Hölle: Ewige oder zeitlich begrenzte Strafe?

„Und der Rauch ihrer Qual steigt auf von Ewigkeit zu Ewigkeit…“

Offb 14,11 hatte uns mit der Frage nach der Dauer der Strafe im endzeitlichen Gericht konfrontiert. Die Formulierung dort lautet relativ kurz: Der Rauch ihrer Qual steigt auf von Ewigkeit zu Ewigkeit. Hermann Sasse hat darauf hingewiesen, dass der Plural bei αἰών [aion] „den eigentlichen Begriff der Ewigkeit“ zum Ausdruck bringt. Normalerweise treffen wir hier in der Offenbarung auf die Wendung εἰς τοὺς αἰώνας τῶν αἰώνων [eis tus aionas ton aionon] (vgl. 1,18; 4,910, 5,13; 10,6; 15,7; 19,3, 20,10; 22,5). In Offb 14,11 ist diese Wendung jedoch leicht abgewandelt: εἰς αἰῶνας αἰώνων [eis aionas aionon]. In Offb 14,11 fehlen also die Artikel. Kann man daraus den Schluss ziehen, dass hier doch keine Ewigkeit im strengsten Sinn gemeint sei, also eine zeitlich begrenzte Strafe angedeutet sei? Bengel, der in seinem Kommentar für solche philologischen Einzelheiten äußerst sensibel war, hat auffallenderweise diese Konsequenz nicht gezogen. Er hielt daran fest, dass es „eine ewige und … ununterbrochene Qual“ sei.

Ganz allgemein vertreten die Ausleger die Meinung, dass in Oftb 14,11 tatsächlich von einer ewigen Strafe gesprochen wird. Oft weisen sie dabei auf Jes 66,24 hin, wo ebenfalls die Ewigkeit der Strafen prophezeit sei.

Das führt uns zu der Frage, was AT und Jesus dazu sagen. In der ganzen Bibel ist Gott ein Richter. Ebenso gehört es zu den Grundaussagen der Bibel, dass der Mensch vor ihm Rechenschaft ablegen muss. Gott „kommt, zu richten das Erdreich“ (Ps 96,13; Apg 17,31). Die praktische Durchführung des Gerichts überträgt er dem Messias (Jes 11,3; Ps 110,6; Joh 5,24ff; Apg 17,31).

Das Gericht ergeht nicht schematisch und nicht pauschal, sondern in äußerster Gerechtigkeit: „Er wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit und die Völker mit seiner Wahrheit“ (Ps 96,13). Ohne Abstriche trifft dies auch auf den Messias zu, der deshalb den Namen trägt: „Jahwe unsere Gerechtigkeit“ (Jer 23,6). Gott achtet genau auf die Wege der Menschen und nimmt jede Bekehrung, aber auch jeden Abfall wahr (Ez 18,1ff; 33,10ff).

Das Wissen um ein göttliches Gericht verbindet sich im Laufe der Offenbarungsgeschichte mit der Gewissheit des Glaubens, dass Gott den glaubenden Menschen von den Banden des Todes befreit und gnädig bei sich aufnimmt (Ps 16,10; 49,16; 73,24; Hos 13,14). Die Propheten verkündigen die Auferstehung und das gleichzeitige Gericht, in dem die einen das ewige Leben, die andern aber die ewige Gottesferne erben werden – je nachdem, wie sie gelebt haben (Jes 26,19; Ez 37,1 ff; Dan 12,2; Hos 13,14). In diesem Zusammenhang ist auch Jes 66,24 zu verstehen. Mit Recht weist Franz Delitzsch in seiner Auslegung von Jes 66,24 darauf hin, dass das dort Angekündigte keinesfalls „in buchstäbischer Wirklichkeit zu denken“ ist. Es geht vielmehr um Zeitloses, um das Jenseits unserer jetzigen Geschichte, und deshalb in der Tat um eine „ewige Strafe“.

