Gemeinde und Evangelisation

Weizenfeld_Ernte

In den letzten Jahren bin ich in unterschiedlichen Gemeinden auf immer wieder dieselben Denkmuster gestoßen, die ich zuerst auch angenommen habe, im Laufe der Zeit aber immer mehr in Frage stellen musste. Zum einen durch das Bibellesen, zum anderen durch Erfahrung. Hier in Kürze die 5 Denkmuster, am Ende ein Fazit.

Denkmuster 1:

„Ziel ist, möglichst viele Besucher in die Gemeinde zu bringen. Dazu müssen wir immer wieder in die Gemeinde einladen. In der Gemeinde werden sich die Leute dann schon bekehren.“

Die Gemeinde besteht aus Christen, und die feiern gemeinsam Gottesdienst. Wer sagt, dass der Gottesdienst der Gemeinde für die Ungläubigen gefeiert wird? Der Gottesdienst mag z.T. evangelistisch ausgerichtet sein, aber i.d.R. feiern hier Christen gemeinsam ihren Gott.

Der Auftrag der Gemeinde ist nicht, in den Gottesdienst einzuladen, sondern aus dem Gottesdienst zu den Menschen zu gehen, um ihnen das Evangelium zu sagen. Nehmen sie es an, dann fragen sie automatisch, wo sie nun mit anderen Christen Gottesdienst feiern können. Erst gehen, dann verkündigen, dann einladen. Nicht andersrum.

Wie aber können wir den Menschen das Evangelium bringen?

Denkmuster 2:

„Wir verteilen Traktate. Und wenn von den etwa 1000 Menschen, denen wir heute ein Traktat gegeben haben, sich nur einer bekehrt, dann hat sich der Einsatz schon gelohnt.“

Das stimmt, vorausgesetzt, die Quote stimmt tatsächlich. Offensichtlich ist aber an vielen Orten, dass wir als Christen zwar jahrelang (!) Traktate verteilen (wieviele mögen es in den letzten 10 Jahren gewesen sein?!), die Entwicklung der Gemeinden insgesamt aber negativ ist. Man sollte meinen, wenn sich bei jedem Einsatz auch nur einer bekehrt, müssten die Gemeinden wenn auch langsam, aber doch stetig wachsen. Wir sollten deshalb die Quote 1:1000 hinterfragen.

Für mich hat das zwei Konsequenzen: Einmal müssen wir je härter arbeiten, evangelisieren und suchen, je weniger das Evangelium allgemein angenommen wird. Wenn die Quote 1:10.000 ist, dann müssen wir eben versuchen, den einen unter den 10.000 Menschen zu finden. Zum anderen verteile ich nicht mehr nur Traktate, sondern spreche die Menschen direkt an: „Kommen Sie in den Himmel, wenn Sie sterben?“

Das Traktat mögen sie ungelesen wegwerfen, aber an der Frage kommen sie nicht mehr vorbei. Was, wenn wir als Christen – statt mehr oder weniger wortlos lange Texte zu verteilen – den Menschen immer wieder diese Frage stellen? So manche bleiben auch stehen und haben einige Sekunden Zeit für ein kurzes Gespräch. So kann man auf den einzelnen Menschen und seine Fragen und Vorurteile individuell eingehen (und selbst auch ein persönliches Zeugnis und einen hoffentlich guten Eindruck mitgeben).

Übrigens: Die Bibel spricht an so vielen Stellen davon, dass die Menschen das Evangelium „hören“ und wir es „verkündigen“ sollen. Ein Traktat spricht aber nicht, und viel zu oft wird es – wohl auch deshalb – achtlos weggeworfen.

Denkmuster 3:

„Wenn sich ein Mensch bekehrt, ist nicht wichtig in welche Gemeinde er dann geht.“

Ist es nicht? Doch, die Gemeinde ist sehr wichtig. Oft haben wir erlebt, dass in einer Gemeinde für den Erstbesucher ein völlig falsches Bild vom christlichen Glauben vermittelt wird. Dem langjährigen Gottesdienstbesucher mag das gar nicht mehr auffallen, aber wie sagte noch eine Bekannte nach einem – evangelistisch gedachten – Gemeindefest? „Das ist ja hier wie auf der Kirmes.“

Hinzu kommen Dinge wie mangelhafte Hingabe, fehlende Freundlichkeit, Predigten ohne Wort Gottes. Wie soll der Bekehrte im Glauben wachsen, wenn er weder Vorbilder hat noch aus der Bibel lernen kann? Wie soll sich der Mensch für den Glauben begeistern, wenn schon die Mitglieder der Gemeinde nicht gerade begeistert sind sondern in Eile, schnell wieder nach Hause zu fahren?

Je mehr Gemeinden wir kennengelernt haben, desto wichtiger wurde uns die Frage nach einer gesunden Gemeinde für den Neubekehrten. Wenn sich ein Mensch bekehrt, fängt die Arbeit erst an (und die Echtheit der Bekehrung zeigt sich im Ausharren).

Denkmuster 4:

„Eine perfekte Gemeinde gibt es nicht.“

…und spätestens wenn ich dort hingehe ist sie nicht mehr perfekt. Das stimmt natürlich. Aber was soll uns das sagen? Damit ist also alles i.O. und wir brauchen uns nicht zu ändern?
Auch wenn wir bis an unser Lebensende die Perfektion nie erreichen werden, hat Paulus uns doch gelehrt, dass wir nach Heiligung streben und uns in das Bild Christi verändern lassen sollen. Die Gemeinde wird nie perfekt sein, aber sie steht in der Nachfolge Christi.

Denkmuster 5:

„Wir müssen einfach nur geduldig sein. Gott wird etwas tun.“

Geduld ist eine biblische Tugend, aber sie will als solche richtig verstanden werden. Geduld aus dem Mund eines Heuchlers kann alles bedeuten: Faulheit, Feigheit, Dummheit, Arroganz, falsche Demut, Kleinmut, Unglaube, einfach Ungehorsam und diabolische Passivität.

Natürlich ist es Gott, der „etwas tun wird.“ Aber wie und durch wen? Die Bibel lehrt uns, dass Gott seine Kinder beauftragt und befähigt. Wenn wir nur passiv dasitzen und auf Gott warten, dass er irgendwann eingreifen wird, werden wir uns noch wundern (bzw. können nur hoffen), dass andere eingesetzt und den Dienst tun werden, zu dem wir eigentlich von Gott berufen waren.

Fazit:

Die Gesamtheit dieser Denkmuster – (1) Nicht missionieren, sondern einladen; (2) Traktate verteilen, ohne zu predigen; (3+4) Gemeinde ist nicht so wichtig; (5) Gott macht das schon – führt zu Passivität. Wir brauchen Christen, die umdenken und Verantwortung übernehmen.

 

– Bild: ©pixabay (CC0 1.0)