Gespräche mit der „oberen Schar“

Wolken-Himmel

Jetzt habe ich, Johannes Busch, eine ganz persönliche und sehr herzliche Einladung. Wir wollen unser Stilles Gespräch hier in meinem Zimmer in Witten halten. Unterbrecht einmal eure Geschäftigkeit. Macht mir die Freude und nehmt euch wirklich einmal Zeit, zu mir in meine Studierstube hereinzukommen. Hier waren schon viele Leute zu stillem Gespräch. Jetzt möchte ich einmal euch alle hier haben.

Es ist sehr gemütlich in diesem Zimmer. Das haben schon viele empfunden, die bei mir zu Gast waren. Aber vielleicht erschreckt ihr, wenn euer Blick über die Wände hin gleitet. Rundum durch das ganze Zimmer läuft eine lange Reihe von Bildern. Wie ein Fries ziehen diese Bilder an den Wänden entlang. Dieser Fries beginnt vorn am Fenster, klettert über den ersten Bücherständer, geht über die Tür hinweg, umrahmt die übrigen Bücher, bis er wieder an der anderen Seite am Fenster ankommt. Erschreckt bitte nicht, es sind 117 Bilder.

Offen gestanden, ich bin selber etwas erschrocken, als ich sie jetzt zum erstenmal zählte, weil ich euch über diese Bilder schreiben möchte. Ihr seht auf diesen 117 Bildern lauter Köpfe von Männern, die jetzt schon in der Ewigkeit sind, die aber alle einmal im Reich Gottes irgendeine gesegnete und wichtige Bedeutung hatten. 117 Männer, von deren Segen wir heute noch leben! Und doch ist es nur ein ganz kleiner Ausschnitt aus der unzählbar großen Schar, die vor uns den Kampf bestanden hat und im Glauben vorangegangen ist. Von dieser oberen Schar möchte ich euch heute ein wenig erzählen.

1. Die Wolke von Zeugen

Den Hebräerbrief, dessen Verfasser wir ja nicht kennen, ringt mit einer Gemeinde, die in Gefahr ist, einzuschlafen und müde zu werden. Da ist es wahrhaftig nicht nebensächlich, daß der Brief eine müde gewordene Gemeinde daran erinnert, dass sie ein ganz kostbares und herrliches Erbe hat. Hebräer 12 erzählt uns von dieser geheimnisvollen Sache: »Darum auch wir, dieweil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben …“ Das Bild stammt aus dem Stadion. Da sind unten auf der Laufbahn ein paar Kämpfer angetreten. Jetzt gilt es, alle Kräfte einzusetzen, um den Siegespreis zu erringen. Da fällt der Blick der Wettkämpfer auf die weiten, hoch erhöhten Ränge. Der Gedanke, dass so viele dem Lauf zuschauen, spannt die Kräfte an, und sie setzen alles ein, um den Siegeskranz wirklich zu bekommen.

Gerade so geht es bei unserem Christenlauf. Manchmal meinst du, du bist bei deinen Kämpfen ganz allein. Nein, rings um dich her ist eine unzählbare „Wolke von Zeugen“. All die Väter im Glauben, die es durch die Jahrhunderte hindurch mit Jesus gewagt haben, die schauen auf dich herunter. Jetzt verstehen wir, warum der Hebräerbrief so eindringlich ruft und mahnt: „Darum auch wir, dieweil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasset uns ablegen die Sünde, so uns immer anklebt und träge macht und lasset uns laufen durch Geduld in dem Kampf, der uns verordnet ist.“

Ich war dieser Tage bei einem Kreis junger Burschen. Zufällig frage ich: Kennt ihr Paul Humburg? Die jungen Kerle kannten noch nicht einmal den Namen! Ach, vielleicht kennst du ihn auch nicht? Vielleicht sagt er dir gar nichts? Und doch sind es erst ein paar Jahre her, dass dieser Mann als Bundeswart des Westbundes unserem ganzen Werk entscheidende Prägung gab und später einer der führenden und gestaltenden Zeugen und Kämpfer in der Bekennenden Kirche war. Da wurde es mir auf einmal deutlich: Die Wolke von Zeugen ist uns verdeckt. Das ist aber eine böse Sache. Das spielt ja entscheidend mit, wenn wir, wie jene Gemeinde, an die der Hebräerbrief geht, müde und oft so lustlos geworden sind. Wir haben ja heute überhaupt den Zusammenhang mit der Geschichte völlig verloren. All das, was eine Vergangenheit so reich gemacht hat, ist uns vollkommen verschüttet. Und nun haben wir uns auch den Blick für die Wolke von Zeugen wegnehmen lassen. Kein Wunder, dass unser Laufen und Kämpfen oft so kümmerlich und armselig ist.

