dass allein die Ehelosigkeit der optimale Weg sei.

Im dritten Punkt wollten wir Paulus nachahmen und haben mit einem Gewerbe begonnen. Es ist ein großer Unterschied, ob ich selbständig als mein eigener Chef arbeite und mir die Zeit einteilen kann oder ob ich irgendwo angestellt bin. Als Angestellter bin ich einerseits zeitlich gebunden und andererseits bemüht, meine Anstellung nicht wieder zu verlieren. „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“ gilt nicht nur für den Pastor sondern auch für den Buchhalter genauso wie für den Pizzabäcker. Seinen Notizen ist zu entnehmen, dass Geier selbständig arbeitet und sich im Herbst um seine Kunden kümmert, damit er später wieder mehr Zeit für seinen Blog hat. Zeit ist also Geld und wer Geld verdienen muss hat eben keine Zeit für andere Dinge. Früher habe ich bis zu 70 Stunden die Woche arbeiten müssen weil mein Chef es so gewollt hatte, da reichte es nicht einmal mehr für den Kirchenchor. Ich konnte eigentlich nur spenden.

Wovon Jesus und die Jünger lebten

Was bringt es, über eigene Erfahrungen zu sprechen, wenn allein die Schrift gilt? Recht hat der Leser, also studieren wir die Bibel und kommen so später auf Paulus zurück. Wir beschränken uns auf das NT. Dass der Unterhalt der Priester im AT penibel genau geregelt war, sei nur am Rande erwähnt.

Jesus zum Beispiel hatte sich auch versorgen lassen von den dienenden Frauen (Lukas 8:3). Wenn nun der Meister selbst den niedrigen Weg einschlug und sich der „Bedürftigkeit“ preisgab, warum sollten wir einen höheren Weg einschlagen? So predigt zum Beispiel Oswald Chambers und ich denke er hat recht. Mir persönlich ist diese Tatsache schon genug und sie hat mich lange getragen.

Die Jünger gingen von Haus zu Haus und wo immer sie aufgenommen wurden, da sollten sie bleiben und sich natürlich auch versorgen lassen (Lukas 10:7). Bis heute ist das in manchen Gebieten üblich und ich darf erwähnen, dass auch wir schon Menschen bei uns aufgenommen haben. In China sind Zweiergruppen von Haus zu Haus gegangen und haben so evangelisiert. Sie wurden bewirtet und Chinas Gemeinde ist gewachsen. Vielleicht liegt es an meinem Kleinglauben, aber für den Dienst in Deutschland kann ich es mir nicht vorstellen.

Die Situation in Deutschland

Es scheitert nicht am guten Willen. Wir müssen die Gesamtsituation sehen und nüchtern unsere Schlüsse daraus ziehen. Nach jahrelangem Gebet müssen wir einsehen, dass Gott andere Pläne mit uns hat und die gemeindliche Situation in Deutschland eben ist, wie sie ist. Und hier hat der Geier recht und mir auch die Augen geöffnet. Nur schaue ich von der anderen Seite auf das Thema.

Viel zu oft lassen wir uns mittlerweile leiten von Gedanken wie: „Was werden unsere Geldgeber sagen? Wie sind die Erwartungen der Menschen? Was erwartet die Gemeinde? Ab wann sind wir unterstützungswürdig? Was legitimiert uns zum vollzeitlichen Dienst? Reicht das, was wir tun oder müssen wir noch mehr machen? Oder etwas anderes? Dabeibleiben oder aufhören, weil es zu wenig (vorzeigbare) Frucht bringt? Oder reicht nicht etwa die empfangene Berufung?“ Vertrauen auf Gott ist eine Sache, und doch müssen regelmäßig Entscheidungen gefällt werden.

Auf solch einer Basis lässt sich nicht arbeiten. Von diesen Gedanken geplagt findest Du weder Zeit zur nötigen Entspannung noch die Kraft für irgendeinen geistlichen Dienst. Die hohen und zum Teil auch unbekannten Erwartungen von unterschiedlichen Seiten zerreissen einem die Seele. Anders bei Paulus: Auch wenn er es sicher schwerer hatte als wir alle zusammen, so war er doch Glied des einen Leibes Christi – nicht nur auf dem Papier sondern auch in der Praxis.

