Klaus Berger zur Dämonologie

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Ein Plädoyer für die Auseinandersetzung mit den biblischen Texten

Die Kirchen haben sich keinen Gefallen getan, als sie Teufel und Dämonen ad acta legten. Denn der Heiligen Schrift sind sie durchaus wichtig.

Mit dem Teufel ist es manchmal wie mit einem Wrack vor einer Insel, das nur bei extremer Ebbe sichtbar wird. Dann kondensiert sich die Erfahrung auf eine fast personenhafte Figur – auch übrigens angesichts überragender Heiligkeit wie bei Jesus, jedenfalls also in extremen Situationen. Nach Ansicht der Bibel ist der Teufel am ehesten dort erfahrbar, wo sich Menschen zu einem gemeinsamen und sinnlosen Mord hinreißen lassen. Man kann die Wirkung des Teufels auch mit einer Seuche oder Sucht vergleichen, denn oft ist das Teuflische mehr als nur ein individuelles Vergehen.

Jesus diskutiert mit dem Teufel: 40 Tage lang erhält er kluge, verlockende Argumente, alle ganz vernünftig und aus der Heiligen Schrift begründet. An Jesus drängt sich etwas heran, das durchaus intelligent ist. Auch daher, weil Sachen nicht intelligent sind, kommt man zu der Meinung, der Teufel sei so etwas wie eine Person. Auch wenn wir von Gott als Einheit von drei Personen sprechen, meinen wir das jedenfalls vom Vater und vom Geist bildhaft. Zugleich werden Unterschiede deutlich. Weil Gott Liebe und seine worthafte Offenbarung weitaus umfassender ist und weil man zu ihm beten kann, sind wir uns beim Personsein Gottes sicherer als bei dem des Teufels.

An der langen Leine Gottes

Während im Alten Testament der Teufel – etwa bei Hiob und in Sacharja 3 – als eine Art Staatsanwalt an der langen Leine Gottes auftritt, der testet, ob Fromme echt sind, und der Anklage erhebt, wenn sie es nicht sind, gewinnt der Teufel besonders unter dem Namen Beliar in den Texten von Qumran die Statur einer bösen Macht, die Gottes Werk zerstören will. Der Teufel läuft Gott aus dem Ruder. Und er wird politisiert. Das Neue Testament nennt ihn den Herrscher der Welt. Er steckt hinter jedem Martyrium.

Jesus will diese Mächte bekämpfen – zugunsten der Herrschaft Gottes. Es ist ein Kampf um jeden Menschen. Jeder Einzelne wird ein Stück befreites Territorium. Auch wenn es modernen Theologen und Kirchenführern peinlich ist: Bei Jesus ist der Exorzismus eine Art Sakrament. Die Praxis seiner Verkündigung besteht wesentlich darin, Menschen durch autoritative Worte von der Macht des Teufels zu befreien. Vor allem im älteren Taufritual hat diese Praxis Jesu fortgelebt, wenn gefragt wurde: „Widersagst du dem Satan?“ und geantwortet: „Ich widersage…“

Formulare wie diese hat man in den letzten Jahren weitgehend ad acta gelegt, weil man meinte, sie seien nicht mehr zumutbar. So begnügt man sich weithin damit, den Täuflingen zu wünschen, sie möchten freundliche und anständige Menschen werden. Damit ging jede Tiefendimension verloren. Das, was Jesus, was der Mönchsvater Antonius und viele andere Mönche und Nonnen, was der schwäbische Pfarrer Christoph Blumhardt d. Ä. erlebten, hält man für vormodern. Man führt es im Rahmen der Psychologisierung der gesamten Seelsorge auf innerpsychische Konflikte zurück.

Doch die Rede vom Teufel und von der Absage an ihn hat gegenüber den psychologischen Erklärungsversuchen Vorteile: Vom Teufel und seiner Macht kann man befreit werden, man kann Nein sagen. Man muss das Böse nicht in die Seele integrieren. Es gibt Lösung, Befreiung und Sieg. Im Übrigen endet jedes Vaterunser mit der exorzistischen Bitte „Erlöse uns von dem Bösen“. Das meint philologisch ziemlich eindeutig „den Bösen“ und nicht „das Übel“.

Die Problematik des Exorzismus besteht gewiss darin, dass man Menschen heute nicht mit der Aussage belasten darf, sie seien besessen. Der Sinn des Teufels in der christlichen Theologie besteht nicht darin, Angst zu machen, Menschen zu erniedrigen oder zusätzlich zu quälen. Die Bibel redet ausschließlich deshalb von dem Teufel, weil er besiegt werden kann. Hier und nur hier wird er eingebunden in ein Drama, in dem er sich nicht verselbstständigen darf. Er ist vielmehr schon besiegt.