Wir müssen wieder ganz neu lernen, dass uns ein so wunderbarer Reichtum umgibt, der nicht dazu da ist, eine Flucht in die Vergangenheit anzutreten oder auf weit zurückliegendem Segen auszuruhen; nein, dieser Blick auf die obere Schar will uns heute, jetzt und hier, Mut machen, dass wir „laufen durch Geduld in dem Kampf, der uns verordnet ist“.

2. Welch ein Reichtum!

Ja, jetzt komm nur einmal herein in mein Zimmer. Ich will dir diese Schar einmal vorstellen. Was ist das für eine Mannigfaltigkeit und ein Reichtum der Gaben und Kräfte. Siehst du Martin Luther? Da sind sie, Bezzel, der große lutherische Theologe; Bengel, der Mann, der uns die Liebe zur Bibel erschlossen hat; Schlatter und Schniewind, Kahler, Kohlbrügge und Söderblom und viele andere mehr. Jeder hat ein Stück herzugetragen, dass die Kirche Gottes auf Erden leben sollte. Wie wollte ich euch am liebsten von allen eine Geschichte erzählen, von Präses Koch und Bodelschwingh, vom ehrwürdigen Generalsuperintendent Zöllner und Wichern, dem Bahnbrecher der Inneren Mission. Ich möchte euch erzählen von den Sängern, deren Lieder uns bis zum heutigen Tage erquicken. Siehst du da drüben Paul Gerhardt und das zarte Gesicht von Tersteegen? Dort hängt Hiller, der schwäbische Liederdichter. Und Johann Sebastian Bach ist auch dabei.

Jetzt betrachte dir auch die Blutzeugen, die im Glauben ihr Leben gelassen haben. All die 117 Männer haben sicherlich im Zeugen und Bekennen gelitten, aber jene Schar der Märtyrer ist doch noch etwas Besonderes. Da siehst du die aufrechte Gestalt von Traugott Hahn, den die Bolschewisten erschossen haben; dort hängen Lutz Steil und Dietrich Bonhoeffer, die durch die Gestapo ermordet wurden. „Ihr Ende schauet an und folget ihrem Glauben nach.“

Vielleicht wundert es euch, dass mitten zwischen diesen unvergesslich großen Gestalten die Bilder von ganz schlichten Männern hängen. Da hängt neben dem Kirchenfürsten Ihmels das Bild des alten Bruders Bertsch in Weil, der nichts anderes war als ein alter Schwarzwaldbauer von kleiner, kümmerlicher Gestalt. Da siehst du neben dem Bild des jungen Bodelschwingh Otto Kolb, der von Beruf Werkmeister war. Und neben Albrecht Dürer grüßt uns jener schlichte Schuhmacher Rahlenbeck aus Herdecke. Ja, ich wundere mich, wie mannigfaltig die Berufe sind. Da siehst du Schulmeister und Kaufleute, Handwerker, Bauern und Arbeiter. Aber sie waren Fürsten Gottes, die vielen zum Segen geworden sind.

Ihr werdet euch nicht wundern, dass zwischendrin die Bilder von den Männern hängen, die in unserer Arbeit an jungen Menschen von Gott entscheidend gesegnet worden sind. Ich grüße euch im Geist, ihr Väter, deren Erbe wir heute tragen dürfen. Eure Bilder tun mir wohl, George Williams und Dürselen, Rothkirch, Krummacher und Volkening, Weigle und Riethmüller, Walter Alfred Siebel, Posaunengeneral Kuhlo und Paul Humburg und zwischendrin hängt auch Willi Peters, der mich während der Kampfzeit im Dritten Reich mit einer unendlichen Treue durch Land gefahren hat, und der aus Russland nicht zurückgekehrt ist. Und diese Wolke von Zeugen kennt ihr nicht mehr? Die schweigt euch? Wie sind wir drauf und dran, einen unfassbaren Reichtum zu verlieren! Sind sie euch denn ganz verblasst, jene kühnen Erweckungsprediger Elias Schrenk und Samuel Keller, George Müller und Hennhöfer? Seht sie euch doch einmal an, den Johann Arndt, den Ludwig und Klaus Harms. Sollen diese Namen bei uns vergessen werden?

