Gemeinde zwischen Erstarrung und Schwärmerei

Odysseus

In der Odysseussage wird berichtet, wie der griechische Held mit seinen Leuten auf der sturmreichen Heimfahrt in seinem Schiff viele Gefahren zu bestehen hatte. In der Meerenge von Messina musste er zwischen zwei Felsen hindurchfahren, der »Skylla« und der »Charybdis«. In der Skylla wartete ein Meeresungeheuer mit sechs Hälsen und zwölf Füßen, um das Schiff zu verschlingen, und gegenüber in der Charybdis ein anderes, das täglich dreimal die Flut einsog und wieder ausspie.

Eine gefährliche Fahrt zwischen Skylla und Charybdis ist auch der Weg der Gemeinde. Wie diese beiden Strudel, so sind es zwei große Gefahren, die die Gemeinde heute bedrohen. Auf der einen Seite die Gefahr der Erstarrung, auf der anderen die Gefahr der Schwärmerei: Gemeinde zwischen Erstarrung und Schwärmerei.

Erstarrung als Zeichen abnehmender Lebenskraft

Die Erstarrung ist zunächst eine fast natürliche Folge des Älterwerdens. Im Laufe des Lebens sammelt der Mensch Erfahrung. Aus Erlerntem und Erlebtem bilden sich feste Anschauungen und Überzeugungen. Der Schatz der Erfahrungen ist etwas vom Wertvollsten des Lebens. Man verlässt sich gerne auf »gestandene« Männer und Frauen, also auf Menschen, die feste Standpunkte haben.

Festigkeit ist nicht gleich Starrheit. Auch festes Material kann noch biegsam sein. Erst wenn der Mensch wirklich alt wird – früher oder später -, wird er starr. Erstarrung ist beim alten Menschen nicht immer Bosheit, sondern die Folge eines natürlichen Abbaus der Gehirnzellen. Erstarrung ist Zeichen abnehmender Lebenskraft.

Segen und Gefahr der Tradition

Dieselbe Erfahrung macht auch eine Gemeinde. Unsere Gemeinden sind noch nicht alt, vielleicht 100 oder 125 Jahre. Und doch hat sich auch bei uns ein Erfahrungsschatz gesammelt: die »Tradition«, wörtlich: das von der Geschichte her »Überlieferte«.

Tradition ist zunächst etwas sehr Wertvolles. Es ist das, was man durcharbeitet, durchlitten, erfahren hat und was sich dabei bewährt hat. Es ist die Erfahrung, wie Gott gehandelt hat und wie Gott in seinem Handeln bei uns erlebt wurde.

Wenn Tradition aber zum starren Prinzip wird, dann wird sie gefährlich: Sie wird zur Schiene, auf der alles laufen muss, sie verhindert neue Entdeckungen und hemmt schließlich die Bewegung. Je älter wir als Gemeinden werden, um so stärker sind wir dieser Gefahr ausgesetzt.

Drei Gefahren der Tradition

Zum Beispiel besteht auch unter uns die Gefahr, in den bewährten Formen starr zu werden. Sicher soll die Form dem Inhalt entsprechen. Aber schöne Gottesdienste, durchdachte Predigten, eine gute Verfassung und Ordnung der Gemeinde garantieren noch lange nicht echtes geistliches Leben. Gerade bei den guten, aber starren Gottesdienstformen bleibt für das Spontane und Emotionale, für das heute ein starkes Bedürfnis besteht, zu wenig Raum.

Weiter: Tradition wird zum geistlichen Hemmschuh, wenn man ständig nur zurückblickt. »Früher war alles besser«, die Lieder, die Gemeindezucht, die Gemeinschaft untereinander usw. Dabei übersehen wir aber, dass die Erinnerung immer verklärt.

Schließlich: Tradition bringt die Gefahr mit sich, dass man sich gerne auf dem Erreichten ausruht. Auch eine Gemeinde möchte sich einmal ausruhen, das Leben genießen und sich ihrer selbst freuen, also sich »etablieren«. Die Bibel aber sagt: »Lasset uns laufen mit Geduld in dem Kampf…, auf dass ihr nicht matt werdet.« (Hebräer 12, 1.3)

Abwendung vom Traditionalismus, aber nicht ohne Ziel

Von einer kleinen englischen Gemeinde wird berichtet, dass die Ältesten mit der Erstarrung der Gemeinde nicht zufrieden waren. Sie beschlossen, etwas zu tun, und brachten ein großes Plakat an der Kirchentür an: »Vorwärts, egal wohin!« Einige Tage später hatte ein Unbekannter einen Zusatz darauf geschrieben, und jetzt stand dort: »Vorwärts, egal wohin … sagten die Schweine von Gerasa und stürzten in den See!« Das ist sehr deftig, aber es zeigt die Gefahr. Die Gemeinde bewegt sich zwischen den Extremen, zwischen »Skylla« und »Charybdis«. Das Extrem zur Erstarrung ist die Schwärmerei. Gemeinde zwischen Erstarrung und Schwärmerei.

Schwärmerei als natürliche Gegenreaktion auf die Erstarrung

»Schwärmen« heißt zunächst: sich für jemanden oder etwas leidenschaftlich begeistern. Das kann ganz harmlos sein. In der Kirchengeschichte wurde das Wort »Schwärmer« später zu einem Fachausdruck für einen Phantasten, Enthusiasten oder Fanatiker. Es war eine alte kirchengeschichtliche Fehlbeurteilung, die man heute endlich berichtigt, dass man die Täuferbewegung des Mittelalters zu den »Schwärmern« rechnete. Schwärmerei bedeutet: Das Gefühl ist wichtiger als der Wille, die Intuition (menschlicher Einfall) ist wichtiger als die Inspiration (geistgewirkte Eingebung), der Geist ist wichtiger als die Schrift.

