Kritik: Dürfen wir andere beurteilen?

Kritik

Tobias Mai hat in seinem Buch „Die Lehre der Neuapostolischen Kirche im Licht der Heiligen Schrift“ einen bedenkenswerten Abschnitt verfasst über das Thema „Kritik“. Obgleich seine Ausführungen eine Antwort auf den Neuapostolen Richard Fehr ist, darf man sie durchaus auch auf „Kritik“ bei Fehlentwicklungen innerhalb des Evangelikalismus anwenden. Wenn Kritik konstruktiv ist, weil sie die Sache Gottes fördert, sollte jeder, der die Wahrheit liebt, diese nach gründlicher Prüfung annehmen, sofern sie berechtigt ist. Kritik, die eher Rechthaberei oder Besserwisserei gleichkommt, ist allerdings abzulehnen. Hier nun die Ausführungen Mais:

Dieses Buch ist eine Kritik an der Neuapostolischen Kirche. Der Stammapostel Richard Fehr äußerte sich in einer Predigt zum Thema Kritik: „Das Wort Kritik steht nirgends in der Bibel. Also hat es bei uns im Werk Gottes [Neuapostolische Kirche] auch nichts zu suchen.“

Das Wort Kritik heißt im Griechischen diakrisis (διάκρισις) und bedeutet Beurteilung. Das Wort kritisieren heißt krinein (κρίνειν) und bedeutet beurteilen. Fehr hat sich mit seiner Aussage geirrt. Das Wort Kritik kommt wortwörtlich und in verschiedenen Worten der Heiligen Schrift vor:

  • anakrinō (ἀνακρίνω), für (a) untersuchen, ausfragen (vgl. Apg 4,9; 12,19; 17,11) und (b) beurteilen, prüfen (vgl. 1Kor 2,14.15; 4,3.4; 14,24),
  • anakrisis (ἀνάκρισις) für Untersuchung (vgl. Apg 25,26),
  • krinō (κρίνω), (a) richten und nach feierlicher juristischer Weise behandeln von Menschen (vgl. Apg 17,31; Röm 3,6), von Jesus Christus (vgl. Lk 19,22; 2Tim 4,1), (b) richten, urteilen oder seine Meinung abgeben in persönlicher Weise (vgl. Mt 7,1.2; Lk 6,37; Joh 8,15), (c) beurteilen, entscheiden, sich eine Meinung oder ein Urteil bilden (vgl. Lk 12,57; Joh 7,24; Apg 4,19; 1Kor 10,15; 11,13), (d) urteilen, denken, meinen, achten oder halten für (vgl. Apg 13,46; 16,15; 26,8; 1Kor 4,5); (e) richtig urteilen, beschließen, entscheiden (vgl. Apg 15,19; 16,4; 20,16; 21,25; 25,25; 1Kor 5,3), (f) Beweise oder eine Gelegenheit zur Verurteilung liefern, in diesem Sinn verurteilen (vgl. Röm 2,27),
  • krisis (κρίσις) für Gericht (vgl. Joh 5,22.30; 7,24; 8,16; 12,31; 16,11),
  • kritēs (κριτής), für Richter, jemand der entscheidet (vgl. Mt 5,25; 12,27; Lk 11,19; Apg 13,20; 18,15; 24,10; 2Tim 4,8; Hebr 12,23; Jak 2,4; 4,11.12; 5,9),
  • kritikos (κριτικός) für richten, urteilen (vgl. Hebr 4,12),
  • diakrinō (διακρίνω) für unterscheiden, beurteilen (vgl. Mt 16,3), verschieden machen, Vorrang geben (vgl. 1Kor 4,7; 11,29),
  • diakrisis (διάκρισις) für Unterscheidung, Beurteilung (vgl. 1Kor 12,10; Hebr 5,14) und Entscheidung (vgl. Röm 14,1).

Es gibt weitere Wörter, die mit dem Wort Kritik im Zusammenhang stehen; es können hier aufgrund des Umfangs nicht alle in der Heiligen Schrift vorkommenden Wörter genannt werden. Dürfen die neuapostolischen Apostel überhaupt kritisiert werden? Oder handelt es sich hierbei um eine Sünde gegen den Heiligen Geist, der sich nach der Neuapostolischen Kirche in ihren Aposteln offenbart?

Die Heilige Schrift fordert uns unmittelbar dazu auf, Kritik zu üben.

„sie nahmen das Wort bereitwillig auf und forschten [anakrinō (ἀνακρίνω) = untersuchen], täglich in der Schrift, ob sich’s so verhielte.“ Apg 17,11. Hier sind Besucher der Synagoge in Beröa gemeint, die die Lehre vom Apostel Paulus und von Silas prüften, ob sie mit der Heiligen Schrift übereinstimmte. Ein anderes Wort für anakrinō (ἀνακρίνω), ist dokimazō (δοκιμάζω) was ebenfalls prüfen und untersuchen bedeutet sowie unterscheiden.

Der Apostel Johannes fordert zu Kritik auf: „Ihr Lieben, glaubt nicht einem jeden Geist, sondern prüft [dokimazete (δοκιμάζετε)] die Geister, ob sie von Gott sind; denn es sind viele falsche Propheten ausgegangen in die Welt.“ 1Joh 4,1

Kritikfähigkeit ist auch eine Gabe des Heiligen Geistes: „[7] In einem jeden offenbart sich der Geist zum Nutzen aller; […] [10] […] einem andern die Gabe, die Geister zu unterscheiden [diakriseis(διακρίσεις)]“ 1Kor 12,7.10.

Kritik dient auch zur Vorbereitung auf die Wiederkunft Jesu Christi, wie der Apostel Paulus schreibt: „[9] Und ich bete darum, dass eure Liebe immer noch reicher werde an Erkenntnis und aller Erfahrung, [10] sodass ihr prüfen [dokimazein (δοκιμάζειν)] könnt, was das Beste sei, damit ihr lauter und unanstößig seid für den Tag Christi, [11] erfüllt mit Frucht der Gerechtigkeit durch Jesus Christus zur Ehre und zum Lobe Gottes.“ Phil 1,9–11.

„Prüft [dokimazete (δοκιμάζετε)] aber alles, und das Gute behaltet.“ 1Thes 5,21.

Somit ist Kritikfähigkeit (Urteils- und Unterscheidungsfähigkeit) von den Aposteln der Heiligen Schrift erwünscht. Es liegt in der Verantwortung eines jeden Einzelnen, Gottes Wort zu kennen und jeden geistlichen Lehrer daran zu prüfen, egal wer er auch sei, ob er sich Apostel, Prophet usw. nennt.

– Bild: ©Gerd Altmann/pixelio