Seelische oder geistliche Art in der Verkündigung

Baum-Frucht

Die Arbeit im Reich Gottes kann seelisch oder geistlich betrieben werden. In Bezug auf die Wortverkündigung bedeutet das:

1. »Sich selbst« predigen

Einmal: der seelische Mensch erstrebt bei der Verkündigung des Evangeliums den eigenen Ruhm, er predigt sich selbst (2. Korinther 4, 5), er hört sich gerne reden. Die Wortdarbietung dient ihm in erster Linie als Mittel zur Selbstbeweihräucherung. Er kann zwar vielleicht den Ruhm Gottes verkündigen, wenn ihm Erfolg beschieden ist; denn er bildet sich in diesem Falle ein, Gott habe ihn als Sein Werkzeug bestätigt. Aber auch hierbei denkt er vor allem an die eigene Ehre, an seine Taten, die zu seinem Erfolg beigetragen haben. Seine Absicht ist es, unter allen Umständen Erfolg zu haben, Zahlen nennen zu können und dadurch selber zu glänzen. Um sich bei seinen Zuhörern beliebt zu machen und sie nicht zu enttäuschen, wird der Ernst des Evangeliums bei der Verkündigung unterschlagen. Durch Misserfolge gerät er leicht in Verzagtheit oder in Bitterkeit. Jeden, der seine Verkündigung kritisiert, betrachtet er als seinen Gegner. Wird ihm jedoch Anerkennung zuteil, so sieht er auf andere herab, denen weniger Erfolg beschieden ist.

Der geistliche Reichsgottesarbeiter predigt nicht sich selbst, vielmehr steht der auferstandene und lebendige Christus und Seine Verherrlichung im Mittelpunkt seiner Verkündigung. Er weiß sich nur als Botschafter seines Herrn. Zahlen sind ihm unwesentlich. Er freut sich, wenn er auch nur einen Menschen zu Gott führen darf, denn es ist ihm allein um das Seelenheil seiner Zuhörer zu tun. Daher ist jede Verkündigung für ihn zugleich Seelsorge. Darf er Frucht seiner Arbeit sehen, so gibt er Gott allein die Ehre, während ein Misserfolg ihn in die Demut führt.

2. Verlassen auf seine »natürlichen Fähigkeiten«

Sodann: der seelische Christ verlässt sich bei der Wortverkündigung in erster Linie auf seine natürlichen Fähigkeiten: seine Klugheit, seine Beredsamkeit, sein erworbenes Wissen und Können, seine Routine. Er sucht die Zuhörer durch menschliche Weisheit zu überzeugen. Er liebt es, geistreiche Vergleiche, interessante Beispiele, schöngeistige Redewendungen, klassische Zitate, Verse bekannter Dichter zu gebrauchen, um bei seinen Hörern eine ästhetische oder intellektuelle Befriedigung zu erzeugen. Weil ihm das Reden meist leicht fällt, besteigt er siegesgewiss die Kanzel. Aber er steht in Gefahr, zum Schwätzer und Schönredner zu werden. Wohl vermag er überaus lebendig zu sprechen, aber es ist nur Leben in eigener Kraft.

Der geistliche Christ dagegen sieht nicht auf seine natürlichen Fähigkeiten und Kräfte, er »verlässt sich nicht auf Fleisch« (Philipper 3, 3). Sind ihm besondere Gaben geschenkt, so wird er sie vom Geist Gottes heiligen lassen und sie so in Seinen Dienst stellen. Er bedient sich nicht »hoher Worte oder hoher Weisheit« (1. Korinther 2, 1), sondern er gehört zu den geistlich Armen. Darum verlässt er sich allein auf seinen Herrn. Zwar tritt er im Blick auf seine Ohnmacht mit innerem Zittern vor seine Zuhörer; aber er hat das volle Vertrauen zu Gott, dass Er ihm die zum Reden nötige Vollmacht schenken und ihm Seine Worte in den Mund legen wird. Weil er klar erkannt hat, dass das Entscheidende der Geist ist, in dem er das Wort verkündigt, erwartet er vom Herrn, dass Sein Geist in den Herzen der Hörer wirke. Und statt eigener Weisheit stellt er das Wort Gottes in den Mittelpunkt seiner Verkündigung, eingedenk der Erfahrung des Paulus: »Der Glaube kommt aus der Predigt, die Predigt aber aus dem Wort Gottes« (Römer 10, 17).

Er verlässt sich nicht auf eine Magie der Wortverkündigung; aber er weiß, dass auch der Mensch der Gegenwart das alte, unveränderte Evangelium hören und begreifen kann, wenn es in immer neuer, lebendiger Form in der Sprache unserer Zeit dargeboten wird. Weil er das Wort Gottes an sich selbst als Lebenskraft erfahren hat, ist auch seine Predigt von Leben und Kraft und echter Herzenswärme erfüllt, so dass der empfängliche Hörer sich unmittelbar von Gott angesprochen weiß. Auch wenn die Predigt manchen Hörern ein Ärgernis oder eine Torheit sein sollte, verkündigt der geistliche Mensch den gekreuzigten Christus als den Inbegriff göttlicher Kraft und göttlicher Weisheit (1. Korinther 1, 21 – 24).

