„Ist Jesus nicht auferstanden, ist unsere Predigt vergeblich“

Auferstehung

„Und es erschienen ihnen diese Worte, als wär’s Geschwätz, und sie glaubten ihnen nicht.“

– Lukas 24,11

Von Anfang an gehört es zum biblischen Zeugnis von der Auferstehung Jesu, dass der Glaube an diese Auferstehung auch bezweifelt wird. Die Apostel halten den Bericht der Frauen vom leeren Grab für „Altweibergeschwätz“ und „dummes Zeug“, wie es im griechischen Original für die Apostel wenig schmeichelhaft heißt, für eine Aussage also, die dem Verstand und dem rationalen Denken als unlogisch und unvernünftig erscheint und die nach menschlichen Maßstäben keinen Sinn ergibt, weil sich dies der Erfahrung, Wahrnehmung und Beurteilung des natürlichen Menschen vollständig entzieht.

Schon immer stellte der christliche Glaube an die Auferstehung eine Zumutung für menschliches Denken dar, der Zweifel daran erscheint sozusagen als schriftgemäß. Doch an der eigenen Haltung genau zu dieser Zumutung entscheidet sich unser christlicher Glaube. Nicht unsere Vernunft ist Maßstab für das, was wir glauben, sondern unser Glaube verwandelt unser Denken, wenn wir in einer lebendigen, geistgewirkten Beziehung zu Gott-Vater und seinem menschgewordenen Sohn leben.

Rudolf Bultmanns Entmythologisierung der Bibel

Immer schon gab es vor allem in der protestantischen Theologie Ansätze, die Wirklichkeit des leeren Grabes und die leibliche Auferstehung Jesu – und damit das Zeugnis der Heiligen Schrift an der für die Christen und ihren Glauben entscheidendsten Stelle – zu relativieren und auf Vernunftgemäßheit hin umzuinterpretieren. Rudolf Bultmanns Entmythologisierung der Bibel und die historisch-kritische Methode insgesamt lieferten zusammen mit der Frage nach dem irdischen Jesus das exegetische „Parteiprogramm“, um von der Fleischwerdung des Logos und der Gottessohnschaft Jesu über die Heilungswunder bis hin zur Auferstehung und Himmelfahrt Jesu die zentralsten Glaubensinhalte des Christentums mit Bekenntnisrang nach Maßstäben von Vernunft und empirischer Erkenntnismöglichkeit zu beurteilen und in Frage zu stellen.

Mit allen exegetischen Raffinessen wird aus dem inkarnierten, gekreuzigten und auferstandenen Gottessohn Jesus Christus der irdische Jesus von Nazareth herausgeschält, zentrale Aussagen des christlichen Glaubens und der Christologie werden zu sekundären – und damit unverbindlichen – Interpretamenten der Urgemeinde deklariert. Die moderne Exegese trifft sich hier mit manchen frühen Irrlehren der Theologiegeschichte, die jedoch von der Kirche aus guten Gründen als nicht schriftgemäß verworfen wurden.

Die liberale Theologie, als deren Vertreter sich auch die Mitglieder des „Bundes für freies Christentum“ verstehen, hat in Adolf von Harnack ihren wirkmächtigsten Vertreter der Kritik am altkirchlichen Dogma als „Hellenisierung des Christentums“. Sie erkennt in Jesus Christus vor allem einen beispielhaften Menschen und Pädagogen vernünftig-sittlicher Werte: Jesus als „der gute Mensch von Nazareth“. Wenn heute die leibliche Auferstehung Jesu und das leere Grab mit Argumenten der Vernunft bestritten werden, so ist das deshalb weder neu noch besonders originell. Das hat von Bultmanns Theorie der „Auferstehung ins Kerygma“ über Willi Marxens „Die Sache Jesu geht weiter“ bis hin zu Gerd Lüdemanns Visions-Theorie eine gewisse Tradition im Protestantismus.