Blickt man jetzt auf Jesus, dann erkennt man, dass er die Aussagen des AT grundsätzlich bestätigt (Mt 5,17ff; Lk 24,44ff; Joh 10,35). Ins Zentrum tritt jetzt allerdings – dem Neuen Bund angemessen – die Verkündigung der Auferstehung und des neuen Äons (Gottesreich, ewiges Leben, Vgl. Mt 4,17; Mk 1,15; Lk 6,20ff; Joh 3,16; 7,37ff; 10,10; 11,251). Verstärkt wird auch die Aussage, dass er als der Menschensohn von Dan 7 der endzeitliche Weltenrichter sein wird (Mt 13,37ff; 16,27f; 19,28ff; 25,31ff; 26,64; Joh 5,21ff; 6,39ff). Als dieser kommt er wieder in Macht und Herrlichkeit (Mt 13,41ff; 19,27; 24,30f.45ff; 25,1ff.l4ff; 26,64; 1Thess 1,10; 4,13ff; 2Thess 2,1ff; Apg 1,11). In diesem Zusammenhang spricht er von „Feuer“, Dunkel und Qual, die die Gottlosen erwartet (Mt 13,42ff; 25,30.41ft). Den Strafort nennt er „Geënna“ (Mt 5,29f; Mk 9,43ff), nach einer bildhaften jüdischen Bezeichnung, die sich vom Hinnomtal bei Jerusalem ableitet (aus גֵי־הִנֹם [ge-hinnom]). Im Unterschied zum Hades ist die Gehenna der endgültige Strafort (vgl. noch Mt 5,22; 10,211; 23,15.33; Lk 12,5). Dort erwartet die Verurteilten „die ewige Pein“ (Mk 9,48 nach Jes 66,24). In Mt 25,46 spricht Jesus ausdrücklich von der ewigen Strafe (εἰς κόλασιν αἰώνιον [eis kolasin aionion]). Sie dauert offenbar genauso lange wie das unmittelbar daneben stehende „ewige Leben“ (ζωὴ αἰώνιος [zoe aionios]).

Wer die Bibel auslegt, kommt also nicht daran vorbei, von „ewiger Strafe“ für die Verurteilten zu sprechen. Das gilt auch für die Offenbarung. Nicht nur Offb 14,11 stellt uns eine ewige Strafe vor Augen, sondern nachdrücklicher noch Offb 20,10: Die Qual wird erlebt Tag und Nacht von Ewigkeit zu Ewigkeit (εἰς τοὺς αἰῶνας τῶν αἰώνων [eis tus aionas ton aionon]). Bestätigt wird die Endgültigkeit der Strafe noch einmal ganz am Schluss der Offenbarung in 22,15, wo es heißt: „Draußen sind die Hunde und die Zauberer … alle, die die Lüge lieben und tun“ (ἔξω οἱ κύνες [exo hoi kynes] usw.). Demnach gibt es keine Revision des Ausschlusses vom ewigen Leben.

Die Endgültigkeit der Strafen wird auch durch den Gedanken nicht aufgehoben, dass es nach dem Tode Läuterungsmöglichkeiten gibt. Das frühe Judentum scheint mit solchen Läuterungsmöglichkeiten gerechnet zu haben (T Sanh 13,3; 2Makk 12,39ff). Joachim Jeremias nimmt sogar an, dass ein solcher Läuterungsgedanke Mk 9,49 oder 1Kor 3,13ff zugrunde liegen kann. Auf klare Schriftaussagen lassen sich diese Überlegungen aber nicht stützen, und was nicht der Schrift entspricht, kann für niemand maßgebend oder verbindlich sein. Immerhin lassen 1Petr 3,18f und 4,6 Veränderungen in der Totenwelt vor der Auferstehung erkennen. Grundsätzlich aber hat sich die Scheidung in erlöste und unerlöste Menschen aufgrund unserer eigenen Entscheidung schon beim Sterben vollzogen und ist nach Lk 16,26 nicht mehr rückgängig zu machen.

Die Einwände gegen die Ewigkeit der Strafen entstammen weniger der Auslegung der Texte selbst – wo sie auch schwer zu begründen sind -, sondern vor allem zwei Quellen außerhalb der unmittelbaren Exegese: Das ist 1) der christliche Gottesgedanke, der es nicht zulasse, dass Gott auch nur ein einziges seiner Geschöpfe durch eine ewige Strafe „verliere“, und das ist 2) die allgemeine Weltauffassung, wonach die Liebe und nicht die Verdammung das letzte Wort haben müsse.