3. Einsatz von menschlich-suggestiven Mitteln

Und ein Drittes: der seelische Christ bedient sich bei der Wortverkündigung menschlich-suggestiver Mittel. Um seinen Worten den nötigen Nachdruck zu verleihen, legt er den Wert auf allerhand Äußerlichkeiten: bewusste Handbewegungen, absichtlichen Wechsel der Lautstärke, eine zeitweilige nachlässige Haltung. Er wählt krasse Ausdrücke, Schlagworte der Zeitung, ja zuweilen eine geradezu burschikose Redeweise, um möglichst modern und volkstümlich zu wirken. Er kann aber auch die Sprache Kanaans gebrauchen in der Absicht, den Eindruck besonderer Frömmigkeit zu erwecken. Aber alles Gemachte, alles Unnatürliche, Affektierte, Pathetische, Posenhafte ist seelisch und übt eine seelische Wirkung auf die Hörer aus. Auch durch ein gefühlvolles Gebet, eine rührselige Geschichte oder durch eine besonders feierliche Ausgestaltung des Gottesdienstes sucht der seelische Reichgottesarbeiter die Zuhörer zu gewinnen. Die seelische Verkündigung kommt ohne die Hilfe einer stimmungsvollen Liturgie nicht aus.

Alle Bemühungen um die liturgische und musikalische Bereicherung des Gottesdienstes sind seelischer Art, wenn sie einen Ersatz bilden sollen für das Fehlen der geistlichen Vollmacht des Predigers. Liturgie ist nur dann geistlich, wenn sie nicht zur Gewohnheit wird und nicht im Äußerlichen stecken bleibt, sondern eine immer neu vom Geist gewirkte Handlung darstellt. Wird ihr eine zu große Bedeutung eingeräumt wie beim katholischen Gottesdienst, so besteht die Gefahr, dass die Zuhörer und Zuschauer in ein seelisches Fahrwasser geraten. Jede Anbetung, die nur mit unseren Sinnen erfolgt, ist keine wahrhaftige Anbetung; erst wenn der Geist Gottes die Sinne erfüllt, wird aus ihr eine Anbetung »im Geist und in der Wahrheit«.

Demgegenüber verzichtet der geistliche Christ bei der Wortverkündigung bewusst auf alle suggestiven Mittel. Er wählt die einfache, der Wirklichkeit entnommene Bildersprache der Bibel, gebraucht Beispiele und Gleichnisse aus dem täglichen Leben. Er bedarf keiner besonderen Effekthascherei, sondern wirkt durch eine heilige Natürlichkeit und Echtheit. Denn der Heilige Geist macht den Menschen natürlich, einfach und schlicht. Statt wirkungsvoller menschlicher Rhetorik ist die lebendige und anschauliche Verkündigung des Wortes Gottes sein Hauptanliegen.

Und nicht zuletzt besteht zwischen der Frucht der seelischen und geistlichen Wortverkündigung ein wesentlicher Unterschied. Der seelische Reichgottesarbeiter kann nur seelische Frucht hervorbringen, indem der Mensch in seinem Denken, Fühlen und Wollen aufgepeitscht, gerührt und fortgerissen wird. Deshalb geht seine Verkündigung in die Breite und setzt die Massen in Bewegung. Aber sie bewirkt nur eine oberflächliche Begeisterung. So bleibt bei manchen Evangelisationen nur wenig wirkliche Frucht zurück, obwohl der Anfangserfolg groß erschien. Wenn die Stimmung verrauscht ist, ist auch die Frucht dahin. Seelische Frucht ist daher völlig wertlos. Jesus sagt: »Das Fleisch ist nichts nütze.« (Johannes 6, 63)

Die Frucht der geistlichen Wortverkündigung hingegen ist weniger auffallend, denn sie geht in die Tiefe statt in die Breite. Sie dringt bis auf den Grund des Herzens, sie stellt den Menschen in die Gegenwart Gottes, sie rüttelt sein Gewissen auf, sie ist »wie ein Feuer und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt« (Jeremia 23, 29). Geistliche Frucht besteht in dem Erfülltsein von Christus. Durch die geistliche Wortverkündigung wird nicht der Mensch, sondern Gott allein groß gemacht und geehrt, weil sie nicht als Menschenwort, sondern als Gottes Wort angenommen wird. Eine solche Frucht aber ist von Dauer; es ist eine Ewigkeitsfrucht.

 

Dr. med. Alfred Lechler, Wort und Tat, Kassel, Februar 1960