Kann das Christentum auf die Wunderberichte verzichten?

Krippe-Weihnachten

Sehr oft hört man heute die Frage, ob zeitgemäßes Christentum nicht besser auf die Elemente des Wunders verzichten würde, oder, wie die Fragesteller es formulieren, ob das Christentum nicht von viel Ballast „befreit“ würde, wenn man die Wunder aus der christlichen Verkündigung stillschweigend wegließe.

Nun, mir scheint, die einzige Religion der Welt – oder jedenfalls die einzige, die ich kenne -, bei der man das nicht tun kann, ist gerade das Christentum. Der Buddhismus würde nichts verlieren, wenn man die Wunder wegließe, die Gautama Buddha nach einigen sehr späten Quellen zugeschrieben werden; im Gegenteil, diese Religion wäre ohne sie viel besser dran, weil ihre Wundergeschichten den buddhistischen Lehren in hohem Maß widersprechen.

Selbst eine Religion wie der Islam würde sich ihrem Wesen nach nicht verändern, wenn man die Wunder aus ihr striche. Jeder große Prophet hätte seine Lehren vortragen können, ohne sie mit irgendwelchen Wundern in Verbindung zu bringen; sie sind nicht mehr als Abschweifungen oder Ausschmückungen.

Aber beim Christentum geht das unmöglich, denn die christliche Botschaft ist ja nichts anderes als die Geschichte eines großen Wunders. Sie sagt uns, dass das, was jenseits von Raum und Zeit war, in unsere Welt gekommen ist, das Nicht-Erschaffene, das Ewige; dass es unser menschliches Wesen angenommen hat; dass Er hinuntergestiegen ist in seine eigene Schöpfung, und dass Er wieder aufgestiegen ist und die ganze Schöpfung mit sich emporgehoben hat.

Dieses große Wunder ist der ganze Inhalt unseres Glaubens. Wenn man das weglässt, so bleibt nichts spezifisch Christliches mehr übrig. Gewiss bleiben viele hochstehende menschliche Werte, die das Christentum mit anderen Weltanschauungen gemeinsam hat, aber gerade sie sind nicht das Besondere am Christentum. Sobald Sie anderseits dieses eine große Wunder als Wahrheit akzeptiert haben, wird Ihnen aufgehen, dass alle übrigen Wunder in ihm enthalten sind: Sie bereiten es vor, sie veranschaulichen es für uns, oder sie sind seine Folgen…

Wenn nun jemand fragt, ob es wahrscheinlich oder unwahrscheinlich sei, dass dieses zentrale Wunder des Christentums sich überhaupt ereignete, so kann natürlich von einer Wahrscheinlichkeit, wie sie z. B. Hume versteht, keine Rede sein. Diese Art von Wahrscheinlichkeit stützt sich auf Statistiken: Je öfter ein Ereignis schon aufgetreten ist, umso sicherer wird es sich wiederholen. (Je öfter Sie von einem bestimmten Nahrungsmittel schon Magenschmerzen bekommen haben, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie wieder Magenschmerzen bekommen werden, wenn Sie davon essen.)

Es ist offensichtlich, dass die Menschwerdung Gottes nicht in diesem Sinne wahrscheinlich sein kann. Es liegt ja in ihrem Wesen selbst, dass sie sich nur einmal ereignet hat. Aber genauso liegt es im Wesen der Weltgeschichte schlechthin, dass sie sich nur einmal ereignet. Und falls die Menschwerdung überhaupt stattgefunden hat, ist sie das zentrale Kapitel dieser Geschichte. Sie ist auf die gleiche Artunwahrscheinlich, wie das ganze Weltall unwahrscheinlich ist, denn beide sind völlig einmalig.

– C.S. Lewis, Gott auf der Anklagebank, S. 67-68