3. Wo bleibt da die Einheit?

Ja, da könnte ich mir jetzt gut denken, dass mir einer sagt: Hast du denn gar keine theologische Linie? Man kann sie doch nicht alle bunt gewürfelt nebeneinander hängen, Lutheraner und Reformierte, Pietisten und führende Männer der Kirche, Theologen und Nichttheologen. Doch, das kann man! Nein, noch mehr, das muss man sogar! Ich denke, im Himmel müssen sich alle diese Leute auch vertragen. Da gehören sie auf einmal zusammen. Warum sollten wir uns hier nicht schon an dem Reichtum der Gemeinde Jesu freuen? Mich erquickt es unendlich.

Ja, ich meine, dass das schon jetzt und hier der Reichtum meines Lebens wäre, dass ich von all den mannigfaltigen und so verschiedenartigen Männern gelernt habe. Ich darf es eigentlich hier gar nicht schreiben, ich fürchte, dass ich meinen guten Ruf nun endgültig verliere, wenn ich euch sage, dass hier nahe neben Alfred Christlieb das Bild des Bischofs Galen hängt. Aber ich kann es dem Mann nicht vergessen, dass er in der Zeit, als die Flut der Christusfeindschaft in den vergangenen Jahren durch unser Land ging, ein unerschrockener und wackerer Zeuge war.

4. Diese Bilder sind immer um mich her

Ganz sicher, das sind nur äußere Bilder. Man kann sich an Bilder so gewöhnen, dass man sie schon nicht mehr sieht. Und doch sind mir gerade diese Bilder ein Zeichen für dies verborgene Geheimnis, von dem der Hebräerbrief schreibt. Was auch immer in meinem Zimmer geschieht – diese Bilder sind immer um mich her. Ob ich nun an meiner Predigt arbeite oder Briefe schreibe – die Wolke von Zeugen sieht zu. Ob ich ein stilles Gespräch halte oder für mich allein bin – die obere Schar ist auch dabei. Manchmal hatten wir in diesem Zimmer Sitzungen und mussten sehr gegenwartsnahe und oft alltägliche Dinge besprechen; aber alles, alles steht unter dem Zeichen, dass die Wolke von Zeugen mit zuhört. In diesem Zimmer habe ich aber auch manche einsame und manchmal sehr verzagte Stunden gehabt. Kannst du dir denken, was es dann bedeutet, wenn mein Blick ausruhen darf auf den Bildern der Väter? Sie sind immer um uns her.

5. Und diese Schar redet unentwegt

Und jetzt rede ich vom Schönsten: Diese Bilder sind ja nicht stumm. Das ist doch nicht eine tote Vergangenheit. Immer wenn ich in meinem Zimmer auf und ab gehe und sehe auf dieses und jenes Bild, dann fängt solch eine Gestalt auf einmal an zu reden. Kennst du z.B. das Bild jenes Gründers des ersten CVJM, George Williams? Mit welch klarem und sprechendem Blick sieht einen dieser elegante, feinsinnige Mann an, den sie nach seinem Tode in London in der St.-Pauls-Kathedrale unter den Helden der Nation neben einem Nelson und einem Wellington beerdigt haben. Er hat einmal gesagt: „Wenn ihr ein glückliches, brauchbares und nützliches Leben haben wollt, so gebt eure Herzen Jesus, solange ihr noch jung seid.“ Oh, solche Bilder reden!

