Der Auftrag des Menschen

Space-Shuttle

»Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk, alles hast du unter seine Füße getan: Schafe und Rinder allzumal, dazu auch die wilden Tiere, die Vögel unter dem Himmel und die Fische im Meer und alles, was die Meere durchzieht.« – Psalm 8:7-8

Auch hier fühlt man sich wieder deutlich an die Schöpfungsgeschichte erinnert: »Und Gott segnete die Menschen und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über das Getier, das auf Erden kriecht.« – 1. Mose 1, 28

Der Mensch ist Statthalter Gottes in dieser Welt. Schafe, Rinder, wilde Tiere, Vögel, Fische – das ist der Herrschaftsbereich der damaligen Welt. Inzwischen hat sich das Gesichtsfeld des Menschen fast ins Uferlose geweitet. Schafe und Rinder – heute müssten wir sagen: Physik und Chemie, Medizin und Psychologie, Technik und Biochemie, Atom- und Astrophysik – alles hast du unter seine Füße getan.

Der Mensch ist von Gott eingesetzt als Treuhänder über sein Schöpfungswerk, auch in unserer modernen technisierten und automatisierten Welt. Gottes Auftrag stellt ihn unter Gott, aber er stellt ihn zugleich über die Natur. Nicht als herzlosen Diktator oder skrupellosen Ausbeuter, sondern als ehrfürchtigen Hüter und weltoffenen Planer – unter Gottes Augen.

»Alles hast du unter seine Füße getan.« Warum sollte aus diesem Wort nicht auch das Recht abgeleitet werden, in die Stratosphäre zu fliegen und den Weltraum zu erforschen – sofern der Mensch das in der gebotenen Ehrfurcht vor Gott tut und sich nicht selbst an die Stelle des Schöpfers setzt. Wir hören es mit Freude und Respekt, wenn ein Forscher von höchstem wissenschaftlichem Rang wie der deutsch-amerikanische Raketenspezialist Wernher von Braun, einer der geistigen Väter der Weltraumflüge, in einer Rede sagt:

»Wir brauchen nicht besorgt zu sein, dass die Raumfahrer der Zukunft auf ihren himmelstürmenden Entdeckungsreisen ihre Maßstäbe und ihre Demut verlieren werden. Der unendliche Sternenhimmel, der sie dort draußen umgibt, wird ihnen eine ernste Mahnung sein, dass es eine Kraft gibt, die größer ist als der Antriebsschub ihrer Raketen, dass es einen Geist gibt, der größer ist als der kalte Verstand ihrer elektronischen Rechenmaschinen, und dass es eine überweltliche Macht gibt, die größer ist als die Macht ihrer eigenen Nation.

Die gelegentlich gehörte Meinung, dass wir im Zeitalter der Weltraumfahrt soviel über die Natur wissen, dass wir es nicht mehr nötig haben, an Gott zu glauben, ist primitiv und durch nichts zu rechtfertigen. Denn bis zum heutigen Tage hat die Naturwissenschaft mit jeder neuen Antwort zumindest drei neue Fragen entdeckt.«

Ich selber möchte es im Blick auf die Weltraumflüge lieber mit dem Atomphysiker Max Born halten, der einmal gesagt hat, die Weltraumforschung sei zwar ein Triumph des Verstandes, aber ein tragisches Versagen der Vernunft. Max Born hat recht. Denn zu dem, was Gott dem Menschen treuhänderisch übergeben und anvertraut hat, gehört auch die Sorge um die gerechte Verteilung der Güter dieser Welt, die Ernährung und die Sättigung aller Menschen. Es ist darum ernsthaft zu fragen, ob – bei aller positiven Würdigung der Weltraumforschung – die dafür investierten Milliarden moralisch und christlich zu rechtfertigen sind, solange ein Drittel der Menschheit Hunger leidet und Tag für Tag Tausende von Menschen am Hunger und seinen Folgen sterben.

»Alles hast du unter seine Füße getan.« Wir sollten in diesem Zusammenhang doch sehr genau beachten, dass im achten Psalm insgesamt fünfzehnmal die Worte »du« und »dein« erscheinen: Du hast ihn gemacht. Du hast ihn gekrönt; hast alles unter seine Füße getan. Gott ist der Schöpfer und Herr. Er ganz allein. Alle Macht des Menschen ist von seiner Macht abgeleitet. Alle Würde des Menschen ist von ihm verliehene Würde. Nur wenn der Mensch seine Macht und Würde unter Gottes Augen gebraucht, bleiben sie ihm erhalten.

Nur wenn er sich von Gott regieren lässt, kann er recht die Welt regieren.