Ein bemerkenswerter „ADAC-Test“

Auto-Unfall

‚Blutüberströmt und regungslos liegt der junge Mann am Straßenrand, dahinter ein umgestürzter, völlig demolierter Kadett. Dort, wo einmal die Frontscheibe war, hängen Arm und Oberkörper eines zweiten Verletzten heraus. In der Stille des heißen Sommertages wird Motorengeräusch hörbar.

Ein grauer Mercedes kommt um die langgezogene Kurve vor der Unfallstelle, beschleunigt auf der Geraden, wird wieder langsamer und fährt im Schritttempo heran. Fahrer und Beifahrerin schauen aus dem Fenster, sehen die Verletzten, die Frau spricht aufgeregt auf den Mann ein. Gleich werden sie anhalten, herausspringen, rufen, helfen… Doch der Wagen fährt vorbei, der Fahrer gibt Gas und verschwindet um die nächste Kurve. „Ich habe nichts gesehen“, wird er sagen, wenn ihn die 200 Meter weiter wartende Polizei heraus winkt und anhält.

Der Unfall ist gestellt, ADAC und Südwestfunk haben in der Nähe von Baden-Baden ein verbeultes Auto neben der Landstraße umgeworfen, eine Bremsspur gelegt und Glassplitter auf die Fahrbahn gestreut. Das Blut auf Kopf und Brust des jungen „Verletzten“ ist nur Schminke. Gott sei dank. In drei Stunden kommen 69 Autofahrer und 3 Radfahrer vorbei. Ganze 14 von ihnen versuchen, dem Verletzten zu helfen, vier weitere wollten zwar, fahren aber nach kurzem Zögern wieder weiter. Auch zwei der Radfahrer fahren vorbei, ohne sich um den jetzt auch noch jammernden und stöhnenden Verletzten zu kümmern.‘

Dieser Bericht war vor einigen Jahren in der ADAC-Motorwelt zu lesen. Vier von fünf Verkehrsteilnehmern lassen Verletzte einfach liegen. „Der ist zu schnell gefahren, nun liegt er im Graben, bin ich da schuld?“ So begründet der 58jährige Andreas H. seine fehlende Hilfsbereitschaft gegenüber der Polizei, die ihn kurz darauf anhält.

Kaum ein anderes Gleichnis aus der Bibel ist so bekannt wie das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter. Hilfsbereitschaft in einem Land des christlichen Abendlandes sollte selbstverständlich sein. Der Samariter ist zum Inbegriff eines guten Helfers geworden, z.B. der „Arbeiter-Samariter-Bund“. Bei uns ist alles bestens organisiert. In der Regel ist ein Rettungsdienst spätestens eine Viertelstunde später zur Stelle, wenn Hilfe angefordert wird.

Bei uns ist ja alles geregelt: Für Krankheiten sind Ärzte, Sanitäter und Krankenpflegepersonal zuständig. Bei seelischen Problemen greift man auf Psychologen oder auf Seelsorger zurück. Wenn es brennt, wird die Feuerwehr alarmiert. Wo Gewalt geschieht, rufen wir nach unserem „Freund und Helfer“, der Polizei. Alles ist geregelt – wirklich alles?

Zwei von drei Menschen schauen weg, wo sie doch hätten helfen können und sollen. Zwei von drei Menschen in unserem Gleichnis, ein Priester und ein Levit gehen einfach weiter! Zwei Radfahrer aus dem ADAC-Versuch, die den Verletzten aus nächster Nähe sehen konnten, radeln einfach weiter! Einer von fünf Verkehrsteilnehmern hat angehalten und wollten helfen. Dieser Versuch war im Sommer 1992. Ob das heute anders wäre?