Der stille Rückzug oder: Kleine Brötchen zu Gottes Ehre

Kreuz-Hauskreis

Vom Vor- und Nachteil von Hauskreisen. Weitgehend unbemerkt von der evangelikalen und kirchlichen Öffentlichkeit nimmt seit einigen Jahren eine Bewegung Konturen an, die reichlich Anlaß zum Nachdenken gibt, weil sie ein bezeichnendes Licht auf die kirchliche Gesamtsituation in unserm Land wirft. Es ist die Bewegung des »Stillen Rückzugs« aus Gemeinden und Gemeinschaften. Es ist die Bewegung hinein in die Häuser.

Lange Zeit als bloßes Randphänomen unterschätzt, hat diese Bewegung mittlerweile eine Größe erreicht, die guten Gewissens nicht mehr ignoriert werden kann. Mehr und mehr ziehen sich Christen aus Kirchen, Gemeinden, Gemeinschaften und Verbänden zurück, denen sie lange treu angehört haben, aber nun nicht mehr angehören können oder wollen. Jenseits des kirchlich bzw. freikirchlich verfaßten Christentums leben sie ihr Christsein in Hausgruppen, Hauskreisen und Hausgemeinschaften.

Was sind die Gründe dafür? Was sind die Hintergründe?

Faktisch ist es so, daß eine wachsende Anzahl von Christen unter grassierender geistlicher Heimatlosigkeit leiden. Sie finden in erreichbarer Nähe vor Ort einfach keine Gemeinde oder Gemeinschaft mehr, der sie sich guten Gewissens zuordnen könnten: In ihrer landeskirchlichen Gemeinde werden sie nicht selten mit bibelkritischen, politisierenden bzw. psychologisierenden Predigten konfrontiert, die den Hunger nach klarer, biblischer Verkündigung, nach geistlicher Gemeinschaft und biblischer Seelsorge ungestillt lassen.

In den freikirchlichen Gemeinden vor Ort begegnen sie oftmals charismatisch geprägten Gemeindeleben, das sie aus guten (biblischen) Gründen so nicht mitmachen können. In den Gemeinschaften stoßen sie immer wieder auf eher kurzlebige neue Trends in Evangelisation und Gemeindeaufbau, die das Leben der Mitglieder unübersehbar (manchmal auch polarisierend) beherrschen.

Die Folge ist Heimatlosigkeit. Eine wachsende Zahl von Christen schafft es – trotz vorhandenen guten Willens – nicht mehr in Gemeinden oder Gemeinschaften vor Ort Fuß zu fassen. Sie sehnen sich nach einfacher, tiefer, biblisch-reformatorischer Lehre. Sie sehnen sich nach eindeutiger, biblischer Verkündigung, die ihnen Kraft zum einfachen Gehorsam in einem manchmal knallharten beruflichen Alltag gibt. Aber sie finden sie oftmals nicht mehr.

Nach langer, schmerzlich-erfolgloser Suche nach der »ganz normalen« Gemeinde, in der das biblische Wort nüchtern, kraftvoll und unangefochten im Mittelpunkt steht, stellt sich irgendwann tiefsitzende Resignation ein. Die Suche nach einer Gemeinde bzw. Gemeinschaft wird aufgegeben. Mit Gleichgesinnten, die ähnliche Erfahrungen hinter sich haben trifft man sich nun in Hausgruppen und Hauskreisen. Man liest die Bibel und tauscht Gedanken darüber aus. Man betet gemeinsam und trägt einander in den Herausforderungen des Alltags. Biblisch gegründete geistliche Gemeinschaft wird jetzt – im kleinen Kreis zwar, aber immerhin – möglich. Der Hauskreis wird zum Gemeinde-Ersatz, ein Provisorium zur geistlichen Heimat. Der »Stille Rückzug« in die Häuser ist vollzogen. Man backt »kleine Brötchen« zur Ehre Gottes.

