Verwöhnen führt nicht zu mehr Liebe

suessigkeiten

Es ist eine nüchterne Tatsache, dass Kinder, die verhätschelt werden und denen man ihren Willen lässt, ihre Eltern nicht mehr, sondern weniger lieben, was viele untröstliche Eltern zu spät erkannt haben. Ihre Selbstliebe wird genährt, bis sie jeden edlen Impuls erstickt. Sogar ihre natürliche Zuneigung verkümmert und Gefühllosigkeit macht sich breit. Sie verlieren mehr und mehr die Fähigkeit, echtes Mitleid oder Mitgefühl zu empfinden — jenes feine Gespür für den Herzschlag eines anderen.

Mutter und Vater können sich abrackern und sie bringen nicht einmal ein Wort des Dankes über die Lippen. Die Eltern können wegen Kummer und Sorgen gebrochenen Herzens sein und durch Überarbeitung und Belastung an den Rand des Zusammenbruchs gelangen und solche Kinder sehen es nie. Wenn ihre Aufmerksamkeit darauf gelenkt wird, dann sind sie in ihrer Ichbezogenheit zu herzlos, um sich darüber Gedanken zu machen.

Eine Mutter stand jeden Morgen sehr früh auf, um genügend Zeit zu haben, sieben verschiedene Arten von Frühstück für ihren Mann, ihren Sohn und ihre fünf Töchter vorzubereiten, denn sie alle hatten persönliche Vorlieben, die berücksichtigt werden mussten. Sohn und Vater gingen als erste zur Arbeit; dann, wenn das Frühstück für die Mädchen fertig war, rief die bedrängte Mutter ihre Töchter, die noch in ihren Betten faulenzten. Jahre vergingen. Die alte Mutter, die jetzt Witwe war, empfand es als notwendig, bei ihren Kindern zu leben, von denen alle verheiratet waren. Aber sie wollten sie nicht. Sie zankten sich, wer sie als nächster haben würde, und reichten sie von einem zum anderen. Schließlich fanden sie genügend Gründe, um ihr Gewissen zu beruhigen, und schoben sie in ein Altersheim ab, wo sie sich selbst überlassen war und dahinvegetierte; gelegentlich statteten sie ihr einen eiligen Besuch ab. Sie lebte nicht lange. Es hieß, dass sie am gebrochenen Herzen starb.

Sie hatte ihr Leben vorbehaltlos ihren Kindern gewidmet, weil sie in so mitleiderregender Weise den Wunsch gehabt hatte, geliebt und geschätzt zu werden. Aber unbegrenztes Verwöhnen war die falsche Methode, da es die Quellen der Dankbarkeit austrocknete und den Fluss natürlicher Zuneigung zum Versiegen brachte. Trotzdem wäre es sehr schwierig gewesen, sie damals, als ihre Kinder noch klein waren, davon zu überzeugen, dass ihre „Güte“ in Wirklichkeit die größte Grausamkeit war, die sie sich selbst und ihrer Familie antun konnte.

– Richard Shelley Taylor in „Diszipliniert leben – aber wie?“, S. 78f.

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