Der Glaube der einfachen Frau aus Kanaan

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Gedanken zu Matthäus 15,1-28

Jesus Christus wollte sich an einen einsamen Ort zurückziehen, aber mehr als 5000 Menschen folgten ihm und als sie Hunger bekamen, vermehrte er ein wenig Brot und Fisch. Nach dem Wunder sagte er den Jüngern, dass sie mit dem Schiff vorausfahren sollten. Jesus wollte wieder alleine sein, auf dem Berg. In der Nacht gab es einen Sturm und Jesus ging auf dem See zu ihnen und half seinen Jüngern. Der Sturm legte sich und die Jünger kamen sicher ans Land. Es strömten wieder viele Menschen herbei und Jesus machte alle Kranken gesund. Immer wieder suchte Jesus die Ruhe und die Einsamkeit. Jetzt war er wieder unter vielen Menschen.

Es kamen aber auch Schriftgelehrte und Pharisäer aus Jerusalem zu Jesus und klagten ihn an: „Warum übertreten deine Jünger die Überlieferung der Alten?“ Jesus fragt zurück: „Warum übertretet ihr das Gebot Gottes um eurer Überlieferung willen?“ Es war ein heftiger Wortwechsel, es ging um Macht. Wem sollen die Menschen folgen? Den Gelehrten aus dem Jerusalemer Tempel oder Jesus Christus? Wer hat Recht? Jesus erklärt nicht nur seine Lehre, sondern verurteilt auch die Überlieferung der Alten. Er nennt sie „Menschengebote“ im Gegensatz zum „Gebot Gottes“.

In christlichen Gemeinden gibt es viele Traditionen und ungeschriebene Gesetze. „So etwas macht man nicht“, heißt es dann. „Vor dem Essen wäscht man sich die Hände“, sagten die Pharisäer. Wer sagt das? Steht das in der Bibel? Es ist zwar gut, sich die Hände zu waschen, aber es ist kein Gebot Gottes. Für uns Christen gilt nur die Bibel. In der Reformation sagte man „Sola Scriptura“, „Allein die Schrift“. Der katholische Katechismus hat mehr als 700 Seiten und ist voller Menschengebote. Solche „Überlieferungen“ verunehren Gott. (15,9)

Nach dem schwierigen Wortwechsel mit den Gelehrten ging Jesus „von dort weg und zog sich in die Gegend von Tyrus und Zidon zurück.“ (15,21) Das liegt nördlich von Galiläa, außerhalb von Israel. Jesus suchte wieder die Ruhe und die Gemeinschaft nur mit seinen Jüngern. Da kam eine Frau aus dieser Gegend zu Jesus und bat ihn für ihre Tochter, die besessen war. „Herr, Sohn Davids“, rief sie. Sie hatte wohl schon viel von Jesus gehört und nun hat sie selbst die einmalige Chance, ihn zu bitten, dass er ihre Tochter von ihrer dämonischen Besessenheit befreit.

Doch wie reagiert Jesus auf ihr Rufen? Er antwortete ihr „nicht ein Wort“. Was eine Enttäuschung für die Frau. Würde sie jetzt nicht aufgeben? Aber dann? Zu wem sollte sie dann gehen? Sie wusste, nur Jesus kann ihr helfen. Also sie rief weiter, doch Jesus sprach zu ihr: „Es ist nicht recht, dass man das Brot der Kinder nimmt und es den Hunden vorwirft.“ Noch eine Enttäuschung, eine weitere Ablehnung. Ist es nicht sogar eine Beleidigung, ein „Anstoß“? Die Jünger um Jesus herum sind wohl die Kinder, sie aber wird mit den Hunden verglichen! Und jetzt?

Die Frau gibt nicht auf. „Ja, Herr!“ sagt sie. Was eine Antwort! „Ja, ich bin wie ein Hund.“ Sie stimmt ihm zu und demütigt sich völlig unter das Wort des Herrn Jesus Christus. Und sie nimmt dieses Bild von den Kindern am Tisch und den Hunden und korrigiert es gar nicht, sondern ergänzt es nur: „Die Hunde essen von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen!“ Damit bittet sie Jesus um die Brosamen. Sie weiß, dass diese Brosamen genügen. Bei Jesus Christus reichen Brosamen. Ihm reichen auch fünf Brote und zwei Fische, um Tausende satt werden zu lassen. Bei Jesus Christus ist die Fülle!