Wohlgemerkt: Es ist in aller Regel nicht die romantisch-verklärte Vorstellung von der exklusiven »reinen« Gemeinde, die zum Rückzug in die Häuser motiviert! Es ist im Gegenteil die schiere Not. Es ist das schmerzvolle Scheiten ungezählter Versuche, eine »ganz normale«, nüchterne, biblisch gegründete Gemeinde zu finden.

Natürlich stellt sich die Frage: Wie ist diese Bewegung des »Stillen Rückzugs« in die Häuser zu beurteilen? Wie sollten wir darauf reagieren? Und in welcher Weise können wir denen helfen, die diesen Rückzug bereits angetreten haben?

Nun, zunächst ist interessant, welche Rolle das »Haus« dabei spielt: Wahrscheinlich sagt man nicht zu viel, wenn man feststellt, dass das »Haus« (menschlich gesehen) so etwas wie der Grundbaustein der Gemeinde von Jesus Christus war: Die Apostelgeschichte berichtet (Apg 5,42/2,46), dass die Christen sich in den Häusern versammelten, um Gottes Wort zu hören, Gemeinschaft zu haben, miteinander zu beten und das Abendmahl zu feiern.

Auch in den Briefen des Neuen Testaments wird immer wieder vorausgesetzt, dass sich das Leben der Gemeinde in den Häusern abspielte. So trägt beispielsweise der Apostel Paulus im Römerbrief seinen Lesern ausdrücklich auf, seine ehemaligen Mitarbeiter Priscilla und Aquila und auch die Gemeinde in ihrem Haus zu grüßen (Rom 16,3-5). Die Gemeinden des Neuen Testaments sind samt und sonders Hausgemeinden gewesen. Es waren darum alle insgesamt recht kleine Gemeinden, besetzt mit eher kleinen Leuten aus dem Arbeitermilieu, die allesamt recht kleine Brötchen backten. Und doch konnten diese Gemeinden geistlich voll intakt und quicklebendig sein.

Archäologen haben in den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts ein Haus ausgegraben, das Christen der ersten Stunde zu Predigt und Gebet gedient hat. Das Haus hat einmal in der römischen Gamisonsstadt Dura-Europos am mittleren Euphrat gestanden und war ein geräumiges Privathaus, das man durch einige Umbauten für seine neue Aufgabe vorbereitet hatte: Der Hauptwohnraum wurde durch das Niederreißen einer Trennwand erweitert. Er bot nun Platz für 60-70 Personen. Später – offenbar war die Gemeinde gewachsen – zog man im Hof des Hauses neue Bänke ein, um so weitere Sitzplätze zu gewinnen. In einem kleineren Raum richtete man ein Taufbecken ein und verschönerte die Wände durch Wandmalereien zu biblischen Themen. Bis zum Jahr 256 n.Chr. haben sich hier Christen Woche für Woche getroffen. Dann wurde die Stadt (und auch das Haus) von persischen Truppen zerstört.

Häuser waren und sind also so etwas wie der Grundbaustein der Gemeinde Jesu (menschlich gesehen). Untersuchungen haben ergeben, dass die Weltstadt Rom ums Jahr 250 n.Chr. etwa 30000 Christen beherbergte, die sich zu Gottesdienst und Gemeinschaft in Häusern getroffen haben. Wenn sich Christen heute in Privathäusern zu Gebet, Gemeinschaft und Hören auf Gottes Wort versammeln, dann tun sie etwas, das für die ersten Christen durchweg das Normale und Gewöhnliche war.

Hauskreise und Hausgemeinschaften bergen also beträchtliche Potentiale in sich: Sie sind ohne großen organisatorischen Aufwand in Gang zu setzen. Ihr Bedarf an finanziellen Mitteln ist gering. Sie sind klein genug, um ein persönliches Miteinander und ein gemeinsames Wachsen im Glauben zu ermöglichen. Darüber hinaus bieten sie erheblichen Freiraum zur Entfaltung eines einfachen, biblisch fundierten Christenlebens.