Mit der Lehre von der Verlorenheit bestimmter Menschen und überhaupt mit der Vorstellung eines Gerichts haben sich weite Kreise der Aufklärung schwergetan. Johann Salomo Semler kommentierte die Aussage von der Verlorenheit der Nichtchristen mit den Worten: „O entsetzliche ungeheure Lehre!“ Die Distanz zum Thema Gericht/ Strafen ist dem modernen Protestantismus deutlich abzuspüren. Heinrich Otts „Antwort des Glaubens“ von 1972 enthält beispielsweise den Satz: „In der neueren theologischen Diskussion ist man sich weitgehend einig darüber, daß das Problem offengelassen werden muß, daß also weder die Wirklichkeit einer Apokatastasis (= Wiederbringung aller) noch die Wirklichkeit eines doppelten Ausgangs gelehrt werden darf.“ Als „Beispiel für diese Lösung“ des Offenlassens wird Karl Barth hervorgehoben. Eine bemerkenswert ehrliche Haltung vertritt Jürgen Roloff in seinem Kommentar. Nachdem er exegetisch bei Offb 14,11 in aller Klarheit eine „Bestrafung ohne Ende“ konstatiert hat, formuliert er als seine persönliche Auffassung: Es bleibe „ein Rest, der nicht aufgeht“. Ähnliche Argumentationsstränge und Stimmungen treffen wir im angelsächsischen Bereich. So notiert Mounce, dass manche Autoren Offb 14,11 als unchristlich, als „sub-Christian“ betrachten. Caird schreibt: „If we protest that we cannot accomodate our minds to the idea of eternal torment, the answer is that neither could John.“ Johannes vertrete nicht die ewige Strafe, sondern „extinction and total oblivion (xx.14ff)“, also „Auslöschung und totale Vergessenheit“ für die Gottlosen. Wir sollten solchen von tiefem Humanismus getragenen Urteilen mit Respekt begegnen. Aber die Texte der Schrift sagen etwas anderes, wenn wir sie recht verstehen, und der Ausleger bleibt an die Schrift als norma normans gebunden.

Aber wie ist es mit dem anderen Einwand, dass der christliche Gottesgedanke es nicht zulasse, dass Gott auch nur ein einziges seiner Geschöpfe durch eine ewige Strafe „verliere“? Muss man da nicht den Gedanken einer „Wiederbringung aller“, einer endlichen Erlösung auch der bösesten Geschöpfe denken? Viele Jahrhunderte lang hat dieses Anliegen Christen beschäftigt. Unter denen, die „glaubten, diese Frage an der Hand der Schriftstellen beantworten zu können, die universal klingen und die ganze Menschheit in das kommende Heil einschließen“, nennt Karl Heim z.B. Origenes, Zinzendorf, Oetinger, Bengel und Jung-Stilling. Vor allem im Reformationszeitalter hat die Lehre der Apokatastasis (Lehre von der Wiederbringung) weite Kreise des Täufertums beeinflusst. Zum Beispiel vertrat Hans Denck die Auffassung, am Ende würden alle Gottlosen und auch der Teufel selig. Hans Bünderlin, Jakob Kautz und Clemens Ziegler sind andere Namen aus diesem Umkreis. Bekanntheit erlangte der dritte Artikel der „neuen Christen zu Augsburg“ von 1525 mit dem Satz: „Der Satan und die Gottlosen werden endlich auch selig.“ Mit aller Deutlichkeit hat das erste große protestantische Glaubensbekenntnis, die Augsburgische Konfession, solche Auffassungen zurückgewiesen. CA XVII formuliert: Es werden diejenigen „verworfen (damnant), so lehren, daß die Teufel und verdammte Menschen nicht ewige Pein und Qual haben werden.“ Die Augsburgische Konfession von 1530 befindet sich darin in Übereinstimmung mit der ganzen alten Kirche vor Origenes und auch mit den Lehrentscheidungen, die die ganze christliche Kirche seit der Verurteilung des Origenes permanent getroffen hat. Aber auch die Augsburgische Konfession hat es nicht vermocht, den Gedanken der Apokatastasis in den protestantischen Kirchen auszulöschen. Ebensowenig vermochten es die reformierten Bekenntnisse. Jane Leade, Johann Wilhelm Petersen, Johann Konrad Dippel, Petrus Hoffstede de Groot, Frederic Farrar und andere lehrten die „Wiederbringung aller Creaturen“. Eine starke Neigung dazu bestand im württembergischen Pietismus, bekannt ist etwa Johann Michael Hahn.

Der Ernst dieses Gottesgedankens und die Schriftstellen, die man dabei heranzieht, verbieten es, hier die christliche Liebe außer Acht zu lassen und mit fleischlichem Eifer zu diskutieren (Vgl. 1Kor 3,3; 2Kor 10,31). Auf eines müssen wir jedoch mit Karl Heim hinweisen: „Wir haben in dieser schweren Frage kein Recht, aus den Gedanken, die wir uns selbst über das Wesen Gottes machen können, irgend etwas zu postulieren.“ Mit anderen Worten: Wir bräuchten eine klare, unzweideutige Aussage der Schrift, dass am Ende alle gerettet werden. Die aber gibt es nicht. Im Gegenteil: Jesu Worte und auch die Johannesoffenbarung kündigen ein ewiges Gericht und eine ewige Strafe an. Wir sehen deshalb in unserem Kommentar keine Möglichkeit, von dieser Ankündigung abzugehen.

Quelle: Gerhard Maier, Kommentar zur Offenbarung, Historisch-Theologische Auslegung, S. 162-166