Die besonderen Versuchungen des Boten Gottes

Schlange-Versuchung

Jeder Beruf hat seine besonderen Gefahren und Versuchungen, und gar zu oft ist der Träger eines Berufs durch diese geprägt und geformt und hat seine eigentümliche »Berufskrankheit«. Ist das auch beim Boten Gottes so, dem Prediger und Geistlichen, dem hauptberuflichen Mitarbeiter in unseren freikirchlichen Gemeinden? Unter der Überschrift »Die Gefahren unseres Berufes« brachte The Fraternal (Engl. Journal of the Baptist Ministers´ Fellowship) die Wiedergabe einer Ansprache vor Geistlichen.

Mir scheint, es könnte uns nützlich sein, wenn wir uns auch ein wenig mit ihren Hauptgedanken beschäftigen. Sie mögen vielleicht doch unser Gewissen erreichen, vor allem soweit wir Boten Gottes mit einem besonderen Auftrag sind. Wenn dabei der hauptberufliche Geistliche im Blickfeld steht, so hat das doch nichtsdestoweniger auch jedem anderen Mitarbeiter in der Gemeinde etwas zu sagen. Abgesehen davon dürfte jedem Gemeindeglied die Sicht für die besonderen Versuchungen seines Predigers ein Antrieb sein, zu beten und zu arbeiten, dass er nicht mitschuldig werde, wenn dieser zu Fall kommt.

Es ist wahr, dass ein Geistlicher oft einfach durch seine Dienststellung vor manchen Versuchungen bewahrt wird, die andere häufiger betreffen. Dafür aber sind ihm andere Fallen gestellt, und es ist wichtig, sie zu kennen, um sich vor ihnen in acht zu nehmen. Es soll nicht so kommen, dass man den anderen predigt und selbst verwerflich wird (1. Kor. 9,2 7).

In der Gestaltung seines Arbeitstages hat besonders der freikirchliche Geistliche viel Freiheit. Abgesehen von bestimmten festliegenden Gottesdienstzeiten und anderen geordneten Diensten und Dienstverpflichtungen kann er sich seinen Stundenplan selbst machen und ist keinem Menschen darüber Rechenschaft schuldig. Er braucht zu keiner genauen Stunde an seinem Arbeitsplatz zu sein, und keine Stechuhr kontrolliert Beginn und Ende seiner Tätigkeit. Er muss also die Ordnung seines Arbeitstages aus innerem Antrieb gestalten. Wenn es daran fehlt oder mangelt, gerät alles schief. Wer hier nicht ständig wachsam ist, verfällt leicht einer Trägheit, die unerledigte Dinge auf morgen verschiebt. Wenn wir das Bewusstsein verlieren, dass wir für die Einteilung unserer Zeit Gott verantwortlich sind, werden wir faul. Man kann gelegentlich beobachten, dass mancher älter gewordene Prediger sich einbildet, außerordentlich beschäftigt zu sein, während er in Wirklichkeit nur sehr wenig tut.

Ohnehin ist die allgemeine Vorstellung bei den Leuten, die das Werk eines Predigers nur von außen betrachten, schon immer die gewesen, dass er nicht so schwer zu arbeiten habe wie seine Mitglieder. Dem scheint zu widersprechen, dass jüngste Nachrichten davon berichten, dass gerade Geistliche sich überarbeiten und sich übernehmen. Eine Landeskirche hat festgestellt, dass sich unverhältnismäßig viel Herzinfarkte und andere gesundheitliche Zusammenbrüche bei ihren Pfarrern einstellen.

Und doch bestätigt die Beobachtung, dass die allgemeine Meinung öfters begründet ist, als uns lieb sein kann. Dem wegen Überarbeitung Zusammengebrochenen stehen viele andere gegenüber, denen das nicht geschehen wird, weil sie ihren Dienst einfach zu leicht nehmen. Man darf gewiss sein, dass unsere Gemeindemitglieder ihrem Prediger viele Schwächen und Fehler verzeihen, solange sie überzeugt sind, dass er nicht faul ist. Wenn sie aber an seinem Fleiß mit Recht zweifeln müssen, dann ist sein Einfluss praktisch erloschen, wenn er auch sonst noch so glänzend predigen und persönlich noch so fromm erscheinen mag.

