Berger, Fernsehkonsum – Fenster zur Welt oder Droge?

Berger_FernsehenZu viel Fernsehen ist nicht gut. Was eigentlich jeder weiß, bekräftigt das Heft ausführlich. Schon unabhängig von der Qualität stellt sich die Frage nach der Quantität. Im Durchschnitt „fünf Stunden täglich“ (S. 16) – wie soll der Mensch, gar sein Kind, so viele Bilder und Eindrücke verarbeiten? Parallel dazu gibt es Input durch Anrufe, Emails, Fax, Facebook & Co. Alles kurzfristig und schnell, wir sind im „Beschleunigungsfieber“ (S. 10).

Nach einer Studie kommen manche Menschen auf 190 Nachrichten pro Tag, das sind 29.450 pro Monat. Eine Informationsflut und Datenüberreizung, vor dessen Hintergrund der Ruf nach „weniger ist mehr“ an Bedeutung gewinnt. Kein Mensch vermag es, auf so viele Infos weise zu reagieren, sich ein sinnvolles Gesamtbild zu machen oder gar eine eigene Meinung zu formen.

Berger behandelt dann das Wesen des Fernsehens weg von der Wirklichkeit, den echten Beziehungen und der persönlichen Erfahrung. Das Fernsehen liefert eine Scheinwelt, die den Menschen beeinflusst. Eigenverantwortliches Denken und Handeln, die eigene Meinungsbildung werden dem Zuschauer abgenommen, vorgegebene Verhaltensmuster werden von ihm übernommen. Thematisch liefert das Fernsehen „500 Morde pro Woche“ (S. 28). Das prägt, stumpft ab, verändert und führt zu einem „Abfall von sozial erwünschtem Verhalten“ (S. 30). Neben dem Ausmaß an Gewalt legt Berger die Schamlosigkeit im Fernsehen offen und betont zurecht: „Das Problematische ist nur, dass sich heute niemand mehr daran stößt.“ (S. 37)

Immer wieder leuchtet die Frage auf: Wer beherrscht wen? Berger verdammt den Fernsehkonsum nicht, sondern ruft zur Beherrschung der Medien auf und gibt Anregungen zur maßvollen und sinnvollen Auswahl. Der Fernseher kann tatsächlich ein Fenster zur Welt sein, und das „im gesamten Spektrum menschlicher Existenz (Natur, Umwelt, Geschichte, Politik, Kunst, Musik, Wirtschaft, Technik, Religion, Glauben, Beziehungen und Gestaltung der Welt durch Architektur, Philosophie und Politik).“

Der Fernseher kann aber auch Droge sein. Fragen zur Selbstreflexion sollen dem Leser helfen (S. 12). Weitere Fragen sollen anregen, über das Gesehene nachzudenken, vor allem mit den Kindern in der eigenen Familie (S. 52). Dem Vergleich zwischen Bild und Buch widmet der Autor ein eigenes Kapitel und plädiert dafür, mehr zu lesen – insbesondere die Bibel.

Eine Auseinandersetzung mit dem Thema „Fernsehen“ und Medien ist wohl nötiger denn je. Berger trägt dazu bei, sich der Herausforderung neu zu stellen. Für den einen mag der Griff nach einer Fernsehzeitung hilfreich sein, um bewusst auszuwählen. Für den bereits Süchtigen hingegen wird die völlige Abstinenz der Königsweg sein.

Aufrüttelnd sind die Worte des Medienwissenschaftlers Neil Postman, zitiert auf S. 13f.:

Huxley hat gezeigt, dass im technischen Zeitalter die kulturelle Verwüstung weit häufiger die Maske grinsender Betulichkeit trägt als die des Argwohns oder des Hasses. In Huxleys Prophezeiungen ist der Große Bruder gar nicht darauf erpicht, uns zu sehen. Wir sind darauf aus, ihn zu sehen. Wächter, Gefängnistore oder Wahrheitsministerium sind unnötig. Wenn ein Volk sich von Trivialitäten ablenken lässt, wenn das kulturelle Leben neu bestimmt wird als eine endlose Reihe von Unterhaltungsveranstaltungen, als gigantischer Amüsierbetrieb, wenn der öffentliche Diskurs zum unterschiedslosen Geplapper wird, kurz, wenn aus Bürgern Zuschauer werden und ihre öffentlichen Angelegenheiten zu Varieté-Nummern herunterkommen, dann ist die Nation in Gefahr – das Absterben der Kultur wird zur realen Gefahr.