Da sieht mich der Präses Koch so streng an. Ich kann das nicht vergessen, als in einem wahren Rausch unser ganzes Volk dem Nationalsozialismus verfiel, dass dieser Mann den einen Satz sprach: „Die Stunde des Bekennens ist gekommen!“ Und unsere Herzen wurden so froh, weil wir die Siegesmacht Jesu inmitten des übermütigen Trotzes jesusfeindlicher Mächte erfuhren. Dieser Präses Koch stand neben mir, als ich abgesetzt wurde und die Kirche in Witten von SS umstellt und verschlossen war. Damals kamen mir die Tränen, und ich sagte verzweifelt: „Die machen unsere Kirche noch kaputt.“ Da hat Präses Koch geantwortet: „Nein, Bruder Busch, die Kirche fängt jetzt erst an.“ Spürst du, wie Bilder reden?

Gleich neben meinem Schreibtisch hängt das Bild von Missionsdirektor Schmidt. Wenn mich sein klares Auge ansieht, dann fährt mir sein Wort jedes Mal ins Herz hinein: „Sei ganz Sein oder lass es ganz sein.“ Sieh doch diese prächtige Gestalt von Walter Alfred Siebel, der als Fabrikant den theologischen Doktor bekam. Als zu Beginn des Dritten Reiches uns jede Tätigkeit außer der Bibelarbeit in der Jugendarbeit verboten wurde, rief er fröhlich: „Die Welt hat ihre Anleihe zurückgenommen. Unser Kapital bleibt. Wir machen weiter!“

Ich habe als kleiner Junge Samuel Keller in Frankfurt in der Paulskirche gehört. Ich habe natürlich alles vergessen, was er damals gesagt hat. Nur eine Sache kann ich nicht vergessen, weil sie damals viel Staub aufwirbelte. Er erzählte, in der Nähe seiner Wohnung sei ein Laden, in dem man ausgestopfte Tiere kaufen könne. Das sähe großartig aus. Man sehe dort einen Adler, der seine Schwingen ausbreitet, oder eine Gemse, die einen Felsen hinaufstürmt, ein Pferd, das seine Nüstern aufbläht – und alles, alles sei tot. Und jeden Morgen käme der Ladendiener und staube ab, dass es wieder recht lebendig aussähe. Das, meinte er, sei ein rechtes Bild so vieler Gemeinden und Vereine.

Das war natürlich ein unheimliches Bild und viele, die sich getroffen fühlten, waren empört. Aber ich freue mich, dass das Bild von Samuel Keller mich grüßt und mich erinnert: Herr, lass mich nie ein müder Ladendiener werden, der nur abstaubt! Kennst du das scharf geschliffene und eindrückliche Gesicht des großen Theologen Martin Kahler? Wie hat dieser Mann, der eine ganze Generation prägen durfte, es seinen Studenten eingeprägt, was mir wie ein ständiger Gruß von ihm über die lange Reihe meiner theologischen Bücher hinweg weht: „Führ aus den Gedanken ins Leben hinein, ganz ohne Wanken dein Eigen zu sein.“

Und dieser Mann da drüben ist D. Theophil Wurm, der langjährige Landesbischof von Württemberg. Da saßen wir zu der ersten Kirchenversammlung nach dem Krieg in Eisenach zusammen. Denkwürdiger Augenblick, als sich in einem zerrissenen Deutschland die Christen zusammenfanden, um eine Ordnung ihrer Kirche zu suchen. Stellt euch vor, da konnten wir das Abendmahl nicht zusammen halten, weil etliche Lutheraner meinten, das ginge auf keinen Fall, dass sie mit Reformierten am Tisch des Herrn stehen könnten. Ich höre noch, mit welcher glühenden Liebe Bischof Wurm um die Einheit warb: „Das Abendmahl darf uns doch nicht zertrennen. Am Tisch des Herrn gelten nicht unsere theologischen Meinungen; hier ist unser Herr selbst die Gabe.“ Das ist die Einheit der Gemeinde Jesu.

Oh, diese Bilder reden! Warum lasst ihr die Väter unter unserer jungen Generation so schweigen? Warum sind wir so verarmt? Nein, ihr solltet euch selber viel mehr mit der Wolke der Zeugen und mit dem Erbe der Väter beschäftigen, ihr würde viel freudiger im Kampf laufen und viel getroster „aufsehen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens“.

 

Johannes Busch, aus Stille Gespräche – Eine Handreichung für Mitarbeiter