Die Situation des Paulus im Vergleich

Viele genauso wie Geier übersehen, dass selbst der Muster-Apostel Unterstützung bekam und wohl auch froh darüber war. Nicht, weil er sonst verhungert wäre, sondern weil er sich so von seinem Gewerbe abwenden und sich dem Verkündigungsdienst vollzeitlich zuwenden konnte. Zur Mission hatte die Gemeinde in Antioch ihn ausgesandt und die Philipper haben für ihn mitgesorgt. Und mit seinen zahlreichen Mitarbeitern hat er kooperiert, um für die Bedürfnisse aller zu sorgen. Es war eine biblische Gemeinschaft gegenseitigen Tragens. (vgl. Apg 13:2f.; 18:3-5; Phil 4:15f.)

Wer einen Blog betreibt, der kann nebenbei arbeiten gehen. Oder anders, wer arbeiten geht kann je nach Arbeitsvertrag auch nebenbei einen Blog betreiben. Vielleicht kann er auch Sonntags predigen und am Donnerstag die Bibelstunde halten. Aber viel mehr kann er nicht tun, schon gar nicht wenn er Familie hat und in seine Ehe und in seine Kinder investieren muss. Ein missionarischer Dienst wie Paulus ihn getan hat ist ohne das Mittragen anderer unmöglich. Dasselbe gilt übrigens auch für die Ausbildung auf dem Weg zu diesem Dienst. Paulus war erstklassig ausgebildet!

Nicht einmal gewerbliche Arbeiten mit christlichen Büchern oder Nachrichten sind in Deutschland ohne Unterstützung zu stemmen. Herr Gassmann braucht sie, Herr Deppe hat auch einen Verein gegründet, und Magazine wie idea, Medienmagazin pro und factum fragen ebenso nach Spenden. Wer es nicht glaubt oder anderer Meinung ist, der recherchiere oder er wage den Selbstversuch.

Zuletzt finde ich tragisch, wie Geier 1. Korinther 9 interpretiert. Weder verstehe ich seine Übersetzung noch seine Argumentation. Paulus sagt in den Versen er habe ein Recht, dessen er sich nicht bedient. Heldenhaft, aber das Recht zur Versorgung bleibt. Der Leser mag selbst urteilen.

Die Lösung des Ganzen

…besteht darin, dass die Gemeinde nicht einen Pastor anstellt, um sich selbst in den Bänken zur Ruhe zu setzen. Das ist wohl auch der wunde Punkt, den der Geier zuallererst treffen will.

Die Verantwortung liegt also, das ist mein persönliches Ergebnis auch in unserem Fall, nicht bei dem Einzelnen, der aus guten Motiven heraus seinem HERRN, seiner Gemeinde, vielleicht seinem Land und vor allem den Menschen auf dem Missionsfeld dienen will. Die Verantwortung liegt stattdessen bei der ganzen Gemeinde und an die sind meine Worte gerichtet in der Hoffnung, es findet ein Umdenken statt. Es wäre ein guter Schritt in Richtung Reformation.

Ich hatte oben erwähnt, dass in Deutschland der Einzelne seine Berufung empfängt. Das ist m.E. deshalb so, weil die Gemeinde ihrem Auftrag selbst nicht mehr gerecht wird. Sie müsste von sich aus die nötigen Mittel sammeln und mit dem Missionsauftrag vor Augen bestimmte Mitglieder fördern, um ihrem gemeinsamen Auftrag besser nachkommen zu können. Das Betteln um Mittragen hätte ein Ende. Es wäre ähnlich wie in Korea, und es ist mein Traum und Gebet für Deutschland.

Dem Deutschen ein Deutscher

Deutschland ist Missionsland. Das erkennt man auch daran, dass wir immer mehr Christen aus dem Ausland begegnen, die sich hier Missionare nennen. Ich kenne relativ viele aus Asien, Afrika und Lateinamerika. Ich heiße sie willkommen und achte sie als Brüder, aber zur Mission unter Deutschen sind die Wenigsten geeignet geschweige denn ausgebildet und ausgesandt wie Paulus damals. Wer mich kennt, dem sage ich nichts Neues.

