Johnson / VanVonderen, Geistlicher Mißbrauch

Geistlicher_Missbrauch_170Eine solche Widmung hat es in sich: „Dieses Buch ist den müden und schwer beladenen, aber von Gott geliebten Menschen gewidmet, die aufgrund von geistlichem Mißbrauch zu der Überzeugung gekommen sind, daß die Gute Nachricht zu einer schlechten geworden ist.“ Gibt es das? Ja, sagen die Autoren.

Sowohl aus eigener Erfahrung als auch aus langjähriger Beratungspraxis als Pastoren und Seelsorger heraus schreiben sie über geistliche Mißbrauchsfälle und benennen das Problem schon im Titel ganz unverblümt. Damit wollen sie nicht rechthaberisch oder herablassend auftreten, sondern genauso klar für die Wahrheit eintreten wie damals Jesus, der mit nicht weniger drastischen Worten die Pharisäer zurechtwies.

Um ganz ähnliche Fälle von Pharisäertum geht es in dem Buch. Viele christliche Leiter gründen ihre geistliche Autorität nicht auf dem Reden der Wahrheit, sondern auf ihrer Position im „System“ (insbes. Gemeinde, aber auch Familie) und den eigenen, fleischlichen Machtansprüchen. Unter solch falschen Hirten leiden dann nicht wenige Schafe, um es bildlich zu beschreiben. Die Autoren wenden sich hier an beide Seiten, sowohl an die Mißbrauchten als auch an die Mißbrauchenden in der Hoffnung, dass die Wahrheit sie alle frei macht.

Im ersten Teil des Buches werden – immer illustriert anhand wahrer Lebensbeispiele – die Symptome geistlich mißbrauchter Christen und die Wegbereiter und Taktiken von Mißbrauch betreibenden Systemen behandelt. Ganz wesentlich ist z.B. der Mißbrauch von Bibelversen zu Themen wie Selbstverleugnung (1 Kor 15:31; Mt 16:24), Spenden (Mal 3:8; Lk 6:38; 2 Kor 9:6), Einheit und Frieden (Mt 5:9; Phil 2:2; Eph 4:3), Gemeindezucht (Mt 18:15-17; 1 Kor 5:5), Passivität (Mt 5:39), Unterordnung (1 Petr 2:13-15), Vergebung (Mt 18:21-22), Separatismus (1 Kor 6:1-2) und Vergessen (Phil 3:13-14) – eine befreiende Korrektur durch biblische Exegese, vor allem für die Mißbrauchten.

Teil zwei wendet sich ausdrücklich an die Mißbrauch betreibenden Leiter. Zunächst wird ihre Autorität hinterfragt. Ist sie von Gott und seinem Wort oder nur durch ein Amt begründet? Verglichen wird hier mit Mose, Timotheus, Paulus und Jesus. Als Negativbeispiel dienen wieder die schon kritisierten Pharisäer aus der Bibel. Weiter geht’s mit der Frage nach Integrität. Viele predigen Wasser, trinken aber Wein. Zur Wahrung des Ansehens führen sie ein Doppelleben. Anstatt die Wahrheit ans Licht zu bringen, schweigen viele lieber – auf Kosten der Schafe. Prioritäten werden falsch gesetzt, man siebt zwar viele Mücken aus, verschluckt aber Kamele. Lasten werden auferlegt, Leistungsdruck und Werkgerechtigkeit sind an der Tagesordnung. Die Motive zur Evangelisation verschieben sich, weg von selbstloser Liebe hin zur Befriedigung des eigenen Egos.

So hält das Buch uns Christen einen Spiegel vor. Was erlebe ich mit meinen Leitern? Wie diene ich in einer Gemeinde? Was erwarte ich als Christ von meinen Kindern? Das sind wichtige Fragen, die wir uns stellen sollten.

Das Buch endet zum einen mit dem biblischen Weg zur Heilung und zum anderen mit den zwei einzig möglichen Reaktionen auf geistlichen Mißbrauch: Flucht oder Kampf? Offene Fragen helfen hier, einen klaren Kopf zu behalten und nüchtern-objektiv seine Entscheidung zu treffen. Was unterstützen Sie, wem dienen Sie? Können Sie die Wahrheit aussprechen und verteidigen? In welchen Beziehungen leben Sie? Können Sie im System geistlichen Mißbrauchs gesund bleiben? Können Sie Grenzen setzen und sich daran halten? Dienen Sie, obwohl Sie erschöpft sind? Denken Sie, Gott komme nicht ohne Sie aus? Wissen Sie wirklich, wo Sie säen sollen? (Mk 4; Mt 10:4)

Zum Schluss ein persönliches Wort des Rezensenten: Ich habe das Buch zweimal im Abstand von etwa fünf Jahren gelesen, und beide Male hat es mich befreit. Zum einen vom falschen System eines verhaltensorientierten Christentums, zum anderen von mir selbst, der ich mich zunehmend daran angepasst hatte. Zu wissen, dass man aus Gnade errettet ist, ist eine Sache. Mit dem Herzen diese Gnade auch auszuleben (und zu predigen), eine ganz andere. Wie soll man den Blick auf Gott behalten, wenn man seit seiner Kindheit von außen ständig mit Bewertungen über Noten und Erfolgen konfrontiert wird? Im christlichen Kontext fragen dann alle nach Besucherzahlen: „Wieviele kommen denn da so?“

Schlimmer noch, wenn man für seinen Dienst bezahlt wird. Dazu ein Zitat auf Seite 271:

„In vielen dieser Gemeinden haben wir ein anderes erstaunliches Phänomen bemerkt. Man vertraut dem Menschen, der im Dienst steht solange, bis man ihn bezahlt. Sobald er einen Scheck für seine Arbeit bekommen hat, wird er weit kritischer beobachtet. Dieses Mißtrauen kombiniert mit der Tatsache, daß diejenigen, die hauptamtlich sind, oft nur wenig Autorität besitzen, macht sie zu Schachfiguren der wirklichen Machthaber und verurteilt sie zu einem Leben unter einem ständigen Leistungszwang, da sie ja ihre Existenz rechtfertigen müssen.“

Fazit: Ein wegweisendes Buch. Äußerst relevant, zumindest in unserem christlichen Umfeld.