Die »Heilige Schrift« im Verständnis von Otto Rodenberg

Holzbruecke

Mir ist der intellektuelle Zweifel, der Einwand vom Verstand her, sehr bekannt. Ich kam aus dem letzten Krieg, vollgepackt mit Zweifeln an allem, was der Verstand überhaupt nur bezweifeln kann. Dabei war manches, was anderen leichter und unangefochtener zu glauben möglich erscheint. Besonders über die biblische Aussage von der »Jungfrauengeburt« fühlte ich mich hoch erhaben. Bei diesem Dogma »muss doch entmythologisiert werden!«, das war meine Überzeugung. Ich gehörte nie zu der orthodoxen Richtung, in welcher der »Glaube an die Jungfrauengeburt« gefordert wird. Auch heute gehöre ich nicht dahin, wo Glaube gefordert wird.

Bei meinem intellektuellen Zweifel habe ich übersehen, dass die Bibel bezeugt: »Der natürliche Mensch aber vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen; denn es muss geistlich beurteilt werden!« – 1. Korinther 2, 14

Lange Zeit habe ich mich gegen die Erkenntnis gewehrt, dass es eine gewaltige Folge für mein Leben und meinen Dienst haben sollte, wie ich mit diesen Fragen umging. Ich stand unter einer inneren Unruhe. Mein eigenes Tun, mein eigenes Denken und Erkennen, mein eigenes Wollen waren für mein Leben bestimmend. Ohne das zu wissen, war ich darin vom Feind gesteuert. Mein Denken hielt ich für autonom (selbständig) gerade dort, wo ich es ablehnte, die Bekenntnisse der Bibel als verbindlich für mich anzusehen. Meine »intellektuelle Redlichkeit« forderte, dass ich mich – durch meinen eigenen Verstand – für kompetent und damit für ausreichend hielt. Durch diese Haltung kam ich nicht darauf, mich gebeugt und anbetend Gott, dem Herrn anzuvertrauen, der mir meinen Verstand gegeben hat.

Zwei Selbsttäuschungen

Zunächst sah ich nicht, dass es gar keine Autonomie (Selbständigkeit) gibt. Luther wusste darum und kannte nur die vom Teufel besessene oder die vom Heiligen Geist erleuchtete Vernunft. – Autonomie ist eine Illusion! »Der Mensch gleicht einem Lasttier, das entweder von Gott oder dem Teufel besetzt ist!« – Martin Luther

Ich hielt die »intellektuelle Redlichkeit« für eine selbstverständliche, befreiende Verpflichtung. Als Alternative hielt ich nur die »intellektuelle Unredlichkeit« für möglich. Dass es außer dieser indiskutablen Alternative dazu noch eine andere Alternative gibt, nämlich »die Wahrheit, die frei macht«, war mir damals nicht bewusst.

Ich achtete nicht darauf, dass Jesus Christus sagt: »Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen!« – Johannes. 8, 31+32

Auch wollte ich nicht wahrhaben, dass Paulus feststellt: »Ist nun aber unser Evangelium verdeckt, so ist´s denen verdeckt, die verloren werden, den Ungläubigen, denen der Gott dieser Welt den Sinn verblendet hat, dass sie nicht sehen das helle Licht des Evangeliums von der Herrlichkeit Christi, welcher ist das Ebenbild Gottes.« – 2. Korinther 4, 3+4

Ich sah nicht und konnte nicht sehen, dass diese »Wahrheit« nicht einfach identisch ist mit »intellektueller Redlichkeit«. Sie steht sogar zu ihr in Spannung, so wie geistliche und natürliche Erkenntnis in Spannung stehen. Gerade dort zeigte sich Unerlöstheit und Gefangenschaft des Intellektes, wo ich meinte, frei zu sein.

Absage und Hingabe

Als mir diese Zusammenhänge deutlich wurden, habe ich dieser meiner kritischen Meinung über die »Geheimnisse Gottes« abgesagt. Damals wusste ich noch nicht, welche Folgen sich für mich daraus ergeben würden. Ich tat es einfach im Gehorsam gegenüber dem, was im »1. Korinther-Brief« in den Kapiteln 1 und 2 gesagt ist.

Heute weiß ich:

Vom eigenen Denken ausgehende Theologie ist nicht nur falsch. Sie ist Sünde. Sünde aber muss vergeben werden. Es ist Trennung von erkannter Sünde nötig. Darauf liegt Gottes Segen. Darüber stehen Gottes Verheißungen!

Die Anbetung der Geheimnisse Gottes erschloss sich in meinem Leben als eine Quelle der Kraft und der Ruhe und Gelassenheit! Mit dem unerlösten Wollen, Rennen und Laufen des natürlichen Menschen ist es vorbei. Das Zerarbeiten in der Menge meiner Wege hat ein Ende. Welch befreiende Kraft liegt doch in der Anbetung!

»Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit.« Diese Dimension ist nicht eine zusätzlich Seite unseres Christseins. Sie ist fundamental, grundlegend für unser Leben überhaupt.

 Theologie ist für mich vom Ansatz her: Beten!

Das Urteil über eine Theologie mag wesentlich darin begründet liegen, welche Rolle in ihr Beten spielt. Wesentliches Kriterium ist, in welchem Masse sie zum Gebet führt, oder aber es abbaut und hindert. Ein Bekenntnis der bekannten englischen Kriminalschriftstellerin Dorothy Sayers sollte uns Mut machen, auch schwer verständliche Aussagen der Bibel zu bezeugen, obwohl diese nicht für jeden einsichtig sind:

»Es ist die Vernachlässigung des Dogmas, das die Predigten so langweilig macht. Der christliche Glaube ist das aufregendste Drama, das der menschlichen Einbildungskraft je geboten wurde. Und gerade im Dogma ist er als dieses Drama verstanden.«

Dorothy  Sayers, Das größte Drama aller Zeiten, Zürich 1982

Quelle: Pastor Priebe