Sabbat oder Sonntag – Gott »atmet auf«

Mauritius-Feierabend

Dass Gott uns an seinem Sabbat in seiner Gesellschaft haben will, ist nicht nur ein Entgegenkommen von seiner Seite, sondern eine Herablassung! Wie tief Gott damit zu seinem Geschöpf herabsteigt, geht aus einem selten gebrauchten, auffällig starken Wort, das in der hebräischen, biblischen Ursprache »naphasch« heißt, hervor. Es bedeutet auf deutsch: »Verschnaufen, nach schwerer Anstrengung aufatmen!«

Dieses Wort kommt in der Bibel nur dreimal vor: Einmal ist es der, von seinem Sohn verjagte König David. Er wird auf der Flucht mit Schmutz und Steinen beworfen. David entkommt und »naphasch«, »atmet auf«. (2. Samuel 16, 14) Ein zweites Mal sind es die Knechte und Mägde und das Vieh, von denen gesagt wird, dass auch sie am Sabbat »naphasch«, »aufatmen« dürfen. (2. Mose 20, 10) Angewendet auf Gott selber steht nun aber dies Wort ein einziges Mal in der Bibel:

»Darum sollen die Israeliten den Sabbat halten, dass sie ihn auch bei ihren Nachkommen halten als ewigen Bund. Er ist ein ewiges Zeichen zwischen mir und den Israeliten. Denn in sechs Tagen machte der HERR Himmel und Erde, aber am siebenten Tage ruhte er und erquickte sich.«

– 2. Mose 31:16-17

»… und ´naphasch´, ´atmete auf´!« – Gott atmet auf, Gott verschnauft! Herzbewegende Herablassung unseres hohen Gottes, die sich an diesem siebten Tag ereignet. Mit dem beschimpften alten König auf der Flucht, mit dem Knecht, der Magd, dem Fremdling und dem Vieh – zusammen mit aller Kreatur – will Gott an diesem Tag ein Verschnaufen, ein gemeinsames Aufatmen haben! – Das ist Grund genug, um diesen Tag als einzigen mit einem Namen auszuzeichnen.

Die Last der Arbeit

Dass solch großes Aufatmen im Himmel – bei Gott – möglich ist, bezweifeln wir nicht. Aber wie ist es hier auf Erden, bei uns Menschen? Kann man das ohne weiteres, am 7. Tag »kein Werk tun«? Kann man die sechsfache Bürde einer Arbeitswoche so einfach abwälzen? – Es gibt Leute genug, die das meisterhaft nur zu gut verstehen, Lasten auf andere abzuwälzen. Getragen werden müssen Lasten ja doch, irgendwie von irgendjemand. Ein Maß von Lasten muss und will in dieser Welt nun einmal getragen sein! Wer sie abwälzt, pflegt es darum auf Kosten anderer zu tun. Das ist eine üble Sache. Auf wessen Kosten aber soll es geschehen, wenn nun Gott uns heißt, die Last der sechs Werktage abzuwälzen?

Wir sind uns bewusst, dass es in erster Linie nicht nur die Arbeit ist, die uns ein Werktag auferlegt. Wir arbeiten ja in der Regel gar nicht so ungern! – Schon vor dem Sündenfall wurde die Tätigkeit als Segen empfunden: »Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.« (1. Mose 2, 15)

Es entspricht aber einer allgemeinen Erfahrung, dass es vielmehr gewisse Begleiterscheinungen der Arbeit sind, die frühzeitig die Haare zum Ergrauen bringen: Der Ärger, die Sorge, die Angst, das Misslingen, die Enttäuschungen, die Last der Unabänderlichkeiten, die jede neue Arbeitswoche mit sich bringt. Oft ist es der Neid des Mitarbeiters, der Unverstand des Vorgesetzten oder das Leiden des Untergebenen.

Oder es ist die Gier nach Macht, Besitz und Ehre, die sich unsere Werktage hindurch besonders auslebt. Es ist das blutige Alltagsunrecht, in dem wir während unserer Arbeitswoche bis über den Kopf versinken. Es ist bestimmt nicht der Staub der Arbeit, der dem Arbeiter das Atmen erschwert. Zu dessen Bekämpfung gibt es heute hygienische Vorrichtungen genug! Nein, es ist die schwüle Stickluft der Tatsache, dass der Mensch einfach ein Sünder ist, die wochentags über unseren Arbeitsstätten brütet. Sie verschlägt den Menschen das Atmen.

Und da soll es nun ein Aufatmen geben? Wie soll das möglich sein?

Gott weiß um diese unsere tiefste Werktagsnot! Er kennt das Gewicht unserer Werktage! Darum lädt er uns zum Abwälzen und zum Aufatmen ein! Gott weiß, wie beschwerlich, ja wie unmöglich uns nach sechs Arbeitstagen das Aufatmen werden will.

»Es ist vollbracht«

Gott nimmt die Last des menschlichen Werktags auf seine Schultern und auf sein Gewissen! Er wird sie für alle tragen, hören wir Jesus Christus doch rufen:

»Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken!«

– Matthäus 11, 28

Man kann auch übersetzen: »Ich will euch aufatmen lassen!« Eine andere Übersetzung: »Ich will euch Ruhe geben!« – Diese Last, die Jesus Christus auf sich nimmt, dieses – wie es in einem Passionslied heißt – »Weltgewichte« wird so schwer sein, dass er darunter zusammenbricht, sogar daran sterben wird.

