Zum Sonntag – An die Stelle der Liebe trat das Gesetz

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Wichtig ist der Nächste, der Mitmensch, der Bruder: »Jeder von uns lebe dem Nächsten zu Gefallen für das Gute, zu (seiner) Auferbauung« (Römer 15, 2). Aus der Freiheit der Kinder Gottes heraus darf der Christ mit gesellschaftlichen Normen so umgehen, wie es seinem Mitmenschen am besten dient. Wie bei Jesus steht auch bei Paulus die Liebe des Menschen zum Menschen über allen gesellschaftlichen Normen, auch über jenen, die religiös begründet werden.

Nach der Überlieferung der Apostelgeschichte hat die Urgemeinde in Jerusalem zunächst an jedem Tag Gottesdienst gehalten (Apg. 2, 46). Doch schon sehr früh hat der erste Tag der jüdischen Woche für die Christen eine besondere Bedeutung erlangt (vgl. Apostelgeschichte 20, 7; 1. Korinther 16, 1 f.). Er ist der Tag der Auferstehung (Matthäus 28, 1 ff. par.), der »Tag des Herrn« (Offenbarung 1, 10), ein Freudentag der jungen Christenheit, und darum versammeln sich Christen mit Vorliebe an diesem Tag zum Abendmahl, zur Predigt und zum Gebet (Apostelgeschichte 20, 7; 1. Korinther 16, 1 f.; vgl. die nicht ins Neue Testament aufgenommene Schrift Didache 14, 1 f.). Das hat noch nichts Gesetzliches an sich.

Das alttestamentliche Gebot der Sabbatheiligung wird in den ersten Jahrhunderten keineswegs auf den ersten Tag der Woche, auf den Tag des Herrn, bezogen. Im Gegenteil, einige Christen meinten, wenn man an diesem Tage von aller Arbeit ruhe, dann falle man wieder in den jüdischen Gesetzesglauben zurück, von dem die Christen doch durch Jesus befreit worden seien. Wenn man die Arbeitsruhe forderte, dann tat man das nicht, indem man auf das Sabbatgebot verwies, sondern man führte eher praktische Gründe an: Den Sklaven sollte man am Tag des Herrn freigeben, damit sie am Gottesdienst teilnehmen konnten, und die Freien sollten nicht arbeiten, weil sie das davon abhalten konnte, ihre Gedanken auf Gott zu richten.

Erst im Zusammenhang mit der Gesetzgebung römischer Kaiser und germanischer Könige beginnt man die Forderung der Heiligung des Tages des Herrn mit dem alttestamentlichen Gebot der Sabbatheiligung zu begründen. Im Jahre 321 macht der römische Kaiser Konstantin den Tag des Sonnengottes, den Sonntag, zum gesetzlichen Ruhetag. Der Tag des Sonnengottes aber ist zugleich der Tag des Herrn der Christen. Konstantin kommt den Vertretern der beiden größten religiösen Gruppen seiner Zeit entgegen, indem er ihnen den von ihnen gefeierten Wochentag gesetzlich als Feiertag garantiert. Am Sonntag gibt es hinfort keine Gerichtsverhandlungen mehr; Urteile werden an diesem Tage nicht mehr vollstreckt. Später wird die Regelung, dass Sklaven am Tag des Herrn nicht arbeiten sollen, damit sie am Gottesdienst teilnehmen können, gesetzlich fixiert. Am Ende der Entwicklung wird die Sonntagsruhe für alle vom Staat gefordert und von staatlichen Gesetzen geschützt. Wer die Gesetze über die Sonntagsruhe übertritt, muss mit schweren Strafen rechnen.

Damit ist die Freiheit aufgegeben, mit der Jesus und mit der die Christen der ersten Jahrhunderte weithin der Heiligung bestimmter Wochentage gegenüberstanden. An die Stelle der Liebe, die alle Dinge im Leben der Christen bestimmen und ordnen soll, ist wieder das Gesetz getreten. Die von Jesus eingeleitete und von vielen seiner Jünger vorangetriebene Vermenschlichung einer gesellschaftlichen Ordnung, eben der Sabbat-Ordnung, wurde von Christen seit der Zeit Konstantins einige Jahrhunderte lang wieder rückgängig gemacht.

Horst Weiß, »Wort und Tat«, Juni 1970. Aus: Neuer Wein in alten Schläuchen? Oncken Verlag