Die Kritik im einzelnen spare ich mir hier. Kurz gesagt – der Beitrag ist schon lang genug – appelliere ich an die (noch) bestehenden Gemeinden, einfach mal die Geldbörsen, Gemeindekassen und Bankkonten zu plündern und in die Missionsarbeit vor Ort zu investieren. Älteste, beugt eure Häupter und erkennt, wie geistlich arm wir in Deutschland geworden sind. Die Taschen und Konten sind zwar voll, aber die Bänke und Stühle bleiben leer. Möge es bald genau umgekehrt sein. Investiert in die Mission, fördert die Missionare – Deutsche, in Deutschland!

Dieser Beitrag ist auch geschrieben im Gedenken an die Mitarbeiter aus unserem Umfeld, die im treuen Festhalten an ihrem Dienst schließlich zusammengebrochen und heute in ärztlicher Behandlung sind. Sie sind mir eine Warnung und deshalb bin ich ihnen zu Dank verpflichtet.

– Rami A. // Bild: ©pixelio/Burkard Vogt

 

Kommentare zum Beitrag

Du schreibst vom Investieren in die Missionsarbeit und dem Beugen der Häupter …. Leider hat sich (nicht nur) in unseren Landen inzwischen eine derartige Lauheit breitgemacht, die dazu führt, dass wir bestenfalls nur noch -christlich angehaucht- konsumieren … in Gemeinden und vor dem Fernseher. Beugen, ja das täte Not !

Wir sind so verwöhnt und faul geworden, dazu verführt und voller frevelhafter Sünde. Wir aalen uns im weltlichen Dreck. Wie soll da Geld für die Mission locker gemacht werden ? Die Welt erzählt uns von einer Krise nach der anderen und dass uns nichts im Porte-Monnaie bleibt. Wir brauchen hier in Deutschland eine Erweckung unter den eingeschlafenen Gläubigen. Wir haben Buße zu tun unter unserer Lau- und Faulheit. Wir haben aufzustehn von unseren Fernsehsesseln für unseren HERRN!

Und wir haben zu Beten !! Wir haben unsere Knie im Gebet jeden Tag vor unserem HERRN zu beugen. Für unser Versagen in den Gemeinden, in den Familien, am Arbeitsplatz, für unsere Geldliebe. Wir haben für die Geschwister einzustehen, die am anderen Ende der Welt im Dienst für den Herrn Jesus stehen. Wir haben für uns zu beten, die wir täglich vor der Haustür in den Dienst treten. Die Gebetsarmut bringt uns geistlich um !

Dabei haben wir heute den selben Gott, der auch einen Petrus aus dem Gefängnis holte! Ja, es ist so. Was uns fehlt, ist zumeist der Glaube an diesen Gott, der uns doch nach unserem Herzen tun möchte. Ja, uns fehlt vielleicht auch die gesunde Nüchternheit, trotzdem ist fehlender Glaube, fehlendes Vertrauen und generell Verführung und Lauheit das Hauptproblem (nicht nur) unserer Zeit. Lasst uns für unser Volk und die Unerretteten weltweit auf die Knie gehen.

– dbg

Wer hätte daran gedacht? Diese Frage stelle ich mir bei diesem so genialen Artikel.

Wir Christen in Deutschland sind geprägt von genau diesen Vorstellungen und damit kommen wir einfach nicht mehr weiter (gerade in einem so teuren Land). Jeder Missionar der es iwie schafft sich und seine Familie durchzubringen zweifelt wohl nicht so sehr an diesem Konzept der Versorgung. Und jemand der ein Herz für die Mission hat, aber dessen Finanzierung nicht steht, wird entweder an sich selbst, an Gott oder an seinen Geschwistern verzweifeln. In den meisten Fällen hört man von diesen Personen jedoch nichts mehr. Deinen Beitrag finde ich gerade deshalb mutig und mehr als dringend notwendig.

