Israel: Eine besondere Entscheidung

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Fünf Jahre lang war Gilad Schalit in Geiselhaft der Hamas. Dass Israel auf die Forderungen der Erpresser einging, ist bemerkenswert. Ein bewegender Auftritt in Zürich.

Gespannte Erwartung im Saal der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich. Die Wohltätigkeitsorganisation Keren Hajessod hat zu einer Spendengala eingeladen. Ein Interview mit Manuel Trajtenberg, der im Auftrag der israelischen Regierung gemeinsam mit Vertretern der Protestbewegung gegen soziale Ungerechtigkeit an Lösungen für die Probleme arbeitete, steht auf dem Programm. Aber im Moment interessiert sich niemand für zu hohe Milchpreise, alle sind gespannt auf den Ehrengast des Abends: Gilad Schalit.

Im Morgengrauen des 25. Juli 2006 hatten Terroristen der Hamas zwei Soldaten ermordet, vier weitere verletzt und den ebenfalls verletzten 19-jährigen Gilad Schalit verschleppt. In fünf Jahren Geiselhaft sah Gilad kein Tageslicht. Er habe in diesen fünf Jahren nicht so viel gesprochen wie in dem soeben geführten Gespräch, sagte er einem Reporter nach einem Interview. Er musste in dem Bewusstsein leben, dass die Terroristen ihn jederzeit ermorden würden, wenn es ihnen opportun erschiene. Sein Schicksal hat Israel über die ganze Dauer der Verschleppung hinweg bewegt. Als er am Ende freikam – abgemagert, geschwächt –, da war das für viele Juden und Christen wie ein Wunder und die Erhörung eines Gebets.

Der Preis für Gilads Freiheit war hoch. 1027 Terroristen, die für den Tod von mehr als 600 Menschen verantwortlich sind, wurden aus der Haft entlassen. Die Entscheidung, auf die Forderung von Erpressern einzugehen oder hart zu bleiben, stellt jede Regierung vor ein Dilemma. Besonders in diesem Fall: Wird es den Verbrechern gelingen, erneut Morde zu verüben? Und doch: Es muss entschieden werden.

Das Verhalten der israelischen Regierung ist vollkommen aussergewöhnlich. Es sagt sehr viel über Israel und auch über dessen Staatsverständnis aus. Gilad Schalit war nur ein einfacher Soldat, der seine Wehrpflicht absolvierte. Es war eine moralische Entscheidung.

Eine moralische Entscheidung definiert sich dadurch, dass man einem Wert treu bleibt, ungeachtet der Frage, welchen Preis das kostet. Genau das hat Israel getan. Leben ist heilig, es muss unter allen Umständen gerettet werden. Das zu tun oder nicht, ist keine taktische Frage, sondern eine grundsätzliche. Das ist die Ausgangsbasis. Was sich an Nachteilen ergibt, wenn man auf der Basis dieser Grundlage handelt, ist dann die nachrangige Frage. Um diese kümmert man sich dann, wenn es soweit ist.

Die Terroristen von Hamas und Hisbollah huldigen dem genau gegenteiligen Verständnis vom Leben. «Ihr liebt das Leben, wir den Tod!», werden sie nicht müde zu skandieren. Die Bibel kennt diese Haltung: «Wer aber mich verfehlt, zerstört sein Leben; alle, die mich hassen, lieben den Tod» (Spr. 8,36).

Kein anderes Land auf der Welt hätte so entschieden, wie Israel entschieden hat. Der Vergleich mit der Entführung von Hanns Martin Schleyer durch Terroristen der RAF 1977 drängt sich auf. Schleyer war Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände und des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, vielleicht der mächtigste Mann Deutschlands jener Zeit. Um seiner habhaft zu werden, töteten die Entführer Schleyers Fahrer und drei Leibwächter. Sie forderten die Freilassung von elf Gesinnungsgenossen. Der Staat blieb hart. Öffentlichkeit und Medien trugen die Entscheidung mit.

Als Gilad Schalit in Zürich zum Rednerpult ging, um einige Worte an die Zuhörer zu richten, erhoben sich die Menschen von ihren Sitzen. Applaus brandete auf. Diesen Gilad mit eigenen Augen sehen zu können, an den man fünf Jahre lang nur mit Sorge und im Gebet denken konnte, sein jungenhaftes, schüchternes Lächeln, bewegte die Menschen. Mancher hatte Tränen in den Augen.

Als elfjähriger Junge hatte Gilad Schalit in einer Fabel von einem Hai und einem kleinen Fisch den Gedanken der Versöhnung ausgebreitet. Auch jetzt hegt er keine Rachegedanken. Sein ganzer Wunsch ist, «dass das Töten aufhört». In Zürich dankte er dafür, dass die Menschen ihn «in der Zeit seiner Gefangenschaft in ihren Herzen bewahrt haben».

Als er in Zürich einen seiner seltenen öffentlichen Auftritte hatte, wurde beim Blick ins Publikum ein Psalmwort (Psalm 126,1) anschaulich: «Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden.» Israel ist eine ganz besondere Nation. Sie hat jede Anerkennung, jede Sympathie und jeden Respekt verdient.

– Quelle: factum