Die heilige Taufe aus reformatorischer Sicht

Kind-Taufe

(1) Die Einsetzung der Taufe steht ihm Zusammenhang des Missionsbefehls (Mt 28, 19-20; Mk 16,15-16). Das zeigt, daß die Taufe in einer Linie mit der Predigt des Evangeliums steht. Die Taufe ist Gottes Wort an den Täufling. Er soll glauben, was die Taufe sagt (Röm 6,11).

(2) Die Taufe versetzt den Täufling „in den Tod Christi“ (Röm 6,3). Gott rettet den Menschen, indem er ihn in Christus hineinversetzt. Er tut dies, indem er ihm durch die Taufe das Gericht, das über den Christen in Christus geschehen ist, verkündigt und ihn so in dieses Gericht hineinnimmt. So konstituiert die Taufe ein Rechtsverhältnis zwischen dem Täufling und Gott, das in der Sache von der Stellvertretung Jesu Christi gekennzeichnet ist.

Damit ist jede Form der Taufwiedergeburtslehre abgelehnt, die mit der Taufe die verborgene Eingießung göttlicher Tugenden, des Geistes oder der Glaubens in die Seele verbindet. Zugleich ist damit die weitverbreitete baptistische Sicht abgelehnt, die Taufe sei Ausdruck eines Geschehens im Inneren des Menschen, mithin also ein Bekenntnis des Täuflings.

(3) Das Neue Testament macht Aussagen, die scheinbar eine automatische, an den Vollzug der Taufe gebundene Wirksamkeit nahelegen. Petrus sagt in der Pfingstpredigt: „Tut Buße, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes.“ Ganz ähnlich schreibt er, daß die Taufe „jetzt auch euch rettet“ (1Petr 3,22). Paulus sagt: „Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen“ (Gal 3,27).

Solche Aussagen sind nur unter der hier vorgetragenen Sicht, daß die Taufe das Wort ist, das Christus mitteilt und geglaubt werden soll, recht zu verstehen. Der Heilige Geist wirkt in der Taufe nicht als verborgene, heilschaffende Kraft, sondern als redender Gott, der das Umdenken und den Glauben bewirkt. Die Tatsache, daß getaufte Christen aus Christus herausfallen und verlorengehen können, zeigt, daß die Taufe nicht automatisch den Glauben wirkt. Sie ist aber Gottes gewisse Zusage, die im Glauben empfangen werden will. Aus dieser Perspektive ergeben auch die biblischen Ermahnungen, in Christus zu „bleiben“, einen Sinn (Vgl. Joh 15,4-7).

(4) Im Blick auf die Rechtmäßigkeit der Taufe unmündiger Kinder lautet die grundsätzliche Frage: Kann Gott unmündigen Kindern geistliche Verheißungen geben? Die Antwort kann nur ein klares Ja sein, denn dies wird an dem alttestamentlichen Ritus der Beschneidung erkennbar, die nicht erst mit dem sinaitischen Bund gegeben wurde, sondern schon das Bundeszeichen des Abrahambundes war. In diesem sagte Gott zu, daß er Abrahams und seiner Nachkommen Gott sein wolle und vergewisserte Abraham dieses Bundes durch die Beschneidung als „Siegel der Gerechtigkeit des Glaubens“ (Röm 4,11).

Die Beschneidung sollte an den unmündigen Kindern des Volkes Gottes vollzogen werden. Da aufgrund Kolosser 2,11-13 Beschneidung und Taufe den Tod Christi zum Inhalt haben, läßt sich schließen, daß im Neuen Testament auch unmündige Kinder getauft werden können. Die Kindertaufe findet des weiteren ihren Grund in der Zusage Gottes, „Glaube an den Herrn Jesus Christus, so wirst du und dein Haus selig“ (Apg 16,31). Daß deshalb in neutestamentlicher Zeit ganze Familien („Häuser“) getauft wurden, zeigt, daß die Apostel ganz in den vom Alten Testament her bekannten Rastern dachten und handelten.

Man wird aber zugestehen müssen, daß das Neue Testament die Kindertaufe nicht ausdrücklich befiehlt. – Die Kindertaufe wird mißbraucht, wenn kein Elternteil im christlichen Glauben steht und eine christliche Erziehung nicht gewährleistet ist.

(5) Die Taufe wird relativiert durch die Aussage des Paulus, daß Gott ihn nicht gesandt habe, zu taufen, sondern das Evangelium zu predigen (1Kor 1,17). Spekulationen über die Heilsnotwendigkeit der Taufe sollte man daher besser nicht anstellen. Die Tatsache, daß Abraham lange vor der Beschneidung den Zusagen Gottes glaubte und darin die Gerechtigkeit hatte, zeigt, daß der Glaube auch ohne äußere Zeichen bestehen kann.

(6) Die traditionelle baptistische Sicht, daß die Taufe ein menschlicher Bekenntnisakt sei und nur Gläubige getauft werden könnten, wird durch die formale Beobachtung begründet, daß im Neuen Testament nur Menschen getauft werden, die zuvor zum Glauben gekommen sind. Doch indem man sich zur Begründung der Taufe darauf beschränkt, nur die formale Handhabung der Taufe in Betracht zu ziehen, übersieht man, daß das Wesen der Taufe ganz andere Schlußfolgerungen zuläßt. Indem die Taufe, wie häufig zu lesen ist, als „Gehorsamsschritt“ gefordert wird, wird ihr evangelischer Charakter ins Gesetzliche verkehrt.

Quelle: Bernhard Kaiser in „Reformatorisch glauben“, S.56-58; Bild: pixabay (CC0 1.0)