Soll ich meine Kinder bestrafen?

Kind_Erziehung

Wie streng muss ich sein? Wie soll ich meine Kinder bestrafen? Sünje Banasch (BILD) fragte Prof. Peter Struck (58), Erziehungswissenschaftler der Uni Hamburg:

Was verstehen Sie unter guter Erziehung?

Struck: „Konsequenz mit gelegentlichen Ausnahmen, angekündigte Strafen durchziehen. Aber Erziehung nur über Strafe ist falsch. Eine gute Erziehung ist eine ausgewogene Mischung aus Loben, Ignorieren und Strafen.“

Was heißt Ignorieren?

Struck: „Nicht jedes Verhalten muss kommentiert werden. Wenn Ihr Kind ein Zappelphilipp ist, macht es das nicht mit Absicht, muss nicht ständig dafür gemaßregelt werden.“

Muss Strafe sein?

Struck: „]a – wenn ein Kind etwas verbrochen hat, gelogen, geklaut, mutwillig etwas zerstört hat. Es muss wissen, dass es die Konsequenzen für sein Handeln zu tragen hat. Nur so lernt ein Kind, dass es Grenzen gibt, die es nicht übertreten darf. Aber: Strafe muss das Problem lösen, nicht verschlimmern.“

Was heißt das?

Struck: „Ein Beispiel: Ihr Kind macht absichtlich eine Vase kaputt. Eine sinnvolle Strafe ist, dass vom Taschengeld eine neue gekauft werden muss. Schlecht: Fernsehverbot. Bestrafung sollte immer im direkten Zusammenhang stehen zu dem, was Ihr Kind angestellt hat.“

Welche Strafen sind falsch?

Struck: „Bestrafen Sie Ihr Kind nie für etwas, wofür es nichts kann. Ein rechenschwaches Kind kann sich noch so anstrengen, es wird keine tolle Mathenote bekommen. Wenn Sie es für eine Vier bestrafen, ist das gemein. Auch tabu: die Lieblingsbeschäftigung zu verbieten. Wenn Ihr Kind geklaut hat, nützt es nichts, Fußball spielen zu verbieten. Richtig wäre zu verlangen: Du bringst das Geklaute zurück und entschuldigst dich. Auch verboten: alles, was die Grundbedürfnisse des Kindes beeinträchtigt, also Essens- und Liebesentzug, den Bewegungsdrang einschränken, also Stubenarrest. All diese Bestrafungsmethoden verschlimmern nur die Lage.

Wie viel Strafe Ist zu viel?

Struck: „Wenn ein Kind bei jeder Kleinigkeit bestraft wird, verlieren die Sanktionen ihre Wirkung. Kinder können davon neurotisch und gestört werden. Oft reagieren solche Kinder mit Gewalt gegen sich und andere. Wer dauernd Schläge bekommt, wird später oft selbst zum Schläger.“

Und zu wenig Strafe?

Struck: „Ist auch nicht richtig. Dann können Kinder kein stimmiges Weltbild entwickeln. Kinder provozieren Strafen, damit sie sich orientieren können. Eine angemessene Strafe ist ein Stück Respekt vor dem Kind.“

Was tun, wenn mein Kind trotz Bestrafung nicht gehorcht?

Struck: „Das passiert nur, wenn es vorher schon damit durchgekommen ist. Streitpunkt Zimmer aufräumen. Oft geben Mütter irgendwann nach, machen es selbst. So wird das natürlich nichts.“

 

Quelle: Bild, 11. Mai 2001