Fahrplan zur Gemeindegründung – eine Einschätzung

FahrplanFahrplan zur Gemeindegründung

Grundsätzliches

Mission in Deutschland ist für viele etwas Neues. Einige Prediger, Älteste und Pastoren vergleichen die Gemeindegründungsarbeit mit ihrer eigenen Arbeit in ihrer seit Jahrzehnten bestehenden Gemeinde. Der wesentliche Unterschied: Ihre Mitglieder kommen, sie brauchen nicht eingeladen zu werden. Einige arbeiten sogar gut mit und entlasten einander. Und da die Gemeinden mit dem Bestehenden zufrieden sind, beschränkt sich ihre Evangelisation darauf, das Gewissen zu beruhigen.

Gebet und Bibellesen

Eine Frage ist sicher, ob wir als Christen die Bereiche „Gebet“ und „Bibellesen“ als Arbeit ansehen, oder ob wir sie der Freizeit zuordnen. Es sei hier daran erinnert, dass es in der Mission auch vollzeitliche Beter gibt – und das ist gut so! Wir kalkulieren hier mit einer guten Stunde Gebet jeden Morgen, das wäre insgesamt etwa ein Tag in der Woche. Eine weitere gute Stunde Bibellesen pro Morgen, das ist noch ein Tag. Wer sich als Missionar oder Pastor mehr Zeit für das Gebet und fürs Bibellesen (auch zur eigenen Fortbildung) nimmt, der tut seinen Dienst noch besser! Wer diese Zeit aber seiner Freizeit und nicht der Arbeitszeit zuordnet, wird bald keine Freizeit mehr haben.

Montag – Ruhetag?

Ein besonderes Problem ist der Montag als Ruhetag. Das Beste wäre, einen Tag lang irgendwohin wegzufahren. Sobald aber Kinder im Haus sind, die zur Schule gebracht und wieder abgeholt werden müssen, geht das nicht. Auch wegen der Kinder ist es ein Problem, die Telefone einfach auszuschalten. Und wer evangelisiert, freut sich über jedes Interesse. Wie kann man sonntags Menschen einladen, sie am Montag (oder wann auch immer) aber wieder abweisen? Es ist sehr schwer, seine gebotene Ruhe wirksam zu schützen. Realistischer ist es, einige Stunden für sich zu finden, z.B. um etwas Sport zu treiben.

Organisation – was ist das?

In den Bereich Organisation fällt alles, wozu der Missionar keine Lust hat, was er aber trotzdem machen muss. Je nach seiner Lebenssituation sind dafür zwei Stunden in der Woche (d.h. ein Tag pro Monat) noch sehr knapp bemessen. Einladungen müssen erstellt und gedruckt, eine Webseite verwaltet, die Kasse geführt, mit den Behörden korrespondiert werden usw. Und – so schwierig wie wichtig – es müssen „Freundesbriefe“ geschrieben werden, weil man von Spenden lebt – ob man will oder nicht. In der Regel ist der Missionar in einem (Missions-)Verein, an den berichtet werden muss. Ist man selbst Missionsleiter, hat man noch mehr Arbeit…

Besuchsdienste und Treffen

Gesegnet ist der, der mit seiner Missionsarbeit nicht alleine dasteht. Versammelt er sich mit anderen Leitern anderer Projekte, kann er sich gut austauschen und gegenseitig ermutigen. Das Treffen mit Leitern, die im eigenen Projekt mitarbeiten, ist grundlegend. Zwei Stunden pro Woche sollte man mindestens für ein „Leitertreff“ einplanen.

Für „Hausbesuche“ in der Woche werden hier 4 Stunden angesetzt, das ist sehr wenig. Grundsätzlich gilt die Regel: Je mehr Menschen man kennenlernt (und evangelisiert), desto mehr Zeit muss man für sie einplanen. Wer sich unter der Woche nicht für die Menschen interessiert und ihnen nicht persönlich begegnet, der wird nicht erwarten können, dass die Menschen am Sonntag Interesse an seiner Botschaft haben. Hinzu kommt, dass i.d.R. solche Menschen offen für das Evangelium sind, die mit Problemen vor dem persönlichen Bankrott stehen und nicht mehr weiter wissen. Also wenden sie sich an Gott, aber oft auch (nur) an Gottes Diener. Besucht man die Menschen nicht bei ihnen zu Hause, sondern lädt sie ein, braucht man Zeit für die Bewirtung. Und so mancher geht nicht planmäßig nach 2 Stunden Gespräch wieder nach Hause…

Vorbereitung Predigt

„Eine gute Auslegungspredigt ist unter 13 Stunden nicht zu machen“ – so die Aussage auf einem Predigerseminar (des EBTC). Leider sieht die Praxis so aus, dass hier sehr viel Zeit eingespart wird. Weil aber der Glaube aus der Predigt kommt (Röm 10:17), wäre das fatal. Wir planen hier mit 10 Stunden, ohne Gebetszeit.

