Soon Ok Lee, Lasst mich eure Stimme sein

Soon_Ok_Lee_StimmeWas kann ein Mensch alles aushalten? Hunger, Kälte, Frostbeulen, Schlafentzug, Wahnsinn, fehlendes Licht, Starre, Lähmungen, Madenbefall, Gestank, Redeverbot, Kollektivstrafen, Willkür, Demütigung, Manipulation, Sarkasmus, Ausbeutung, Misshandlung und Folter nicht selten bis zur Bewusstlosigkeit und schließlich bis zum Tod – dies alles musste Soon Ok Lee miterleben und vieles davon am eigenen Leib erfahren. Sechs Jahre war sie im Arbeitslager in Nordkorea gefangen, unschuldig wie ihre Mitinsassen auch.

Ihre Freilassung war nach eigener Überzeugung ein Wunder Gottes, auch um der Welt – mit diesem Buch – von den Grausamkeiten berichten zu können, die in Nordkorea geschehen. Vor uns liegt ein ungeschönter Blick hinter die dünne Fassade dieses kranken Landes. Die Staatsmacht ist mehr dämonisch als menschlich; zweimal schreibt sie: „Diese Wächter sehen nur äußerlich wie Menschen aus, drinnen sind sie Teufel.“ (S.96, vgl. S.135)

Dem Leser stellt sich irgendwann die zweite Frage: Was kann ein Mensch alles lesen? Und wie fühlt man sich dabei? Es kommen Tränen, der Magen dreht sich, die Selbstreflexion beginnt: „Schlimm, schlimmer, noch schlimmer“ – kann ich mir das beschriebene Leid auch nur annähernd vorstellen? Wie wäre es, wenn ich am Platz des Opfers wäre? Und des Wächters? Wozu ist ein Mensch fähig? Wie würde ich leben, reagieren in diesem System? Was würde ich sagen, was nicht, und wann würde ich schweigen? Das Zeugnis der Christen macht Mut. Lee schreibt: „In den Jahren dort in dem Lager sah ich viele Christen sterben. Kein einziger von ihnen sagte je dem Gott ab, der im Himmel ist. Und dabei hätten sie nur zu sagen brauchen, dass sie nicht mehr an Gott glaubten, und man hätte sie freigelassen.“ (S. 138)

Soon Ok Lee hat sich erst nach ihrer Flucht bekehrt, auch wenn sie sich vorher schon oft von Gott getragen wusste. Im Rückblick erinnert sie sich an die Worte und Lieder ihrer Mutter und Großmutter, deren Gebete für ihr Mädchen nun offensichtlich erhört wurden. Auch das ein Wunder, die Führung Gottes in ihrem Leben. Als Christin schreibt Lee über das Erlebte offen und ehrlich, ohne Menschenfurcht, in Verantwortung vor ihrem Gott und den Gefolterten aus dem Lager, deren Augen sie nicht vergessen hat. Und so reiht sich eine herzzerreißende Geschichte an die nächste. Es werden Namen genannt, es geht um wirkliche Menschen und ganz persönliche Schicksale, auch die der Angehörigen. Ein Segen ist das Buch auch für Letztere, falls sie es jemals lesen und so die Wahrheit über die sog. „Verräter“ erfahren können.

Wie geht man mit dem Bösen um? Wegschauen scheint keine Lösung zu sein, aber hilft das Hinschauen wirklich? Es gibt diesen fiesen Ausdruck „Poverty Porn“, ein amerikanischer Fachbegriff für den Betroffenheitsjournalismus, der bei seinen Lesern das gute Gefühl hinterlässt, durch Lesen den Zustand der Welt verbessert zu haben. Habe ich das? Hat sich in Nordkorea etwas verbessert, nur weil ich nun das Buch gelesen habe? Die Geschichte von Soon Ok Lee passierte vor etwa 20 Jahren. Bis heute hat sich nichts am System geändert. Wahrscheinlich sind die Verhältnisse eher noch schlimmer geworden, ist das Unkraut noch mehr gewachsen.

Doch bleibt dem Christen immer das Gebet, und dazu ruft das Buch uns auf. Der Glaube an den einen, souveränen, allmächtigen, heiligen und gerechten Gott trägt emotional durch die Zeilen hindurch. Im Gedächtnis bleibt das Zitat: „Gott und die Geschichte werden sie richten, die barbarischen Verbrechen der Regierung von Nordkorea.“ (S.95)