Es geschieht somit auf Kosten seines Sohnes, wenn Gott seine Menschenkinder die Last der Werktage am 7. Tag abwälzen heißt! Noch im Zusammenbrechen, mit dem letzten bisschen Atem, den er noch hat, haucht er in die Welt hinaus, dass es »vollbracht ist«. Johannes, 19, 30 – Dieses »Es ist vollbracht« ist das einmalige Aufatmen Gottes in dieser Welt und für diese Zeit! Vom Kreuz des Herrn Jesus her geht nun ein nie gehörtes, nie vernommenes und nie gesehenes Aufatmen durch alle Räume der Himmel, durch alle Bereiche dieser Erde, durch alle Abgründe der Hölle hindurch.

Weil Gott um diesen einen und einmaligen Werktag, um den Karfreitag wusste, darum hat er schon in den Anfang der Welt hinein den Menschen zugerufen: »Aufatmen!«

»Es ist also noch eine Ruhe vorhanden für das Volk Gottes.«

– Hebräer 4, 9

Diese Ruhe beschränkt sich nicht auf bestimmte Tage oder Räume. Immer, in jeder Situation dürfen wir in Jesus Christus ruhen: In der Familie, am Arbeitsplatz, zu jeder Zeit an jedem Ort! – In einem Lied wird diese Tatsache so besungen: »Jeder Tag, den du mir gibst, soll ein Tag der Freude sein! Weil ich weiß, dass du mich liebst, hüll mich ganz dein Friede ein …!«

Jesus Christus erfüllt durch sein Opfer das Gesetz und kündigt an: »Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht.« – Matthäus 5:17f.

»Denn Christus ist des Gesetzes Ende; wer an den glaubt, der ist gerecht.«

– Römer 10, 4

»Christus aber hat uns erlöst von dem Fluch des Gesetzes, da er zum Fluch wurde für uns; denn es steht geschrieben (5. Mose 21,23): »Verflucht ist jeder, der am Holz hängt!«

– Galater 3, 13

Der schwerste »Arbeitstag« Gottes

Diesen einen ewigen Werktag hat Gott offenbar voraussehend im Blick, wenn er uns Menschen im 4. Gebot das »Aufatmen« anbietet und in Aussicht stellt! Vielleicht ist solche Denkweise töricht, und doch können wir uns kaum denken, dass Gott hätte ruhen mögen, dass er sich hätte an seiner Erde und an seinen Menschen freuen können, wenn er nicht um das zukünftige Erlösungswerk seines Sohnes gewusst hätte!

So ist der Karfreitag der schwerste Arbeitstag Gottes in dieser Zeit und Welt! Er verrichtete die eine Arbeit, die unter der Sonne zu verrichten war: Er trug die eine Last, die es hier auf dieser Erde zu tragen galt!

Der Auferstehungstag ist der eigentliche Sabbattag

Nach diesem einen, stellvertretenden und blutigen Werktag Gottes ist Jesus Christus auferweckt worden in Herrlichkeit. Damit hat er sein Tagewerk jetzt und hier vollbracht! Für ihn hat nun der eigentliche Sabbat, der Ruhetag begonnen, der nie mehr aufhört! Von ihm fällt schon jetzt und hier von »drüben« ein Glanz auf seine Gemeinde!

Mit dem Ostertag des Herrn ist über dieser Erde eine Sonne aufgegangen, die nicht wieder untergeht! Seither ist jeder Sonntag die Erinnerung – und mehr als nur eine Erinnerung – an den göttlichen Osterfeiertag. – Von Ostern her hebt nun ein göttliches Ruhen, Feiern, Segnen und Vollenden an, das hier unten in der Gemeinde – und von ihr aus weit über die Gemeinde hinaus bis an die Enden der Erde – unaufhaltsam weiterwirkt.

Es ist nicht die Redensart, es ist Wirklichkeit: Der Ostertag läutet den ewigen Sonntag ein! Von hier aus können wir es nun nicht mehr übertrieben finden, was in der 103. Frage des »Heidelberger Katechismus« steht, wo es heißt, dass mit dem Sonntag »der ewige Sabbat in diesem Leben anfange«. – Weil Gott von Anbeginn der Welt sich – gleichsam vorschauend – des kommenden Ostertags freut, darum schenkt er seinen geplagten und verschuldeten Kindern einen Tag des gemeinsamen Aufatmens! So ist durch den Ostertag aus dem alten Sabbat der christliche Sonntag geworden: Der Tag des großen Aufatmens!

Christen feiern immer, nicht nur am Sonntag

Für Christen ist an jedem Tag Sonntag! Die Auferweckung ihres Herrn überstrahlt ihr ganzes Leben und verleiht ihm Glanz.

Trotzdem ist der Sonntag ein besonderer Tag, weil man mit anderen Christen zusammen die Auferweckung von Jesus Christus feiert. – Man begreift, dass schon der ersten Christengemeinde der Ostertag den alten Sabbat hoch überstrahlte und bald an seine Stelle trat. Das geschah nicht unter Auflösung, sondern unter Erfüllung des Gesetzes. Es ist darum eine ungehörige Herabminderung des Osterereignisses, wenn gewisse Sekten behaupten, der christliche Sonntag sei »kein vollwertiger Ersatz für den alten Sabbat«.

Und nun sollen wir, wie es im Wortlaut des Gebotes heißt, des Sabbattages »gedenken«. Was es da zu »gedenken« gilt, das scheint uns nun klar geworden zu sein. Es ist nun tatsächlich nicht mehr vieles, es ist nun nicht mehr hunderterlei, was man zum Thema »Sonntag« auch noch erwägen, bemerken und bedenken müsste. Es ist jetzt nur noch eines:

Gott hat seinem Geschöpf durch Jesus Christus einen Sonntag bereitet als einen Tag des gemeinsamen Aufatmens inmitten dieser Todeswelt!