Missionsfeld Kinder

Eine Gemeinde ohne Kinder hat keine Zukunft. Schön ist es, wenn gesunde Familien den Gottesdienst besuchen und ihre Kinder geistlich versorgt werden. Eine große Chance ist es, wenn man Kinder evangelisieren kann, vielleicht auch durch die eigenen Kinder, und so auch deren Eltern mit dem Evangelium erreicht. Oft ist das ein Dienst, den die Frau des Missionars bzw. Pastors übernimmt. Für unseren Stundenplan ist es egal, denn in dieser Zeit muss dann der Mann die Hausarbeit übernehmen.

Der Gottesdienst

Hat man sich 10 Stunden lang auf die Predigt vorbereitet, ist der Gottesdienst noch lange nicht fertig. Es braucht eine Liturgie, Musik, Beiträge, auch das Äußere sollte einladend gestaltet sein. Anschließend bleiben die Besucher (hoffentlich) noch zum Gespräch bei Kaffee und Kuchen. Wehe dem, der dann keine Mitarbeiter hat…

Evangelisation

Der Bauer, der nicht sät, ist ein armer Bauer. Der Evangelist, der das Wort Gottes nicht verbreitet, wird keine Menschen erreichen. Die Saat wird nie aufgehen, wenn sie nie gesät wurde. Also muss der Missionar rausgehen, ins Feld, und Menschen ansprechen, Traktate verteilen, zum Gottesdienst einladen, predigen usw. Je mehr, desto besser.

Bibel- und Gebetskreis

Hat sich eine kleine Gruppe gefunden, die sich sonntags regelmäßig trifft, dann ist es gut, dass man auch unter der Woche zum gemeinsamen Bibellesen und Gebet zusammenkommt. Wer als Missionar wirklich „Jünger machen“ und das weitergeben will, was er gelernt hat, muss sich gut vorbereiten. Dabei wird die Anzahl der Teilnehmer egal sein, denn die Arbeit ist gleich und der Vortrag derselbe, ob vor vielen oder vor wenigen Menschen.

Was eigentlich noch fehlt

Im missionarischen Trend liegen besondere Veranstaltungen zur Evangelisation wie „Familiengottesdienste“, „Themenabende“, „Konzerte“, „Gemeindefeste“ u.v.a.m. Tatsächlich scheint es so zu sein, dass Menschen eher geneigt sind, einmaligen Einladungen zu folgen, als dem Ruf in die Nachfolge verbindlich zu gehorchen. Und so baut man die eine oder andere Brücke, um „Außenstehende“ zu erreichen. Das muss nicht falsch sein, kann aber falsche Prioritäten zur Folge haben.

Gemeinde bedeutet auch Gemeinschaft, und die sollte gefördert werden. Hilfreich sind hierzu besondere Aktionen – für die Mitglieder – wie Feste und Ausflüge. Das sollte nicht die erste Priorität sein, aber wer dazu genügend Zeit (und Mitarbeiter) findet, der sollte es machen.

Besonders bei der Arbeit unter Bedürftigen in sozial schwachen Gebieten bleibt es nicht bei Hausbesuchen oder Einladungen, sondern berührt den Bereich der Diakonie. Gemeinsame Behördengänge, Formularbearbeitung, Arbeitssuche, Arztbesuche, Wohnungssuche, Umzüge, Besorgungen, Fahrdienste, etc. – braucht Zeit.

Hat der Missionar eigentlich mal Urlaub? Und was, wenn keine Vertretung in Sicht ist? Wer predigt dann? Wer kann überhaupt etwas tun? Oder gibt es „Betriebsferien“?

Wahrscheinlich am wichtigsten sollte die eigene Familie sein. Die Kinder haben montags keinen Ruhetag, sondern nur ihr Wochenende und fragen:

„Papa, wann hast Du mal Zeit?“

Sonderfall: „Zeltmacher“

„Paulus hat Gemeinden gegründet und gleichzeitig gearbeitet.“ So hört man immer wieder mit mehr oder weniger starkem Unterton. Folgende Punkte sind zu beachten:

  1. Durch Gnade war Paulus, was er war. (1.Kor 15:10) Das ist nicht der Regelfall!
  2. Er war Single und nur um die Dinge des Herrn besorgt. (1.Kor 7:32)
  3. Je mehr Unterstützung, desto mehr Zeit für Mission. (Apg 18:5; 2.Kor 11:8; vgl. Apg 6:2)
  4. Paulus hatte viele Mitarbeiter, war mit ihnen viel auf Reisen, hatte auch Pausen.
  5. Er war selbstständig und nicht an einen 40-Stunden-Arbeitsvertrag gebunden.

Zusammenfassung: Die Woche des Missionars unterteilt sich grob in einen Tag zum Gebet, einen Tag zum Bibellesen, einen Tag für Treffen, einen Tag für die Predigt, einen Tag für Kinderstunde und Bibelkreis, einen Tag für Gebetstreff, Organisation und Evangelisation und einen Ruhetag. Vollzeitlich. Plus Gottesdienst.

Fazit: Oben zeichnen wir einen „50-Stunden-pro-Woche-Fahrplan“ und werben damit um Verständnis für den Missionar in seiner Gemeindegründungsarbeit. Wer daneben noch einer gewerblichen Tätigkeit nachgeht oder gar angestellt ist, wird schlicht überfordert sein – schon allein zeitlich, aber ganz sicher auch nervlich.

Nachtrag: Eine vorbildliche Gemeindegründungsarbeit haben wir in Korea kennengelernt.