Schwärmerei ist zuerst eine natürliche Folge der Erstarrung. Die Gläubigen einer Kirche oder Gemeinde leiden unter den geistlichen Mangelerscheinungen und ersehnen eine neue Lebendigkeit. In ihrem Suchen stoßen sie in der Schrift auf die Aussagen über die Kraft des Heiligen Geistes. Sie machen wunderbare Entdeckungen damit. Aber weil es sich um eine Gegenreaktion auf die Erstarrung handelt, ist man offen für überbordende und unkontrollierbare Erlebnisse. Andere können das nicht begreifen, und so kam es z. B. 1909 zu der sogenannten »Berliner Erklärung«, in der 56 führende gläubige Männer aus Kirchen, Freikirchen und Gemeinschaften alle Pfingstgemeinden verurteilten. Heute bemüht man sich im Hauptvorstand der Evangelischen Allianz, diese berüchtigte Erklärung zu überwinden.

Segen echten geistlichen Lebens

Wir erleben heute ein Aufbrechen geistlichen Lebens und Erfahrungen mit den Geistesgaben in verschiedenen Kirchen und Gemeinden. Das ist ein Geschenk Gottes in unserer Zeit. Und es ist wunderbar, dass Menschen, die das erleben, was im Neuen Testament beschrieben wird, nicht auswandern aus ihren Kirchen, um eigene Gemeinschaften zu bilden, sondern ihren Auftrag in ihren Gemeinden sehen.

Wo aber beginnt nun die Schwärmerei? Das ist nicht leicht zu sagen und wird natürlich sehr unterschiedlich beurteilt. Der eine hält etwas für Schwärmerei, was normales biblisches Leben ist, nur weil er es nicht versteht. Und der andere hat den biblischen Boden längst verlassen, merkt es aber nicht und beruft sich ständig auf die Bibel. Grundsätzlich meine ich, dass wir in unseren Gemeinden im allgemeinen sehr nüchterne Leute sind. Darum sind wir für das Schwärmertum wenig anfällig, viel anfälliger sind wir dagegen für die Erstarrung!

Woran erkennt man die Schwärmerei?

Schwärmerei ist, wo das Grundmuster, das uns Jesus Christus gegeben hat, verlassen wird: sein Dienen und seine Liebe, sein Kreuz und seine Auferstehung. Das Kreuz von Jesus Christus beschattet unser Leben, die Auferweckung bringt Licht. Schatten und Licht, beides liegt über unserem Leben. Der Schwärmer aber sieht den Schatten des Kreuzes nicht mehr, sondern nur noch das Licht des Ostertages. Er will es nicht wahrhaben, dass es in der Gemeinde neben der Erfahrung des Sieges über die Krankheit auch Menschen gibt, die unter dem Schatten des Leides, der Krankheit, des Kreuzes bleiben, und er verdächtigt sie der Glaubensarmut.

Die Schwärmerei vollzieht ständig den falschen Vorgriff auf die Zukunft: Menschen und Gemeinden sollen heute schon vollkommen sein. Der Schwärmer übersieht das Beispiel Jesu in seiner Liebe und Geduld. Zwischen 1. Korinther 12 und 14, den Kapiteln über die Geistesgaben, steht 1. Korinther 13, das Hohelied der Liebe. Die Liebe ist der einzig gültige Beweis für die Echtheit aller Charismen (Geistesgaben). Ohne Liebe gibt es nur Pseudocharismen, scheinbare Gnadengaben.

Gottes Bewahrung ist stärker

Zwischen Erstarrung und Schwärmerei: Nicht nur die Gemeinde geht diesen Weg, sondern auch jeder Christ. Der Gegenspieler Gottes legt alles darauf an, uns zu Fall zu bringen. Wo ihm das nicht mit den groben Versuchungen gelingt, da dann eben mit den feinen, geistlichen. Trotzdem brauchen wir keine Angst zu haben: Christus ist der Anfänger und Vollender des Glaubens. Nicht unsere Klugheit bewahrt uns auf diesem Weg zwischen den Extremen, zwischen Skylla und Charybdis, sondern die Barmherzigkeit Gottes.

Geistesfrucht und Geistesgaben

In einer Erklärung der schottischen Baptistenunion zur charismatischen Bewegung heißt es u.a.: »Es ist begrüßenswert, dass sich die Gaben des Geistes im Leben der örtlichen Gemeinden zeigen. Dabei muss aber immer bedacht werden:

(1) dass die Gaben des Heiligen Geistes gemäß seinem und nicht nach unserem Willen gegeben werden; (2) dass der Heilige Geist jedem wahrhaft Glaubenden zuteil wird; (3) dass die Erfüllung mit dem Heiligen Geist die Erwartung und Erfahrung jedes Christen als ein folgerichtiger Ausdruck der Übergabe an Christus sein sollte; (4) dass die Fülle des Geistes in den Früchten und nicht in einer ganz bestimmten Gabe sichtbar wird.«

 

Werner Rosemann in »Die Gemeinde« Nr. 33/75 // Bild: Egisto Sani / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)