Ganz schlimm finde ich es ja, wenn man hört, dass jeder der keine Finanzierung auf die Beine gestellt bekommt wohl auch nicht berufen ist. Wie kann das sein, wo die Schuld (wenn man überhaupt von einer sprechen kann) bei allen anderen liegt??? Wir haben kranke Vorstellungen von Mission und vielleicht gerade deshalb auch kranke Gemeinden. Wenn WIR nicht neu über Mission nachdenken, stellt sich die Frage wer die Gemeinde von morgen sein soll!!!

– Bibelfreak

In jedem Ende wohnt ein neuer Anfang inne

Der Text hat mich sehr bewegt und eigentlich kann ich darüber nichts Intelligentes schreiben. Nur, dass es ein wenig traurig ist und ich darüber lange nachdenken muss. Ich weiß, dass sich Gott nicht verändert hat und derselbe heute, so wie zu Georg Mülllers Zeiten ist, dessen Biographie mir die liebste ist.

Danke für Deine Offenheit und für diese ehrlichen Zeilen.

– ub

Bedenkenswerter und lesenswerter Artikel. Solche Gedanken müssen gemacht werden.

Gottes Segen, Simon

– Unwise-Sheep


Geier @Rami A.

In Deutschland ist es in christlichen Kreisen üblich, dass der Einzelne mit oder ohne Familie eine Berufung zum vollzeitlichen Dienst empfängt …

Ja. Und dies ist schon der Ausgangspunkt vieler Mißverständnisse: Es gibt keine Berufung zum vollzeitlichen Dienst. Es gibt Berufungen zum Hirtendienst, zum Evangelisten- oder Lehrdienst, zum prophetischen oder apostolischen Dienst, aber es gibt keine Berufung zum hauptamtlichen Dienst. Denn Hauptamtlichkeit ist eine Arbeitsweise, aber kein Dienst an sich. Viele haben das nicht verstanden und warten darauf »von Gott in den vollzeitlichen Dienst gerufen zu werden«. Das wird nie geschehen. Wenn jemand also zum Beispiel zum Lehrer berufen wird, dann ist die Aufgabenstellung ganz einfach, daß er lehrt. Diese simple Tatsache ist in Röm. 12, 6 — 8 ausgedrückt, Verse, die so schlicht sind, daß man sich beim ersten Lesen fragt, was sie uns überhaupt sagen sollen.

Eine Berufung zu einem Dienst hat zunächst gar nichts mit der Art des Einkommens zu tun und muß auch nicht bedeuten, daß diese sich grundlegend ändert. Wir sollten den Begriff »vollzeitlicher Dienst«, der ja kein biblischer Begriff ist, am besten aus unserem geistlichen Vokabular streichen und stattdessen über den Inhalt und die Zielsetzung unseres Dienstes sprechen, also über das Lehren oder das Hirten zum Beispiel. Wie diese Dienste finanziert werden oder wieviel Zeit wir dafür aufwenden, tritt dann erst einmal in den Hintergrund und kann sich auch über die Jahre hinweg in die eine oder andere Richtung verschieben.

Dasselbe gilt für Hudson Taylor und – um ein aktuelles Beispiel zu nennen – auch für Prediger wie Paul Washer, der sich werbewirksam in vielen Blogs zeigen lässt und per Video in HD-Qualität verkündet, er verlasse sich stets „allein auf Gott.“

Wenn ich das richtig verstanden habe, kommt Washer aus einem Umfeld erheblichen Wohlstandes. Für ihn war es wohl gerade der nötige Glaubensschritt, das hinter sich zu lassen und sich nicht auf das Anhäufen weiteren Wohlstandes, sondern auf die Verkündigung zu konzentrieren — vermute ich.

Seinen Notizen ist zu entnehmen, dass Geier selbständig arbeitet und sich im Herbst um seine Kunden kümmert, damit er später wieder mehr Zeit für seinen Blog hat.

Natürlich nicht nur im Herbst, sondern das ganze Jahr. Im Herbst ist es nur erfahrungsgemäß etwas hektischer. Im großen und ganzen kann ich sehr dankbar sein, daß das alles so funktioniert.

Jesus zum Beispiel hatte sich auch versorgen lassen …

Viele genauso wie Geier übersehen, dass selbst der Muster-Apostel Unterstützung bekam und wohl auch froh darüber war. Nicht, weil er sonst verhungert wäre, sondern weil er sich so von seinem Gewerbe abwenden und sich dem Verkündigungsdienst vollzeitlich zuwenden konnte.