Der Friede Gottes ist „höher als alle Vernunft“

Solches Denken bildet den Status des natürlichen Menschen ab, der dem Auferstandenen in seinem Leben noch nicht in einer existenziellen Glaubenserfahrung begegnet ist und wo der Glaube sich auf ein diesseitiges religiös-sittliches Vernunftprogramm für ein gelingendes Zusammenleben reduziert. Doch dazu braucht es tatsächlich keinen christlichen Glauben mehr, keine Protologie und Eschatologie, kein Jenseits und kein Jüngstes Gericht. Jesus ist für solches Denken in letzter Konsequenz ein Lehrer gewaltfreien Zusammenlebens und irdischer Ethik wie viele vor und nach ihm, von Seneca bis Gandhi.

Wer von der Warte des Verstands oder der natürlichen Erfahrung aus Glaubensfragen beurteilt, muss zwangsläufig scheitern. „Christus ist unser Friede“, heißt es im Brief des Apostels Paulus an die Epheser (2,14), und dieser Friede Gottes ist „höher als alle Vernunft“, wie wir ebenfalls bei Paulus lesen (Philipper 4,7). Luther selbst hat das in aller Deutlichkeit festgehalten, dass die menschliche Vernunft nicht zum Glauben führt. Er schreibt in seiner Auslegung des Dritten Glaubensartikels im „Kleinen Katechismus“: „Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten“. Diese Feststellung Luthers zählt zu den lutherischen Bekenntnisschriften.

Die Heilige Schrift ist in ihrem Zeugnis von Ostern, Auferstehung und leerem Grab völlig eindeutig und unmissverständlich und erklärt den entsprechenden Glauben an dieses Zeugnis auch als konstitutiv für christliche Existenz und christlichen Glauben. Der auferstandene Christus selbst lässt sich berühren und isst, um seine Leiblichkeit nach der Auferstehung zu beweisen, auch wenn er dies gar nicht nötig hätte (Lukas 24,39-42, auch Johannes 20,27 ff). Bei Lukas heißt es eindrucksvoll: „Fasst mich an und seht; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr seht, dass ich sie habe“ (24,39). Wer leeres Grab und Auferstehung leugnet, macht entweder den auferstandenen Jesus selbst oder die Evangelisten und Auferstehungszeugen zu Lügnern und hat das gesamte neutestamentliche Zeugnis an seinen entscheidendsten Stellen gegen sich, die nun hier alle aufzuführen müßig ist.

„Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht“

In einer Predigt zum Ostertag 1532 hat Luther die Auferstehung in ihrer Heilsbedeutung für den Glauben unterstrichen: „Da gehört ein starker, fester Glaube zu, der uns diesen Artikel stark, fest und gut mache. Die Worte: ‚Christus ist von den Toten auferstanden‘, soll man gut merken und mit großen Buchstaben schreiben, dass ein Buchstabe so groß sei wie der Turm, ja wie Himmel und Erde, dass wir nichts anderes sehen, hören, denken noch wissen als diesen Artikel. Denn wir sprechen und bekennen diesen Artikel im Gebet nicht deshalb, weil es allein geschehen sei, wie wir sonst eine Geschichte erzählen, sondern, damit es im Herzen stark, wahrhaftig und lebendig werde“ (Luther Deutsch, hg. von Kurt Aland, Bd. 8, 1991, S. 179f). Genau darum geht es: um das Verhältnis von Vernunft und Glauben. Im Glauben geht es immer um ein „Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht“ (Hebräer 11,1). Auf die Reformatoren können sich aus Vernunftgründen bekenntnis- und schriftkritische Geister schwerlich berufen.

Für ein Verständnis der Auferstehung als Visionen oder Halluzinationen der Zeugen bleibt hier kein Raum. Wer das Zeugnis der Heiligen Schrift an dieser Stelle nicht ernst nimmt, braucht eine neue Glaubensurkunde. Wer die Auferstehung Christi nicht glauben kann und das nur für eine überflüssige Diskussion um die Regeneration degenerierter Eizellen hält, weil er das mit seinem Verstand nicht nachvollziehen kann oder will, der betet nicht den auferstandenen Christus an, sondern seinen eigenen menschlichen Verstand. Am Glauben an den auferstandenen Herrn entscheidet sich aber unser ganzer Glaube. Das ist schon bei Paulus nachzulesen: „Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsere Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich“ (1. Korinther 15,14). Und das ist keine Frage des Denkens allein, sondern auch der Intuition, die aus Glaubensgewissheit erwächst, aus unserer ganzen persönlichen Existenz als Getaufte und Hingabe an unseren Glauben und die Geheimnisse des Glaubens.