Ihr Glaube und ihre Demut werden belohnt. „Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: O Frau, dein Glaube ist groß; dir geschehe wie du willst! Und ihre Tochter war geheilt von jener Stunde an.“ Wir können viel aus dem Vorbild dieser Frau lernen.

1. Nicht die Herkunft, sondern der Glaube ist entscheidend

Das Verhalten der Frau steht im Kontrast zu den Gelehrten, die Jesus in Galiläa angeklagt hatten. Jesus belehrte sie, aber sie nahmen „Anstoß“ in Vers 12. Diejenigen, die das Alte Testament studiert hatten und in Jerusalem den Dienst im Tempel taten, hatten keinen Glauben an Jesus. Aber die Frau aus Phönizien, früher noch Kanaan (und damit ihrer Herkunft nach eine Feindin Israels), sie glaubte.

Vielleicht sind wir im christlichen Elternhaus aufgewachsen. Vielleicht haben wir Theologie studiert, sind „Professoren“, „Pastoren“, „Prediger“ oder „Älteste“. Aber nicht Herkunft, Wissen oder irgendwelche Titel sind wichtig. Allein unser persönlicher Glaube ist entscheidend.

2. Der Glaube zeigt sich im Bitten und im Ausharren

Weil die Frau Glauben hat, bittet sie Jesus. Und weil ihr Glaube groß ist, hört sie nicht auf zu bitten. Jesus kann ihr helfen! Und wer sonst könnte das? Nur Jesus kann ihr helfen.

Wenn wir beten, dürfen wir nicht aufgeben. Wie ernst ist unser Anliegen? Und wie groß ist unser Glaube? Wenn Jesus nicht hört, gehen wir dann etwa woanders hin? Beten wir weiter!

3. Sie glaubt an ihren „Herrn“ und demütigt sich vor ihm

Wenn wir zu Jesus kommen, demütigen wir uns. Auch wir sind nicht aus Israel. Wir sind keine Judenchristen, sondern Heidenchristen. Wir gehören zu den „Hunden“. Was sagen wir dazu?

Gnade ist unverdient. Niemand kann zu Jesus kommen und ihn korrigieren: „Nein, du musst mein Gebet erhören und meine Bitte erfüllen!“ Wir leben von der souveränen Gnade Gottes.

Wenn wir beten, ordnen wir uns unter das Wort Gottes und bleiben demütig, auch wenn wir manches nicht verstehen. „Glückselig ist, wer nicht Anstoß nimmt an mir!“ sagt Jesus.

4. Gottes Gnade ist ausreichend für alle, die ihn bitten

Die Brosamen sind genug für die Tochter. Die Tochter ist geheilt. Die Gnade Gottes reicht für alle. Sie ist niemals ausgeschöpft. Wir dürfen immer wieder beten, bitten und flehen. Niemals wird Gott uns sagen: „Ich habe alle Gnade an dich und andere verteilt, es ist nichts mehr übrig.“

Die Fülle Gottes werden wir im Himmel erleben. Jetzt vielleicht nur Brosamen, im Himmel das ganze Brot, mit Wein. Alle Wunder von Jesus sind auch ein Zeichen über das, was uns im Himmel erwartet.

5. Es lohnt sich, für seine Kinder und für andere zu beten

Jesus sagt der Frau nicht, die Tochter solle selbst zu ihm kommen und ihn bitten. Jesus sieht die Liebe der Mutter und erbarmt sich über die Tochter. So segnet Jesus auch unsere Kinder, Verwandten und Freunde, wenn wir ihn darum bitten. Beten wir auch für andere Menschen, nicht nur für uns.

Der Bibeltext ist eine Ermutigung für uns, an Jesus Christus zu glauben und zu ihm zu beten. Er hat die Frau aus Kanaan erhört, er wird – aus Gnade – sicher auch uns erhören.

Bild: Die kanaanäische Frau, Federzeichnung Rembrandt (1606-1669)