Die andere Klippe, an der viele stranden, heißt Eitelkeit. Wir ernten bestimmt manches Lob, wenn wir in unserem Beruf fleißig sind, und wenn Gott uns zu seinem zwingenden Ruf die Bestätigung in einem fruchtbaren Dienst geschenkt hat. Diese Anerkennung durch Menschen verführt uns aber leicht zu Stolz und Überheblichkeit, besonders wenn sie das gesunde und uns zuträgliche Maß übersteigt. Es ist dann schwer, nicht allmählich von sich selbst und seinem Können überzeugt zu sein, ja, dass man nicht doch ein hervorragender Mann ist. Dieses falsche Selbstbewusstsein hat mehr als einen Gottesboten zu Fall gebracht. Dabei ist es doch eigenartig, dass das gerade diesen Gottesmännern so leicht geschehen kann. Ist es nicht ihre besondere Versuchung? Davor kann uns nur Jesus Christus selbst bewahren, und wir müssen unsere ganze Aufmerksamkeit statt auf uns auf ihn richten.

In der Praxis mag uns öfters helfen, wenn wir gewahr werden, dass wir es viel mit Menschen zu tun haben, die uns in der Heiligung, in der persönlichen Frömmigkeit und in einsatzbereitem Fleiß weit voraus sind. Ja, es mag uns wirklich demütig halten, wenn wir merken, dass da viele Christen sind, deren Stand weit besser ist als unser eigener.

Eine andere besondere Gefahr ist die Gewöhnung an unseren Dienst. Tatsächlich unterliegt jeder Beruf der Routine und der Mechanisierung, und selbstverständlich ist davon auch nicht der Dienst des Predigers ausgenommen. Es kann uns im Lauf der Jahre tatsächlich so gehen, dass wir an unserem Einkommen, unseren berechtigten Ansprüchen und sogar unserer Altersversorgung mehr interessiert sind als an unseren täglichen Arbeitsverpflichtungen. Die äußeren Dinge können einen unziemlich breiten Raum unseres Berufs einnehmen. Dabei kommt kaum jemand so mit den Menschen in Berührung, wie das einem Geistlichen durch seinen Dienst gegeben ist.

Abgesehen von der Verkündigung des Wortes hat er ständig bei Trauungen und Beerdigungen, beim Unterricht und in der persönlichen Seelsorge und bei vielen anderen Gelegenheiten unmittelbar dem Menschen zu dienen. Kommt es auch da im Laufe der Jahre zu einer Gewöhnung, in der man alle seine »Amtspflichten« mit einer herz- und seelenlosen Geschicklichkeit verrichtet, so ist der Prediger einer besonderen Versuchung in seinem Beruf erlegen. Man kann sogar eine Entschuldigung darin suchen, dass es wirklich sehr schwer ist, Woche für Woche und Jahr über Jahr einen ähnlichen Dienst zu tun und gar mit Können und Erfahrung zu bewältigen, ohne in das Gewohnheitsmäßige zu verfallen.

Aber es gibt keine Entschuldigung für die Mechanisierung und gewohnheitsmäßige Erfüllung unseres Dienstes. Das sind unsere Vorbilder, die auch nach Jahrzehnten keiner Routine erlegen sind und immer wieder sich mit den Fröhlichen freuen und mit den Weinenden weinen können (Römer 12, 15). Da merken alle, wie die Liebe zu den Menschen in einem aufrichtigen und lauteren Herzen wach ist. Wenn unsere Leute irgendwann einmal vermuten können, dass wir unseren Dienst nur noch geschäftsmäßig verrichten und unsere Redlichkeit dabei in Frage gestellt wird, dann sind wir praktisch erledigt. So mag es unser tägliches Gebet sein, dass Gott uns vor dem Fall in unseren besonderen Versuchungen bewahrt und uns hilft, fleißig zu arbeiten und demütig und lauter zu bleiben.

 

Dr. Willi Grün, Wort und Tat, Kassel, Juni 1963