Die Sprache der Professionals

Redner-SpracheJede Berufssparte hat ihren Jargon, jede Zeit ihre Modeausdrücke. Aus beiden Elementen mischt sich zuweilen eine Redeweise, die geradezu das lebensnotwendige Handwerkszeug für »Öffentlichkeitsarbeiter« zu sein scheint. Politiker, Pfarrer, Public-Relations-Referenten, Akademie- und Seminarleiter, Berater und Gutachter kommen ohne gewisse Redewendungen nicht aus.

Sind es denn solch klare, präzise oder inhaltsschwere Begriffe, auf deren ständige Wiederholung wir nicht verzichten können? Keineswegs – es handelt sich um unbestimmte, eher ausweichende Floskeln: »Ich würde meinen…« – das an sich schon vorsichtige Verb auch noch im Konjunktiv gebraucht: Zeigt es nicht die Scheu, zu einer Sache Stellung zu beziehen?

»Ich sehe das so…« – ebenfalls eine von vornherein entschärfende Art der Argumentation. »Ich gehe zunächst davon aus…« – man möchte ja gern prophezeien, traut sich aber nicht die Urteilssicherheit eines Propheten zu.

Wie geht diese Redeweise der »Professionals« mit neuen Ideen um? – So unverbindlich wie möglich: »Wir werden den Vorschlag sorgfältig prüfen …« – eine ausgezeichnete Formel für demokratische Entscheidungsgremien (es wird so lange geprüft, bis nichts mehr übrig bleibt). »Wir werden den Dialog fortführen …« (das kann nicht schaden; es müssen ja nicht unbedingt Ergebnisse dabei herauskommen). »Das soll nur ein Denkanstoß sein …« (ein seriöser Geistesarbeiter wird doch keine fertigen Konzepte mit allen notwendigen Konsequenzen vorlegen!).

Oder die raffinierte Art, seine Zuhörer scheinbar zu Mitwissern zu machen: »Ich will Ihnen ganz offen sagen …« (verlassen Sie sich darauf, Sie werden nicht erfahren, was der Vortragende wirklich vorhat – Sie übernehmen nur eine Alibifunktion).

Sind diese Beispiele also lediglich Modeausdrücke? Oder spiegeln sie eine Art zeitgenössischer Unsicherheit wider – eine Unlust an Entscheidungen und deutlichen Aussagen? Wir wollen ja schließlich im Gespräch, im Geschäft bleiben, und »es ist immerhin denkbar«, dass es einem dabei schaden könnte, sich festzulegen.

 

Götz E. Hünemörder, Wort und Tat, Kassel, April 1973