Die Volxbibel

Jubiläumsbibel

„Hat doch meine Hand dieses alles gemacht, und alles dieses ist geworden, spricht der HERR. Aber auf diesen will ich blicken: auf den Elenden und den, der zerschlagenen Geistes ist, und der da zittert vor meinem Wort.“ – Jesaja 66,2

Kurz vor Weihnachten 2005 erschien die „Volxbibel“, die mit dem Anspruch auftritt, in „moderner Jugendsprache“ geschrieben zu sein. Die besondere Schreibweise des Namens ist von einer Küche für Obdachlose in Hamburg übernommen, „Volxküche“ genannt. Der Name soll für „von unten“ stehen, von „Leuten von der Straße, eben vom Volk“ (so der Autor).

Die Volxbibel ist „die erste Bibelübersetzung des Neuen Testaments in moderner Jugendsprache“, in der auch von „Rollstühlen, Mopeds, Pennplätzen und McDonald’s die Rede“ ist (so in einer Pressemeldung der Initiatoren). Der Hauptinitiator und Autor der Volxbibel, Martin Dreyer, nahm zunächst die Elberfelder und die Luther-Übersetzung sowie eine moderne und fragte sich dann, „wie man dasselbe heute in meinem Jugendzentrum erzählen würde, wo ich abends im Spätdienst arbeite. Manchmal zog ich auch ein griechisches Neues Testament hinzu. Alle Texte wurden dann von jungen Menschen gelesen und abgecheckt. Am Ende hat auch noch ein Theologe alles durchgearbeitet“, so berichtet er.

Im „Exposé Volxbibel“ auf seiner Homepage heißt es:

Das Volk, besonders das junge Volk, redet heute nicht mehr so, wie es in den existierenden Bibelübersetzungen der Fall ist. Die Übersetzungen gehen am Leben heutiger junger Menschen total vorbei. Worte wie „super“ oder „toll“ waren vor 10 Jahren noch aktuell. Heute spricht man von „krass“ oder „geil“.

Als Ziel der Volxbibel wird genannt, dass die „vielen Pastoren … ihren langweiligen Konfirmanden- und Kommunionsunterricht mit einem radikaleren frischen Bibeltext aufpeppen“ könnten; außerdem könnten sich „andere jungen Leute“ und „jeder, der sonst noch nie Kontakt mit dem christlichen Glauben hatte, … auf diese Art einmal neu damit beschäftigen“.

Zur Umsetzung heißt es dann:

Die Formulierungen sind so geschrieben, als wenn sie ein junger Mensch im Jugendzentrum heute erzählen würde. Die Bilder und Gleichnisse, die in der Bibel benutzt werden, sind zum Teil durch Bilder und Gleichnisse aus der heutigen Zeit übersetzt und ergänzt worden. So wird aus dem „Gleichnis vom Sämann und der Saat“ die „Story von der guten Software und der schlechten Hardware“.

In Zukunft soll es für alle Leser die Möglichkeit zum Mitübersetzen geben. „Die Übersetzungsvorschläge werden von einem Team bestehend aus Theologen, dem Autor und Jugendlichen ausgewertet und in der nächsten Ausgabe der Volxbibel umgesetzt.“ So würde die Volxbibel „das erste Buch der Welt werden, an dem wirklich alle Welt mitschreiben und mitgestalten kann“.

Bewertung

Was ist von der Volxbibel zu halten? Zunächst muss betont werden, dass der Initiator schon seit einigen Jahren jungen Menschen das Evangelium in ihrer Sprache erzählt. Jugendliche für Christus zu gewinnen, die von der biblischen Botschaft noch nie etwas gehört haben und vielleicht Mühe haben, sich standardsprachlich zu verständigen, ist nicht leicht und erfordert auf jeden Fall Ideen und Energie. Da nun die Volxbibel erschienen ist und ein breites Echo in der Öffentlichkeit gefunden hat, muss darüber nachgedacht werden, ob dieser Weg nachahmenswert oder vielleicht bedenklich ist.

Bedenklich dürfte zunächst sein, dass Begriffe und Sachverhalte herangezogen werden, die der ursprüngliche Bibeltext nicht meint. Ein „Sünder“ (Lk 5,8) ist etwas anderes als ein „Dreckskerl“, die „Auferstehung“ etwas anderes als ein „fettes Comeback“, „glückselig“ etwas anderes als „gut drauf sein“, „Trauernde“ etwas anderes als „Depressive“, Beten mehr als ein respektloses „Labern mit Gott“ (Mk 6,46) und das Gleichnis vom Sämann (Mt 13) etwas anderes als eine „Story von der guten Software und der schlechten Hardware“.

Weiterhin ist zu fragen: Welche Jugendsprache soll es in der Volxbibel denn sein? Jugendsprache ist zunächst einmal gesprochene Sprache, sie lebt von Verkürzungen und teilweise einer eigenwilligen Satzstellung; zudem ist sie kein einheitliches Gebilde, sondern in hohem Maße von Faktoren wie Region, sozialer Gruppe und natürlich Alter abhängig. Bisher gab es noch nie den Fall, dass Bibelübersetzungen ausschließlich der mündlichen Sprache nachgebildet wurden, und letztlich ist dies auch nicht möglich, da gesprochene Sprache eben grundsätzlich anderen Prinzipien folgt als geschriebene. Auch Luthers vielzitiertes Wort, man müsse „dem Volk aufs Maul schauen“, hilft in diesem Zusammenhang nicht weiter, denn zum einen hatte Luther die Sprache der Gesamtbevölkerung im Blick und nicht nur die einer besonderen Gruppe, zum anderen trug seine Bibelübersetzung zur Vereinheitlichung der deutschen Sprache bei und nicht zu ihrer Zersplitterung. Die Volxbibel dagegen festigt letztlich kommunikative Barrieren innerhalb der Sprachgemeinschaft.