Hier besteht die Gefahr, daß wir die Lebensweise eines kurzen Lebensabschnitts verallgemeinern: Denn Jesus hat sicherlich die meisten Jahre vom Erwachsenwerden an regulär gearbeitet. Daß eine zeitweise Unterstützung für bestimmte Dienste möglich ist und richtig sein kann, hatte ich ja auch zugestanden; eine »Klerikalbiographie«, also einen geistlichen Dienst als Berufsgrundlage, hatte Jesus jedoch nicht. Und auch für Paulos gilt das sinngemäß. Ich sehe einen grundlegenden Unterschied zwischen einer zeitweisen Unterstützung, damit sich jemand besser auf einen bestimmten Dienst konzentrieren kann und einer festen Anstellung mit Arbeitsvertrag und Lohn- und Rentenansprüchen, die vor weltlichen Gerichten einklagbar sind.

Die hohen und zum Teil auch unbekannten Erwartungen von unterschiedlichen Seiten zerreissen einem die Seele. Anders bei Paulus: Auch wenn er es sicher schwerer hatte als wir alle zusammen, so war er doch Glied des einen Leibes Christi – nicht nur auf dem Papier sondern auch in der Praxis.

Ich weiß, was Du damit meinst, aber trotzdem: Auch Paulos hat einen Teil seiner Kraft in Auseinandersetzungen mit falschen Brüdern bzw. Brüdern mit falschen Motiven investieren müssen und zum Teil ging es da wohl auch um finanzielle Unterstützung, die einige lieber christlichen Blendern zukommen ließen als notwendige Dienste zu unterstützen.

Wer einen Blog betreibt, der kann nebenbei arbeiten gehen. Oder anders, wer arbeiten geht kann je nach Arbeitsvertrag auch nebenbei einen Blog betreiben. Vielleicht kann er auch Sonntags predigen und am Donnerstag die Bibelstunde halten. Aber viel mehr kann er nicht tun, schon gar nicht wenn er Familie hat und in seine Ehe und in seine Kinder investieren muss.

Das ist doch schon etwas und nicht geringzuschätzen. Wenn jeder neben seiner Erwerbsarbeit gemäß seiner Berufung so einen (quantitativ) geringen Dienst täte, könnte die Gesamtheit der Gemeinde in der Summe so viel erreichen, daß überhaupt niemand auf die Idee käme, man würde darüberhinaus noch »Vollzeitler« brauchen.

Nicht einmal gewerbliche Arbeiten mit christlichen Büchern oder Nachrichten sind in Deutschland ohne Unterstützung zu stemmen. Herr Gassmann braucht sie, Herr Deppe hat auch einen Verein gegründet, und Magazine wie idea, Medienmagazin pro und factum fragen ebenso nach Spenden.

Daß das so ist, bedeutet aber nicht unbedingt, daß das so richtig ist. Ich finde es zum Beispiel ziemlich befremdlich, daß ein gewerbliches Unternehmen wie Idea auch Spenden sammelt. Das macht der Bäcker oder das Wasserwerk schließlich auch nicht. Wenn man aber ein geistliches Werk sein will, dann kann man sein »Produkt« eben nicht verkaufen. Da ist vieles in Unordnung.

Zuletzt finde ich tragisch, wie Geier 1. Korinther 9 interpretiert. Weder verstehe ich seine Übersetzung noch seine Argumentation. Paulus sagt in den Versen er habe ein Recht, dessen er sich nicht bedient. Heldenhaft, aber das Recht zur Versorgung bleibt.

Der folgende Vergleich hinkt zwar, aber vielleicht hilft er, den Unterschied zwischen dem Recht aus dem alttestamentlichen Gesetz und dem, was neutestamentlich geboten ist, zu verstehen: Vergleiche das mal mit der Polygynie: Vor dem Gesetz war es nicht illegal, mehrere Frauen zu heiraten, Paulos sagt aber, daß ein Ältester nur eine Frau haben darf und stellt die Polygynie damit als nicht ideal dar, weil schädlich. Genauso sagt er, daß er zwar vor dem Gesetz das Recht hätte, sich für einen geistlichen Dienst versorgen zu lassen, weil dies aber dem Evangelium schaden würde, nimmt er dieses Recht nicht wahr.

