Ein alter Bauer in der Großstadt

Im-Fahrstuhl

Ein alter Bauer lebte zusammen mit seiner Frau einsam auf dem Lande. Von der vielen schweren Arbeit waren sie krumm geworden und verbraucht. Sie besaßen kein Fernsehgerät, nicht einmal ein Radio, sie lasen auch keine Zeitung. So wussten sie gar nichts von der großen Welt und ihren Errungenschaften. Und dieser Bauer geriet eines Tages mitten in den Trubel einer Großstadt. Er ging in den Straßen hin und her, schaute an den Wolkenkratzern hinauf und wunderte sich, dass die Fenster in den oberen Stockwerken immer kleiner wurden.

Schließlich ging er in ein großes Kaufhaus. Bei jedem Schritt nahm er die Füße ganz hoch, weil er dachte, er würde sonst in den Teppichen versinken. Er war ganz begeistert von dem, was er da in den Auslagen sah, vor allem von den wunderschönen Lampen, die von der Decke herunterhingen. Er konnte kaum glauben, dass dies alles kein Traum war.

Doch dann sah er plötzlich, wie eine ältere Dame quer durch den Raum ging und an der Wand einen schwarzen Punkt berührte. Er wunderte sich darüber. Aber im gleichen Augenblick rollte die ganze Wand auf die Seite. Hinter der Wand sah er einen großen, hell erleuchteten Kasten. Es war kaum zu glauben – diese ältere Dame ging einfach in den Kasten hinein. Die Wand schloss sich wieder. Der Bauer wunderte sich sehr, was das wohl zu bedeuten habe.

Er wollte beobachten, was weiter geschehen würde. Und nach einigen Augenblicken ging die Wand plötzlich wieder zurück. Er sah wieder in diesen hell erleuchteten Kasten hinein. Heraus kam ein schlankes, fein angezogenes junges Mädchen, das stolz und graziös mitten durch die Halle davonging.

Der alte Mann traute seinen Augen nicht. Er hatte schon von Magie gehört, aber so etwas hatte er noch nie erlebt. Immer starrte er wieder auf diese Wand. Dann sah er, wie eine alte Frau mit tiefen Furchen im Gesicht und mit viel Gepäck auf diese Wand zuging. Sie berührte wiederum diesen schwarzen Punkt, und die Wand ging tatsächlich wieder zurück. Auch sie betrat diesen großen, hell erleuchteten Kasten. Dann schloss sich die Wand wieder. Gespannt wartete er, was wohl jetzt wieder herauskommen würde. So stand er und schaute und schaute. Wirklich ging nach ein paar Minuten die Wand wieder zurück, und siehe da, es kam eine zwanzigjährige Blondine heraus, die todschick angezogen war.

Als er noch voller Erstaunen dastand und die Wand anstarrte, kam der Geschäftsführer auf ihn zu und fragte: »Kann ich etwas für Sie tun?« »Ja«, antwortete der Bauer, »sogar etwas sehr Wichtiges. Bitte bringen Sie meine alte Mathilde möglichst schnell hinter diese Wand!«

 

Bild: (c) Klaus Friese / flickr (CC BY-SA 2.0)