Der »Stall« war eine »Höhle«

Hoehle-Stall

Wenige hundert Meter, nachdem die Umgehungsstraße die alte Straße erreicht hat, liegt zur Rechten ein kleines schmuckloses Gebäude, eines der zahllosen Heiligengräber Palästinas: Das Grab der Rahel, einer der Stammmütter Israels. Schon in neutestamentlicher Zeit hat man es an dieser Stelle gezeigt und verehrt. Gleich hinter dem Rahelgrab gabelt sich der Weg. Rechts geht es weiter nach Hebron, links hinauf zu der Bergkette, auf deren Höhe Bethlehem liegt. Diese linke Abzweigung endet auf dem großen Marktplatz von Bethlehem. Seine Ostseite wird durch eine hohe Mauer abgeschlossen, die nur durch eine niedrige Pforte durchbrochen wird, so niedrig, dass man sie nur gebückt durchschreiten kann. Sie verrät nicht, dass hinter der Mauer eine mächtige Basilika liegt. Als im Mittelalter muslimische Banden zur Verhöhnung der Christen zu Pferde in die Kirche geritten waren, sahen sich diese, so sagt man, gezwungen, das Portal der Kirche bis auf jenes kleine Pförtchen zuzumauern.

Es ist eine der ältesten Kirchen der Welt, in die wir eintreten; ihre Fundamente stammen aus den Tagen Kaiser Konstantins (326 n. Chr.). Fünfschiffig, von 44 Monolithen getragen, ist sie großartig in ihrer Einfachheit. Wir durchschreiten das Langhaus und betreten eine dunkle Treppe, die zur Seite des Hochaltars in die Krypta hinabführt. Tiefes Schweigen herrscht in dem matt erhellten Raum. Wir treten leise hinzu, um die kniend anbetenden Pilger nicht zu stören.

Sie sind der Ostseite der Krypta zugewandt, auf der eine Nische in Wand und Boden gehauen ist, in deren Pflaster die Inschrift steht: »Hic de virgine Maria Jesus Christus natus est!« – »Hier ist Jesus Christus von der Jungfrau Maria geboren worden.« Schon längst vor dem Jahre 326 hat die alte Kirche hier die Stätte der Geburt des Heilands verehrt. Denn Hieronymus, der selbst 43 Jahre in Bethlehem lebte, berichtet uns, dass die Römer nach der erneuten Eroberung Jerusalems im Jahre 135 n.Chr. die Grotte der Geburt entweiht haben wie zahllose andere heilige Stätten der Juden, Samaritaner und Christen, und zwar durch ein Heiligtum des Tamuz. »Wo einst das Christuskind seine ersten Schreie tat, wurde der Geliebte der Venus mit Trauergeheul beklagt.« Der Bericht über diese Entweihung, die die alten Christen im Innersten verwundet haben muss, ist deshalb bedeutsam, weil er uns zeigt, wie alt die Überlieferung ist.

Wie so oft bei den heiligen Stätten Palästinas, ist für die Forschung eine scheinbare Kleinigkeit, die der Menge der Besucher entgeht, wichtig. In unserem Falle ist es die Beobachtung, dass die Decke der Krypta gewachsener Fels ist. Das ist deshalb archäologisch so bedeutsam, weil daraus mit Sicherheit hervorgeht, dass wir uns in einer natürlichen Höhle befinden.

Wie merkwürdig, dass die alten Christen die Stätte der Geburt von Jesus Christus in einer Höhle zeigten! Wie kamen sie darauf? Nun, wer Palästina kennt, weiß, dass es dort das Übliche ist, Felsenhöhlen als Stallung für die Herden zu benutzen. Namentlich in Bethlehem und seiner Umgebung sind Höhlen die einzigen Ställe.

Der Pfarrer der arabischen Lutherischen Gemeinde von Bethlehem, der uns begleitet, versichert uns, dass die Zahl der Höhlen im Osten von Bethlehem und auf dem Hirtenfeld in die Hunderte gehe. Wird eine Höhle als Stall verwendet, so dient gewöhnlich ein Trog oder eine Nische im Felsen als Krippe. An einen solchen Höhlenstall denkt die Weihnachtsgeschichte, wenn sie sagt: »Und Maria gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte Ihn in eine Krippe, denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.«

Maria und Joseph waren nicht die einzigen Menschen, die der römische Befehl gezwungen hatte, ihre Heimatstadt aufzusuchen. Allein die Zahl der Nachkommen des in Bethlehem beheimateten davidischen Königshauses, zu dem auch Joseph gehörte, war groß. Die Karawanserei des kleinen Städtchens war überfüllt, kein Raum frei für die Geburt. So war Maria gezwungen, in einem benachbarten Höhlenstall ihre Zuflucht zu suchen, als die Stunde der Geburt nahte, und so kam es, dass das Christuskind in einem Viehstall geboren wurde.

 

Nach Prof. J Jeremias in »Die Gemeinde«, 51/58