Die »Kann-nicht-sprechen-Regel«

monkeyDie wirkungsvollste aller unausgesprochenen Regeln in einem mißbrauchenden System ist die sogenannte »Kann-nicht-sprechen-Regel«. Hinter diesem »ich kann nicht sprechen« verbirgt sich eigentlich: Das wirkliche Problem kann nicht angesprochen werden, weil es dann in Angriff genommen werden müßte. Dinge müßten geändert werden, darum muß es durch eine Mauer des Stillschweigens (Übergehen) oder durch einen Gegenangriff (Attacke der Gesetzlichkeit) beschützt werden.

Wenn Sie das Problem laut aussprechen, dann sind Sie das Problem. Sie müssen irgendwie zum Schweigen gebracht oder entfernt werden. Denjenigen, die es wagen, Probleme anzusprechen, wird gesagt: »All diese Probleme waren nicht da, bis du angefangen hast, deinen Mund aufzureißen. Alles war prima, bis du Unruhe gestiftet hast.« Oder anders, damit es richtig »geistlich« klingt: »Du warst zornig – du bist die Angelegenheit nicht in einer ‚liebenden‘ Haltung angegangen. Das zeigt, daß du nicht wie ein reifer Christ gehandelt hast.« In beiden Fällen bleibt das eigentliche Problem unberührt.

Die Wahrheit jedoch ist, daß Menschen, die Probleme ansprechen, nicht die Ursache dafür sind, sondern nur auf sie aufmerksam machen.

In Systemen, die geistlichen Mißbrauch begehen, existiert ein »vorgetäuschter Friede« – genau das, was Jeremia beklagt, wenn er sagt: »Heil, Heil! Aber kein Heil ist da.« Wenn uns nur vorgetäuschte Übereinstimmung vereint, dann haben wir nicht mehr als eine vorgetäuschte »friedliche« Einheit, bei der hintenherum viel geredet wird und die voller unterschwelliger Spannung ist. Das ist etwas ganz anderes als das »Erhalten von Einheit und Frieden im Heiligen Geist«, dem Kennzeichen gesunder christlicher Gemeinden. Das heißt, jedes Thema sollte offen diskutiert werden können.

Auch wenn wir in einigen Punkten uneins sind, so sollte dies den Dialog über diese Themen nicht beeinträchtigen. Vielleicht kommen wir auch gemeinsam zu der Überzeugung, daß es besser ist, ein Problem für eine gewisse Zeit zu vertagen, wenn eine zu große Spannung entsteht. Wichtig ist, daß beide Parteien an der Entscheidung beteiligt sind. Wenn wir wirklich im Heiligen Geist und der Liebe zueinander vereint sind, dann ist es möglich, unterschiedlicher Meinung zu sein, ohne daß die Einheit zerstört wird.

Die »Kann-nicht-sprechen-Regel« jedoch stellt denjenigen, der den Mund auftut, als den Schuldigen hin, und die nachfolgende Bestrafung bringt Fragende zum Schweigen.

– Quelle: Johnson & VanVonderen, „Geistlicher Mißbrauch“, S. 81f. // Bild: ©pixabay (CC0 1.0)