Martin Luthers herzhaftes Verhältnis zum Teufel ist nicht zuletzt getragen vom siegreichen Erlebnis der Gnade. Und im Unterschied zum diffusen und oft verharmlosenden Reden vom „Bösen“ hat die Rede vom Teufel den Vorzug, dass das Böse einen Namen bekommt. Schon die Griechen wussten, das eine (menschliche) Person unendlich vielschichtig und unergründbar ist. Wenn aber die Tiefe des Herzens ein Bild ist für schillernde Abgründe, dann hat es der Böse verdient, dass er Person genannt wird.

In einem neuen evangelischen Taufritual heißt es daher nun plötzlich wieder: „N. N., an dir soll der Dämon der Macht kein Recht haben, dich zu verführen zur Lieblosigkeit, dich wegzu-locken von der Wahrhaftigkeit, dich einzuspinnen für die Propaganda der Lüge…“ Die Sprache ist genau die der alten Exorzismen.

Wer sich einmal vertieft in die Sprache der alten griechisch-orthodoxen und katholischen Rituale zum Exorzismus, wird nichts Unbiblisches darin finden. Die Texte sind gesättigt von der Sprache der Psalmen. Schon zur Zeit Jesu deutete man die Feindpsalmen im Hinblick auf die geistigen Feinde des Menschen. So heißt es im Rituale Romanum, das für die katholische Kirche grundlegend wurde: „Du hast deinen eingeborenen Sohn in die Welt gesandt, um den brüllenden Löwen zu vernichten. Wende dich uns zu, errette diesen Menschen, den du nach deinem Ebenbild erschaffen hast, aus seinem Unglück, befreie ihn vom Dämon. Gib denen, die an dich glauben, Zuversicht, damit sie mutig gegen den bösen Drachen kämpfen.“ Freilich darf man nicht mehr den Teufel in Menschen anschreien. Aber mit ihnen gemeinsam um Befreiung beten, das sollte man tun.

Wer heilt, hat Recht

Exorzismen schließen immer mit der Formel: „So sage ich im Namen dessen, der kommen wird, zu richten die Lebenden und die Toten und die Welt durch Feuer.“ Für dieses Beten sollte gelten, dass keine Rede vom Teufel je die Funktion haben darf, Menschen zu belasten oder zu verteufeln. Zum anderen gilt: Wer heilt, hat Recht. Wenn diese Wort heilen, haben sie ihren Dienst im Sinne des Evangeliums erfüllt.

Was das aktuell bedeutet, wurde kürzlich an einer offen Gewalt verherrlichenden Kunstausstellung im ostwestfälischen Herford deutlich. Der Künstler, der Norweger Bjarne Melgaard, erklärte im Begleittext, der Teufel sei eine „dunkle und starke, instinktive und lebendige Kraft, die Zerstörung, ständige Veränderung und Chaos sucht. Diese Kraft wird im Gegensatz zum Guten, das schwach und zögerlich ist, als konstruktiv geschätzt.“ Bekämpft wird darin ausdrücklich das „skandinavische Modell der Sozialdemokratie“. Die wahre heidnische Kultur des Nordens dagegen verachte alle Schwäche und Kränklichkeit. Mut und Ehre seien die wahren Werte, nicht aber Schwäche, Nächstenliebe und Mitleid. Man kann auf diese Zumutungen – übrigens im Rahmen einer öffentlich geförderten Ausstellung – schlecht antworten, Mitleid sei doch notwendig, und eines Tages erwarte man es doch selbst. Man sollte dem stattdessen entgegenhalten: Mit einer derartigen Anschauung hatte das Christentum schon einmal, vor tausend Jahren, zu tun. Es konnte sich auf eine Kraft berufen, die stärker ist.

Damit rühren wir freilich an eine verschüttete Seite des Christentums. In allen Kirchen solidarisiert man sich gern mit den Schwachen, Marginalisierten und Ausgestoßenen. Das ist nichts Schlechtes, im Gegenteil. Aber wer nur das tut, arbeitet der verbreiteten Klagementalität in die Hand. Sie findet im eigenen Glauben schnell nur Wurmstichiges, kann über die Kirche nur klagen und sucht Erbauung im Fernöstlichen und Esoterischen. Nein, es fehlt im Christentum neben dem offenen Eingeständnis des Versagens auch die Kraft und die Herrlichkeit, die stärker ist als die des Bösen. Auch aus Auschwitz konnte das Böse Gott nicht vertreiben. Überall, wo der Geist Gottes „Charismen“ im Sinne des Paulus schenkt, wo im gemeinsamen Gebet Christen um die Befreiung von der Macht des Bösen flehen, immer dann, wenn Märtyrer in der Kraft ihres Glaubens leiden, wird ein Stück dieser siegreichen Herrlichkeit sichtbar.

 

Klaus Berger ist Theologe und lehrt Neues Testament in Heidelberg.

Quelle: Rheinischer Merkur vom 13.7.2002