Iain H. Murray, Jonathan Edwards

Edwards_MurrayJonathan Edwards sollte man kennen. So ziemlich jeder Christ in der westlichen Welt wird seinen Namen auch schon gehört haben. Doch was war er für ein Mensch, in welcher Zeit hat er gelebt, und was macht ihn eigentlich so besonders? „Ein Lehrer der Gnade und die große Erweckung“, so der Untertitel des vorliegenden Buches. Das Wesentliche wäre damit schon zusammengefasst.

Iain H. Murray hat hier ein großes Werk geschrieben, das sowohl die vielen Bücher und Predigten von Edwards, als auch die bereits erschienenen Biografien über ihn berücksichtigt. Und so schafft es der Autor auf insgesamt 574 Seiten ausführliche Lebensbeschreibung. Sie beginnt mit der Geschichte von Edwards Vorfahren, die nach Amerika übersiedelten. Er wuchs dort auf mit Menschen, die auf christliche Ausbildung, gute Manieren und wahre Frömmigkeit bedacht waren. Den ersten Kulturschock bekommt der Leser auf Seite 53, wo Edwards im zarten Alter von 12 Jahren einen Brief an seine 14-jährige Schwester schreibt: „Liebe Schwester, durch die wunderbare Gnade und Güte Gottes ist es an diesem Ort zu einem außergewöhnlichen Aufbruch und einer bemerkenswerten Ausgießung des Geistes Gottes gekommen…“

Erweckungen waren dann auch später immer wieder ein großes Thema im Leben von Edwards. Sehr interessant zu lesen, wie solche dann zur Schwärmerei wurden und die Pastoren darüber diskutierten und stritten. Viele ließen sich verführen, einige verfielen ins andere Extrem und verneinten die Möglichkeit „glaubensmäßiger Regungen“. Edwards suchte und verteidigte die Wege Gottes und schrieb darüber mit einem Scharfsinn, den er sich bis dahin durch hartes Studieren, Nachsinnen und Schreiben jahrelang antrainiert hatte. Wir können auch heute noch von ihm lernen in einer Zeit, die ebenso beide Extreme kennt.

Das zweite große Thema im Leben von Edwards war der Abendmahlsstreit. Darf man zwischen Christen und Namenschristen unterscheiden und Letztere vom Abendmahl ausschließen? Tatsächlich war die Diskussion noch viel komplizierter und von Missverständnissen und falschen Motiven gegen Edwards geprägt, so dass er am Ende eines jahrzehntelangen Dienstes seine geliebte Gemeinde leidvoll verlassen musste. Und doch war nichts umsonst. Seine Treue im Dienst und seine Standhaftigkeit in der Lehre, übrigens auch in der Gnadenlehre, wurden nachhaltig belohnt. Auch hier seien das Leben, die Gedanken und die Schriften von Edwards zum Thema empfohlen, gerade den liberalen Theologen aus der Landeskirche mit ihren viel zu vielen Mitgliedern.

So einiges muss in dieser kurzen Rezension unerwähnt bleiben. Seine Familie war groß, gesegnet und vorbildlich. In Erinnerung bleiben die große Gastfreundschaft von Edwards und die schönen Freundschaften, die daraus erwuchsen. Konflikte mit Franzosen und Indianern hatte Edwards zu durchleben und prägten seinen Glauben. Kurz war er Missionar unter Indianern, trotz großer persönlicher Widerstände von Beginn an. Zuletzt wurde er College-Präsident. Nicht aus Eigennutz traf er seine Entscheidungen, sondern immer in gehorsamer Nachfolge seines Herrn.

Biografien zeichnen ja regelmäßig nur ein unvollständiges Bild von einem Menschen meist längst vergangener Zeiten. Hinzu kommt, dass sie i.d.R. von solchen geschrieben und gelesen werden, die den Porträtierten schon im Vorfeld achten und wertschätzen, wenn nicht sogar verehren. Am Ende steht man dann als christlicher Leser ohnmächtig vor einem geistlichen Riesen, ein Vergleich mit dem eigenen Leben erscheint anmaßend oder auch lächerlich. Darf oder soll man Edwards also als Vorbild betrachten? In einzelnen Punkten durchaus, doch ist das Buch insgesamt wohl besonders zur Geschichtskunde interessant. Ähnlich wie Luther vor ihm hat Gott auch Edwards gebraucht, die Kirche auf Kurs zu halten. Seine Geschichte bleibt wertvoll für Gegenwart und Zukunft.