Gott liebt verschwenderisch

Malbild

Vor ein paar Jahren bat ich eine befreundete Familie, mir von ihrer zweijährigen Tochter Alana ein Bild aus ihrem Malbuch ausmalen zu lassen. Wenn Alana Bilder ausmalte, kümmerte sie sich nicht um Linien, Farben oder Symmetrie. Es fiel ihr nie ein, dass mit ihrer Arbeit etwas nicht stimmen könnte. Für eine Freundin hatte sie auch schon ein Bild ausgemalt. Nun kam sie an einem Sonntagmorgen vor dem Gottesdienst zu mir und brachte mir das Bild.

Sie war sehr stolz und glücklich und wartete ungeduldig auf eine Reaktion von mir. Ich reagierte auch, und zwar so, wie die meisten Erwachsenen wohl reagieren würden: ich log. »Ach, Alana, danke für dieses wunderschöne Bild. Du musst sehr lange daran gesessen habe, es ist aber auch besonders hübsch geworden. Vielen Dank!«

Natürlich dachte ich dabei: »Das ist ja ein schreckliches Bild. Keiner ihrer Striche ist auch nur annähernd innerhalb der Linien. Was soll das? Nimm´s wieder mit und mach´s noch einmal, aber dieses Mal richtig!«

Aber ich konnte Alana nicht kritisieren, zum einen, weil sie einen kindlichen Charme ausstrahlte, zum anderen, weil sie intuitiv wusste, dass sie als Kind außerhalb der Linien malen durfte. War das naiv? Natürlich. Gebe es Gott, dass wir alle diese kindliche Naivität behalten könnten, wenn es um Gnade geht.

Den größten Teil meines Lebens hat man mir laut und deutlich gepredigt, christlicher Glaube bedeute, innerhalb der Linien und schön zu malen. Wenn ich ein guter Christ wäre, Jesus Christus lieben, die Bibel lesen, beten und in die Kirche gehen würde, könnte ich im Malen immer besser werden. Und wenn ich ein langes und gottesfürchtiges Leben führen würde, könnte das Bild am Ende fast vollkommen werden.

Wer diese Botschaft auch immer in die Welt gesetzt hat – sie ist eine Lüge. Ich bin jetzt fünfundfünfzig Jahre alt und mein Bild sieht ziemlich unvollkommen aus. Ich glaube, Gott sieht mein Bild an und sagt: »Hmmm. Du scheinst Rot sehr zu mögen. In deinem Strich liegt viel Leidenschaft. Mir gefällt´s.«

Noch während ich diese Worte schreibe, kann ich die »Bedenken« derer hören, die meinen, das Evangelium könne von manchen missverstanden werden. »Sie wollen damit doch nicht etwa sagen, dass Gott alles egal ist? Gott hat doch seine Maßstäbe!«

Was ich sagen will, ist: Gottes Gnade liegt so weit außerhalb der Linien unseres Verständnisses, dass uns nichts weiter bleibt, als ehrfürchtig zu staunen. Im christlichen Glauben geht es nicht darum zu lernen, wie man innerhalb der Linien malt, sondern um die Freude am Malen. Gottes Gnade ist groß genug, ein Gemälde schön zu heißen, das jeder andere als hässlich abweisen würde.

Die Gnade Gottes sieht über das Gekleckse hinweg in das Herz des »Künstlers« hinein. Künstler, die den beiden Dieben nicht unähnlich sind, die neben Jesus Christus am Kreuz hingen. Einer der Diebe bat Jesus, ihm zu vergeben und ihn trotz seines verpatzten und schlechten Lebens in Gottes Reich aufzunehmen … und Jesus tat es! Verrückt!

Und sehr gut für den Rest von uns Künstlern.

 

Literatur:
Mike Yaconelli, Der ungezähmte Glaube, warum Christsein ein Abenteuer ist, Wuppertal 1998