Fritsch, Märchen und Sagen

Märchen Sagen FritschWer Kinder hat, kommt nicht nur mit Märchen in Berührung, sondern muss sich auch Gedanken darüber machen, ob sie als Lektüre (oder Hörspiel) für ihre Kleinen wohl sinnvoll sind. Szenen aus bekannteren Geschichten seien hier noch einmal aufgezeichnet:

Aschenputtel verliert trotz innigem Gebet ihre leibliche Mutter, um dann bei der Stiefmutter zu leiden. Die Stiefschwestern passen nicht in den Schuh, obwohl sie ihre Füße verstümmeln. Mit der verstorbenen Mutter bleibt Aschenputtel in engem Kontakt. Für Dornröschen bittet der König die Hexen um ihren Segen. Von der dreizehnten wird sie jedoch verflucht und fällt in einen tiefen Schlaf. Bei dem Versuch, sie zu erreichen, müssen viele Freier in der Dornenhecke sterben. Hänsel und Gretel werden weinend von den Eltern in den Wald gejagt und dort von einer Hexe beinahe gegessen. Doch zuvor werfen sie die Hexe in den Backofen, der eigentlich für sie bestimmt war. Rapunzel wurde von ihrem Vater an die benachbarte Zauberin verkauft. Im Froschkönig sorgt der König für die Einhaltung des unbedachten Versprechens seiner kleinen Tochter, mit dem Frosch ihr Bett zu teilen. Rumpelstilzchen hilft dem jungen Mädchen, auf Druck ihres Vaters Stroh in Gold zu spinnen. Als Ausgleich verlangt das kleine Männchen ihr erstes Kind.

Die Liste haarsträubender Szenen könnte endlos weitergehen. Christliche Gottesfurcht wird durch synkretistische Elemente wie Totenkult, Spiritismus, Magie und Hexerei ersetzt. Es entsteht ein falsches Bild von einem Gott, der weder helfen kann noch will (und man fragt sich, was schlimmer ist). Die Eltern-Kind-Beziehung ist gestört, hier insbesondere zwischen Vater und seiner Tochter, die er für seine Ziele missbraucht. Hilfe finden die Kinder im Übernatürlichen, in Tieren oder Zwergen. An manchen Stellen wird allzu offenbar, wessen Geist die Geschichten atmen: Der Menschenmörder ist am Werk, es werden Menschenleben gefordert, auch Erstgeborene. Man könnte man meinen, das Urteil ob solcher Brutalität und Gottlosigkeit sei offensichtlich.

Die „Märchen und Sagen“ im Detail analysiert hat Siegfrid Fritsch in seinem gleichnamigen Buch. In der Einleitung geht er auf die Hintergründe und Autoren ein und betont deren Einfluss auf die deutsche Geschichte. In Kapitel 2 seziert er einige von Grimms Märchen, nach Kritikpunkten geordnet. Das kurze Kapitel 3 stellt Grimms Sagen vor und Kapitel 4 behandelt die Nibelungensage ausführlicher. Kapitel 5 stellt dann die schon fast rhetorisch anmutende Frage: „Brauchen wir Märchen und Sagen?“ Tatsächlich urteilen einige Institute, solche Geschichten seien „pädagogisch wertvoll“. Mit den Argumenten setzt sich der Autor in 20 Seiten auseinander. Kapitel 6 grenzt die religiösen Elemente von der christlichen Lehre ab.

Das explizit Böse listet Fritsch auf 50 Seiten in Kapitel 7 auf: (1) Antisemitismus, (2) Euthanasie, (3) Familienzerrüttung, (4) Faszination, (5) Flucht, (6) Grausamkeit, (7) Kannibalismus, (8) Kinderfeindlichkeit in vielen Variationen, (9) Konzentrationslager, (10) Kriminalität, (11) Lügen, (12) Menschenopfer, (13) Mord, (14) Okkultismus, (15) Rache, (16) Realitätsverlust, (17) Rebellion, (18) Schwermut, (19) Selbstmord, (20) Sodomie, (21) Sucht. Der in Märchen und Sagen vorkommene Okkultismus (14) wird auf 36 Seiten in 19 Variationen inkl. weiterer Unterpunkte offengelegt. Die Gewichtung zeigt, womit wir es zu tun haben.

Kapitel 8 behandelt Grimms Wörterbuch und in Kapitel 9 geht der Autor auf die modernen Auswüchse dieser unheilvollen Tradition ein (Fantasy, Action, Horror, Science-Fiction, New Age).

Nüchternes aber klares Fazit: Auch wenn die heute in jedem Buchhandel erhältlichen Märchen in der Regel moderater sind als ihr Original, bleiben die Grundmotive doch erhalten. Insbesondere die gestörte Eltern-Kind-Beziehung und der leichtfertige Zugang zum Übernatürlichen, oft im Gewand „guter Zauberei“, sollte auf Grundlage christlicher Überzeugungen strikt abgewiesen werden.

Das Buch ist zu empfehlen, aber selten geworden. Wer sich der im Haushalt noch befindlichen Märchen einfach entledigt, wird sein Mögliches getan haben und braucht das Werk nicht mehr.