Die Lösung des Ganzen … besteht darin, dass die Gemeinde nicht einen Pastor anstellt, um sich selbst in den Bänken zur Ruhe zu setzen. Das ist wohl auch der wunde Punkt, den der Geier zuallererst treffen will.

Ja, hauptsächlich.

– Geier

 

Rami A. @Geier

Es gibt keine Berufung zum vollzeitlichen Dienst.

Stimmt, aber es gibt Berufungen zu Diensten, die man nur vollzeitlich ausüben kann. Jedenfalls kann man sie nicht tun, solange man an einen Arbeitsvertrag gekettet ist. Nun kann ich zwar nach einiger Zeit wieder damit aufhören, aber warum sollte ich? Nur wegen des fehlenden Geldes?

Wenn jeder neben seiner Erwerbsarbeit gemäß seiner Berufung so einen (quantitativ) geringen Dienst täte, könnte die Gesamtheit der Gemeinde in der Summe so viel erreichen, daß überhaupt niemand auf die Idee käme, man würde darüberhinaus noch »Vollzeitler« brauchen.

In der Theorie klingt das gut, entspricht aber nicht der Praxis und hat wie gesagt seine missionarischen Grenzen. Ich empfehle jedem einmal auszuprobieren, täglich nach Feierabend zu missionieren. Nicht nur den Nachbarn und den Arbeitskollegen, sondern auch den Obdachlosen, die vielen Deutschen (!) mit Migrationshintergrund und die Kinder und Jugendlichen, die sich am Bahnhof rumtreiben. Das geht nicht von alleine sondern braucht so einiges an Opfer. Das bedeutet zum Beispiel, sie erst einmal kennenzulernen, dann zu begleiten, ihnen zuzuhören und ihnen mit viel, viel Geduld das Evangelium zu erklären. Ein Traktat allein schenkt zwar ein gutes Gewissen, reicht aber in der Regel nicht. Sowas geht nicht nebenbei. Wirklich nicht.

– Rami A.

@Geier, kurzer Nachtrag

Hier besteht die Gefahr, daß wir die Lebensweise eines kurzen Lebensabschnitts verallgemeinern … Daß eine zeitweise Unterstützung für bestimmte Dienste möglich ist und richtig sein kann, hatte ich ja auch zugestanden.

Die Gefahr der Verallgemeinerung besteht m.E. eher in die andere Richtung. Weil Paulus auch als Zeltmacher gearbeitet hat bedeutet das nicht, dass der Missionar grundsätzlich sein Gewerbe betreiben muss. Und hätte Paulus in Antioch eine Arbeitsstelle gehabt, wäre er ohne Kündigung wohl schlecht bis nach Rom gekommen.

Daß das so ist, bedeutet aber nicht unbedingt, daß das so richtig ist. Ich finde es zum Beispiel ziemlich befremdlich, daß ein gewerbliches Unternehmen wie Idea auch Spenden sammelt.

Es mag sein, dass es nicht „richtig“ ist. Tatsache ist aber, dass es nicht ohne Spenden geht. Die Alternativen: den Laden schließen oder aber Bestseller wie „Die Hütte“ präsentieren…

Noch einmal lade ich alle und auch den Geier zum Selbstversuch ein. Entweder, regelmäßig nach Feierabend zu missionieren im Sinne von „Jünger machen“ und nicht nur „Traktate verteilen“, oder aber einfach mal für eine kleine Zeit den Job zu kündigen und danach wieder zu arbeiten. Der Lebenslauf sieht dann zwar nicht mehr so gut aus, aber es wird schon. Und auch die Kunden, die dem Gewerbetreibenden in dieser Zeit weggelaufen sind, lassen sich nach ein oder zwei Jahren sicher wieder einfangen…

Abschließend möchte ich noch schreiben, dass

1. …ich mich über die Kommentare und Emails gefreut habe, Danke!
2. …es mir und meiner Familie ohne den Druck wesentlich besser geht.
3. …ich die vergangenen acht Jahre wirklich nicht bereue, im Gegenteil.