Nicht durch ein Sieb glauben

Wir dürfen nicht alle Glaubensaussagen durch den Filter unserer kleinen Vernunft wie durch ein engmaschiges Sieb filtern und nur noch das wenige glauben, was klein genug ist, um durch dieses Sieb zu passen, von unserem Verstand also begriffen zu werden. Der Glaube muss – und das fällt uns intellektualisierten, grüblerischen und eher skeptischen Deutschen stets schwer – durch den Verstand in Herz und Seele gelangen. Wenn wir in Glaubensfragen nur mit Verstand und Vernunft operieren, bleiben wir auf einer sehr vordergründigen Oberfläche unserer Existenz haften. Das „Ich“ des Glaubens hat und braucht aber viel tiefere Schichten. Vielleicht ist gerade diese rationale Verhaftung an der intellektuellen Oberflächlichkeit ein Grund für die so sehr geschwundene Bindekraft des christlichen Glaubens gerade bei uns im deutschsprachigen Raum.

Es gibt viele Dinge, die wir nicht mit Verstand und Vernunft begreifen können, von denen wir aber genau wissen, dass sie existieren, wirkmächtig sind und unser Leben bestimmen und beherrschen. Denken wir an die Liebe. Kann man Liebe beweisen oder mit Verstand und Vernunft erklären? Wohl kaum. Trotzdem glauben wohl auch vernünftige Menschen, dass es die Liebe gibt und dass sie unser ganzes Leben, Denken, Fühlen und Wollen beherrschen kann. Nur in den heilsentscheidenden Glaubensfragen wollen viele ihren kleinen menschlichen Verstand zum Maßstab für das Verstehen und Beurteilen der großen göttlichen Geheimnisse machen.

Gerne wird von protestantischen Theologen, die die Vernunft zum Maßstab ihrer theologischen Erkenntnisse machen, die „evangelische Freiheit“ als Argument bemüht, um in Konsequenz daraus „unvernünftige“ Glaubensaussagen abzulehnen. Mit diesem Postulat wird aber vor allem eine Selbstlegitimierung aller von Schrift und Bekenntnis abweichender Ansichten erteilt. Doch die Reformatoren lieferten mit ihrer Betonung der evangelischen Freiheit keinen Freibrief für Subjektivismus in Glaubensfragen, wonach jeder an Glaubensaussagen akzeptieren oder ablehnen kann, was ihm vernünftig erscheint, und vor allem all das als irrelevant erkannt wird, was der natürliche Mensch nicht versteht.

Mut zur Unterscheidung der Geister

Der christliche Glaube ist überhaupt keine subjektive Angelegenheit, sondern findet auch als Gottesbeziehung des Individuums immer im Rahmen des Glaubens der Gemeinschaft der Kirche als objektiver Wirklichkeit statt, der sich auf Schrift und Bekenntnis als Norm und Grundlage bezieht. Nichts anderes meint Luthers „sola scriptura“, das heute fast wie ein lächerliches Relikt aus der vorkritischen Epoche der Exegese wirkt. Doch genau darum geht es. Diese Diskussion ist übrigens auch keine innerprotestantische Nabelschau, sondern das berührt wesentlich und konkret auch den gemeinsamen Glauben der Gesamtkirche, wie er sich in der Bibel und dem Glaubensbekenntnis äußert, das im Nizäno-Konstantinopolitanum den Anspruch objektiver Verbindlichkeit erlangt hat.

Das Festhalten am Zeugnis des leeren Grabes und der Auferstehung Jesu ist daher auch eine Frage der Ökumene. Zum geistlichen Handeln der Kirche und der Gemeinde gehören nämlich auch die Treue zur Lehre und der Mut zur Unterscheidung der Geister. Denn „selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren“ (Lukas 11,2), wie Jesus selbst sagt, oder um es mit Luther zu sagen: „Spiritus sanctus non est scepticus!“ (in „De servo arbitrio“).

– Dr. Jürgen Henkel ist Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und Publizist

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