Der Scheol – Grab, Totenreich oder Hölle?

Skeletons

Das Alte Testament lehrt aber nicht nur, dass es nach dem Tod weitergeht, sondern enthüllt auch ansatzweise wie. Im AT kommt 65 Mal das hebräische Wort »Scheol« vor, und die Gelehrten diskutieren noch heute darüber, ob Scheol nun ausschließlich »Grab«, oder auch »Totenreich« oder sogar »Hölle« bedeutet. Das erste Mal kommt das Wort vor, als Jakob über seinen angeblich toten Sohn Josef trauert: »Leidtragend werde ich zu meinem Sohn hinabfahren in den Scheol!« (1. Mose 37,35). Da Jakob jedoch dachte, Josef sei nicht begraben, sondern von einem wilden Tier gefressen worden, konnte er hier wohl kaum ein Familiengrab meinen. Außerdem gibt es im Alten Testament ein anderes Wort für Grab (qeber), das ausschließlich für Begräbnisstätten verwendet wird.

Es gibt im Alten Testament auch keine Mehrzahl von »Scheol«. Es gibt viele Gräber, aber nur einen Scheol. Deshalb kann Scheol nicht einfach nur »Grab« bedeuten. Zwar kommen zunächst sowohl Gläubige als auch Verlorene gleichermaßen in den Scheol, doch wird aus vielen Stellen deutlich, dass er kein Ort des stummen Schlummers und noch weniger des endgültigen Endes ist: Poetische Bücher wie Hiob und die Psalmen schildern den Scheol als ein zeitweiliges Versteck oder Übergangsasyl (Hiob 14,13; 17,13) und als einen Ort der »Ängste« (Psalm 116,3). Der Scheol kann offenbar in »Bewegung« sein (Jesaja 14,9) und Neuankömmlinge werden dort von den bereits Verstorbenen bewusst empfangen (Jesaja 14,9ff; Hesekiel 32,21). Er ist die schlechtere Nachtod-Alternative zu »oben« (Sprüche 15,24) und ihm zu entgehen, bedeutet Errettung (Sprüche 23,14). Können diese Beschreibungen etwa rein poetisch gemeint sein?

Die beste Lösung scheint zu sein, dass mit dem Scheol einfach der »Staub des Todes« gemeint ist, zu dem bereits Adam zurückkehren sollte – allerdings nicht als Ende der Existenz. Im Buch Daniel sind die Verstorbenen einfach die, »die im Land des Staubes schlafen« (Daniel 12,2). »Land des Staubes« ist also einfach ein anderer Ausdruck für »Scheol«. In den Psalmen steht der Scheol oft in poetischer Parallele zum Tod – mit synonymer Bedeutung (Psalm 6,6; 89,49; 116,3). Dieser Scheol-Tod ist eben kein Ende der Existenz, sondern ein Abwarten auf die Auferstehung. Die neutestamentliche Übersetzung von Scheol ist »Hades« (Totenreich), und im letzten Buch der Bibel stehen »Tod« und »Hades« stets als Wortpaar zusammen (Offenbarung 1,18; 6,8; 20,13.14). Am Ende werden »der Tod und der Hades« »in den Feuersee« geworfen, d.h. in die ewige Feuerhölle. »Tod« und »Hades« bedeuten offenbar synonym »alle vom Tod Verschlungenen, alle Verstorbenen«. Alles andere würde keinen Sinn machen.

Mit dem Scheol lehrt das AT also klar, dass der Tod nicht das Ende der Existenz ist, sondern dass es ein ewiges Danach gibt, sowohl für die Erlösten als auch für die Verdammten. Ob nun Grab oder Totenreich, das AT lehrt die Auferstehung aus dem Scheol (Psalm 16,10; 30,4). Die Gläubigen (des AT) werden von Gott aus dem Scheol erlöst (Psalm 49,16). Und im Zusammenhang der Auferstehung lehrt das AT auch die ewige Strafe danach: »Und viele von denen, die im Land des Staubes schlafen, werden aufwachen: die einen zu ewigem Leben und die anderen zur Schande, zu ewigem Abscheu« (Daniel 12,2).

 

Quelle: Wie wird es in der Hölle sein?, S.37f. // Bild: © Denis Gliksman, Inrap