Weiter geht’s, auch hier bei Zeltmacher… 🙂

– Rami A.


Wenn ich mir die Gemeindelandschaft in Deutschland so anschaue, muss ich feststellen, dass es hierzulande in der Regel nur Berufungen zum Musizieren, zum Beten nach den Vorgaben der Gemeindeleitung und zur finanziellen Unterstützung der Gemeinden gibt. Diese Berufungen und Begabungen scheinen jedoch bei allen Gemeindemitgliedern vorhanden zu sein, wie die Praxis zeigt. Das selbständige, unabhängige Bibelstudium bleibt dagegen nur den Priestern, Pfarrern oder den „führenden Brüdern“ überlassen. Die einfachen Gemeindemitglieder schaffen dies anscheinend nur unter der Anleitung erfahrener Gläubiger, so könnte man meinen. Praktisch gesehen braucht man also zunächst mal die Berufung durch die Gemeindeleitung, um hierzulande irgendetwas Schriftbezogenes oder Evangelistisches bewerkstelligen zu können. Vor diesem Hintergrund erscheint es mir geradezu moralisch verwerflich zu sein, eine finanzielle Unterstützung für einen vollzeitlichen Dienst von diesen armen Gemeindesklaven zusätzlich einzufordern. Da sorge ich dann doch lieber für meinen Lebensunterhalt durch eigenständige Erwerbsarbeit und gestalte meinen Dienst so, dass ich nur Gott Rechenschaft darüber ablegen muss.

– Thomas Rießler

Damit keine Missverständnisse aufkommen, will ich dann doch noch mal betonen, dass ich genauso wie Geier und wie Thomas gegen die bloße Verwaltung einer Gemeinde durch einen Pastor bin! Da versagen beide, sowohl die Gemeinde die sich zur Ruhe setzt als auch der Pastor der den geistlichen Dienst allein für sich beansprucht und dafür sogar noch Geld einfordern will. Zusammengefasst bin ich hier nur der Meinung, dass

1. …die Gemeinde einen gemeinsamen Missionsauftrag hat
2. …es sinnvoll wäre, dazu auch Vollzeitler zu unterstützen
3. …zur Umsetzung mehr Offenheit und Kooperation nötig ist.

Paulus hat uns das missionarische Beispiel gegeben. Lesen wir seine ganze Geschichte in der Bibel, dann sehen wir, wieviel – nicht nur finanzielle – Unterstützung vieler Christen und Gemeinden er hinter sich hatte, die heute so dringend nötig wäre. Der Zustand der Gemeinden in Deutschland ist alarmierend und Beweis genug, dass so einiges falsch läuft und der Korrektur bedarf. Zur Korrektur trägt auch der Geier mit seinem Artikel bei, nur mit anderer Betonung.

– Rami A.

Hier noch ein Beispiel, das es im negativen Sinn auf den Punkt bringt:

Zitat: „Diese ganzen „Missionsgesellschaften“ und „Bibelschulen“ sind unbiblisch und werden früher oder später im Abfall und der Verführung und der Liebe zum Geld enden wenn es nicht bereits schon passiert ist.“

– Rami A.

Es kam – bis heute, 2 Jahre später – immer wieder die Frage, wie es dann mit uns weiterging. Um das Zeugnis zu vervollständigen: Wir hatten die Gemeindegründungsarbeit beendet, d.h. Sonntags morgens keine Gottesdienste mehr bei uns gefeiert und haben uns aus rein zeitlichen Gründen bewusst von so einigen Freunden & Bekannten abgeschottet, was zum Teil sehr schmerzhaft war. Bewerbungen hatte ich geschrieben, aber keine abgeschickt. Stattdessen haben wir uns auf unser Gewerbe konzentriert und zusammen mit den Spenden (aus Korea), die wir weiterhin bekamen und bis heute bekommen, reicht es mittlerweile dass wir aktuell wieder Missionsarbeit tun können. Unser Fazit: Alles hat seine Zeit und Gottes Wege sind selten nach Schema F.

Wertvoll zum Thema ist auch dieser Beitrag: Urbane Mission: 10 Dinge

– Rami A.