Die Stärke der Hausgemeinde

Ihre Unabhängigkeit kann allerdings gleichzeitig auch ihre Schwäche sein: Manchmal fehlt der Kontakt und der Austausch mit anderen Christen. Gelegentliche Besuche von Konferenzen und geistlichen Rüst-Tagen bringen zwar ansatzweise Hilfe, sind aber oft keine Dauerlösung. Zum Problem können auch gemeinsame Andachten und Gottesdienste werden: Manchmal ist innerhalb der Hausgemeinschaft niemand in der Lage, regelmäßig kleine Andachten oder gar eine Predigt vorzubereiten. So fällt der Gottesdienst am Sonntag oft einfach weg. Manche behelfen sich mit Predigtkassetten. Aber auch dies ist nur ein unvollkommener Ersatz.

Was nun? Wie kann Christen, die – der Not gehorchend – den »Stillen Rückzug« in die Häuser bereits angetreten haben, geholfen werden?

Zunächst gilt gewiss dies: Es ist keine Lösung, mit dringlichem Appell dazu aufzufordern, sich schnellstmöglich einer Gemeinde vor Ort anzuschließen. Denn eben dies haben die Leute oft jahrelang erfolglos versucht. Es hilft auch nicht, mit moralisch erhobenem Zeigefinger vor Spaltung und Sektierei zu warnen. Denn wir haben es ja gerade mit Christen zu tun, die Christus gehorsam nachfolgen wollen und gerade darum keine andere Möglichkeit mehr sehen, als den »Stillen Rückzug« in die Hausgemeinschaft zu vollziehen.

Was gebraucht wird, sind konkrete Hilfsangebote, die Christen vor Ort in die Lage versetzen, mit dem »Provisorium Hausgemeinschaft« in akzeptabler Weise umgehen und klarkommen zu können.

Wie könnten solche Hilfsangebote aussehen?

1. Die Bekenntnisbewegung »Kein anderes Evangelium« bietet selbstständigen Hauskreisen und Hausgemeinschaften auf Anfrage die Möglichkeit, kompetente Gesprächspartner in Sachen biblischer Lehre zu vermitteln (z.B. für ein Wochenende). Gemeinsame Arbeit an der Bibel, Klärung von anstehenden Fragen, aber auch gemeinsame Hausandachten füllen die gemeinsame Zeit aus. Die Hausgemeinschaft erhält so Antworten auf brennende Fragen und stärkende geistliche Nahrung. Nach ihren Möglichkeiten kommt sie für entstehende (Fahrt-) Kosten auf.

2. Die Bekenntnisbewegung »Kein anderes Evangelium« plant für die nahe Zukunft die Einrichtung eines »Freundeskreises«, der in angemessenen zeitlichen Abständen, Treffen und Versammlungen in der Region durchführt.

Einzelne Christen, aber auch ganze Hauskreise und Hausgemeinschaften können dies Freundeskreis beitreten. Sie beugen auf diese Weise geistlicher Isolierung vor und finden eine Anbindung, ohne ihre Unabhängigkeit und Selbstständigkeit aufgeben zu müssen.

Es versteht sich von selbst, dass diese beiden Hilfsangebote kein Allheilmittel sind. Sie stellen Sofortmaßnahmen dar, die mithelfen können, in einer kirchentypisch sehr unübersichtlichen Gesamtlage vor Ort rasch und wirksam zu helfen.

Selbständig geführte Hauskreise- und Hausgemeinschaften können angesichts der weithin sichtbar geistlichen Erosion in unserem Land gerade in Zukunft von wachsender Bedeutung sein. Es lohnt sich, sie im Blick zu behalten.

Es ist in aller Regel nicht die romantisch-verklärte Vorstellung von der exklusiven »reinen« Gemeinde, die zum Rückzug in die Häuser motiviert. Es ist im Gegenteil die schiere Not.

 

Rudolf Möckel, Informationsbreief der Bekenntnisbewegung, im Februar 2001