Selbstverständlich achten Übersetzer immer wieder darauf, wie eine Sprachgemeinschaft etwas ausdrückt, und richten sich dann — auch bei anstehenden Revisionen — in gewissem Maße danach. In der Volxbibel scheint es aber darauf angekommen zu sein, Begriffe und Sachverhalte um jeden Preis zu „verjugendlichen“. Wenn Peter Schlobinski, Sprachwissenschaftler und Forscher über Jugendsprache und Jugendkultur, mit seiner Behauptung Recht hat, dass jugendliches Spiel mit Sprache „Teil einer durch Medien geprägten Kultur des Spaßes und der Zerstreuung“ ist, „der Anregung in der Gruppe, in der es um Vergnügen, gelegentlich um den ,Kick‘ geht“, dann darf doch bezweifelt werden, dass diese Sprache in der Lage ist, biblische Inhalte angemessen wiederzugeben. In der Tat trifft man immer wieder auf Stellen, an denen die Volxbibel sprachlich an ihre Grenzen stößt; auch sie kommt letzten Endes nicht ohne Formulierungen aus, die wohl kaum der Jugendsprache angehören (z. B. „zuschulden kommen lassen“, Mt 6,12; „Gefangenschaft von dunklen Gedanken und Taten“, Mt 6,13; „verordnen“, Lk 2,1; „für einen besonderen Anlass aufbewahren“, Lk 15,23).

Zu bezweifeln ist auch, dass es das Ziel einer Bibelübersetzung sein kann, „langweiligen Konfirmanden- und Kommunionsunterricht“ „aufzupeppen““, wie es im „Exposé Volxbibel“ heißt. Was schließlich die Voraussetzungen der Übersetzer betrifft, so muss man zum einen von ihnen erwarten können, dass sie gläubige Christen sind, die sich bei ihrer Arbeit vom Heiligen Geist leiten lassen, und zum anderen, dass sie eine hervorragende Kenntnis sowohl der Ausgangs- als auch der Zielsprache besitzen. Unter diesem Aspekt kann das Unterfangen, dass die Volxbibel „das erste Buch der Welt werden [soll], an dem wirklich alle Welt mitschreiben und mitgestalten kann“, nur fehlschlagen.

Bereits vor ihrer Veröffentlichung stieß die Volxbibel auf Kritik. Stefan Felber und Herbert Klement vom „Arbeitskreis für evangelikale Theologie“ schrieben in einer Stellungnahme: „Diese gotteslästerliche ,Bibel‘ entspricht in keiner Weise dem, was von der Schrift als Orientierung für Christen und Nichtchristen zu erwarten ist … Sie baut nicht auf, sie zersetzt.“ Die „theologische und geistige Erosion“ dringe immer weiter vor und zersetze den Respekt „nicht nur vor einer gepflegten Sprache, vor dem Alter, tiefer: vor Gottes Wort und schließlich vor Gott selbst“. Die Christliche Bücherstuben GmbH verkauft in ihren 31 Filialen die Volxbibel nicht. In einem Informationsblatt weist sie für die Kunden unter anderem auf eine zum Teil „unflätige Sprache einer christlichen Subkultur“ bzw. auf „Gossensprache“ hin und rät dringend von der Verbreitung ab. Wenn schließlich Hans-Georg Wünch zu bedenken gibt, dass es „z. B. weder inhaltlich noch vom Verständnis her notwendig [ist], den verlorenen Sohn als ,Toilettenmann bei McDonald’s‘ landen zu lassen“, kann man dem nur zustimmen. Zwar beteuert der Geschäftsführer des herausgebenden Verlags: „Bei der Volxbibel handelt es sich um ein rein missionarisches Projekt für Gruppen, die man mit dieser Sprache erreichen kann. Sie ist eine freie Übertragung und deshalb kein Ersatz für eine ,normale‘ Bibelübersetzung.“ Doch ist zu befürchten, dass durch die Entfernung vom Originaltext und durch die Verarbeitung von Ausdrücken, die Leute einfach vorschlagen, Jugendliche einen Text lesen, der nicht so ist, wie Gott ihn haben möchte, sondern so, wie er Menschen gefällt.

Vielleicht sollte uns diese neuerliche Diskussion zum Nachdenken darüber bringen, was uns persönlich das Wort Gottes wert ist, wie viel Zeit wir in es investieren, ob wir versuchen, das Gelernte umzusetzen, und welche Energie wir einsetzen, um Jugendlichen die Bibel verständlich zu machen.

„Denn das Wort Gottes ist lebendig und wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und durchdringend bis zur Scheidung von Seele und Geist, sowohl der Gelenke als auch des Markes, und ein Beurteiler der Gedanken und Überlegungen des Herzens; und kein Geschöpf ist vor ihm unsichtbar, sondern alles ist bloß und aufgedeckt vor den Augen dessen, mit dem wir es zu tun haben“ (Heb 4,12.13).

– Quelle: J. Klein // SoundWords.de // BILD: Jubiläumsbibel Luther 1912