VanVonderen, Wenn Gnade das Familienleben prägt

wenn-gnade-das-familienleben-prägt„Gute, wertvolle, christliche Eheleute, die man akzeptieren kann, erfüllen alle Bedürfnisse ihres Partners.“ Stimmt das? Wenn das Ihre Meinung über Ehe und Familie ist, dann sollten Sie das vorliegende Buch lesen: „Wenn Gnade das Familienleben prägt“, von Jeff VanVonderen.

Ehen sind regelmäßig zum Scheitern verurteilt, weil die Menschen mit falschen Erwartungen heiraten. Der Ehepartner wird nie die inneren Bedürfnisse des anderen erfüllen können. Kein Gegenüber kann Quelle des eigenen Selbstwertgefühls sein, es ist unmöglich. Und doch kommen Eheleute in die Eheberatung mit langen Listen darüber, wie der andere sich verändern müsse, damit sie glücklicher und zufriedener seien.

Solche Listen tragen sie schon länger mit sich herum. Selbst haben sie nach Kräften probiert, den anderen zu verändern, mit den verschiedensten Methoden: Regeln, Gebote, Druck, Unversöhnlichkeit, wütende Überreaktionen, Beschämung, Egozentrik, Nörgeln, Drängen, Manipulieren, Bestechen, eigenmächtiges Handeln, Schreien, Schlagen, Drohen, Bibelverse, Schmollen, Anklagen, Vergleichen, Herausfordern, Vorwerfen, Leugnen, falsche Unterordnung.

Wer darin gefangen ist, den anderen beherrschen und verändern zu müssen, um sich selbst als guter Ehepartner sehen und sich erst dadurch gut fühlen zu können, der endet i.d.R. in der emotionalen Erschöpfung, schlimmstenfalls in der (vollzogenen oder inneren) Scheidung und bestenfalls beim Therapeuten. „Bemühen Sie sich nur, dann wird es schon wieder“, sagen dann die meisten von ihnen. VanVonderen schreibt anders: „Bemühen alleine reicht nicht.“ (S.48)

In einer verhaltensorientierten Beziehung sind das Verhalten und die Leistung des anderen die Quelle des eigenen Wohlergehens. Im Umkehrschluss fühlt sich nur der akzeptiert und geliebt, wer sich – in den Augen des anderen – immer richtig verhält. Weil das aber niemand erfüllen kann, scheitert die Beziehung. Die bessere Frage des Therapeuten ist also vielmehr: „Wie kann ich Ihnen helfen, mit sich klarzukommen?“ und nicht „Wie kann ich Ihnen helfen, den anderen zu verändern?“ (S.25) Es ist gar nicht unsere Aufgabe, den anderen zu verändern. Wir können es gar nicht, nur Gott kann das.

Noch schlimmer wird es, wenn sich das Schema auf die Kinder überträgt und sie der falschen Erwartung ausgesetzt sind, die Bedürfnisse der Eltern erfüllen zu müssen. Sie können es nicht und es ist nicht ihre Aufgabe, im Gegenteil: Kinder sind leer, bedürftig und verletzlich. Sie müssen reifen. Nicht zu einem äußerlich angepassten Verhalten, sondern zu innerer Stärke, Weisheit, Identität.

„In einer gesunden Familie wissen Eltern, dass sie eine Umgebung und Beziehungen schaffen sollten, in denen die Bedürfnisse des Kindes erfüllt werden können. Sie bringen den Kindern bei, dass Jesus die Quelle ihres Lebens, ihres Selbstwertgefühls und ihres Lebenssinns ist. Regeln sind da, um die Kinder zu schützen und ihnen einen Rahmen zu geben, in dem sie lernen können.“ (S.85)

Teil 1 des Buches befasst sich mit den schlechten Beispielen, in denen man sich wiederfindet. Teil 2 und 3 dann mit Prinzipien und Erfahrungen, die man sich zum Vorbild nehmen kann. Grundlegend für ein besseres Familienleben ist die Gnade Gottes, die führt, das Werk des Heiligen Geistes: „Mit dem Geist erfüllt sein (Epheser 5,18) zeigt sich in neuen Augen, die mehr sehen, neuen Ohren, die mehr hören, einem neuen Herzen, in dem auch Raum für andere ist, und einer neuen Kraftquelle, durch die wir stark genug werden, den Schmerz anderer mitzuempfinden.“ (S.101)

Nicht der Ehepartner oder das Kind, sondern Gott erfüllt meine Bedürfnisse. Dann erst habe ich eine Basis für mein Familienleben, dass ich den anderen nicht mehr kontrollieren und verändern muss.

Im genauen Gegensatz zu dem fluchvollen Drang, gegen den anderen zu kämpfen und ihn zu beherrschen, ist der Schlüssel zu einer gesunden christlichen Ehe die geisterfüllte gegenseitige Unterordnung nach Epheser 5,21. Der Autor setzt hier, auch in Analogie zur „Unterordnung“ des Herrn Jesus Christus, die gegenseitige „Unterordnung“ mit gegenseitigem „Dienen“ gleich. Eine Interpretation, die leider nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist.

Die Schwierigkeit, dass man geneigt ist, sich hier wieder in eine gegenseitige Abhängigkeit zu begeben („Es geht mir nur dann gut, wenn es dir gut geht“), behandelt der Autor nicht. Auch nicht die zweite Schwierigkeit, was der Diener oder die Dienerin tun soll, wenn er einer Herrscherin oder sie einem Herrscher gegenübersteht. Die Bibel spricht beides an, den lieblosen Mann in 1. Petrus 3,7 und die „zänkische Frau“ in den Sprüchen. Auch auf die Parallelstellen zum Thema „eheliche Unterordnung“ verweist der Autor nicht. Das heutige Problem des Feminismus streift er kurz auf S.110.

Intensiver behandelt das Buch die Kindererziehung und gibt hier wertvolle Denkanstöße und viele praktische Tipps, z.T. aus dem eigenen Leben. Die vier Kapitel 8 bis 11 heben je ein biblisches Gebot hervor: Wir sollen (1) unsere Kinder nicht zum „gärenden“ Zorn provozieren (Eph 6,4a), sondern respektvoll, verständnisvoll und fair behandeln; (2) Gelegenheiten dazu nutzen, die Kinder Glauben und Vertrauen zu lehren (Eph 6,4b) und das auch in dem Sinne, ihren Selbstwert in Jesus und in seiner Liebe zu suchen; (3) die Kinder individuell nach ihren Eigenarten und dem Alter des Kindes erziehen (Spr 22,6), zur Entfaltung seiner eigenen Persönlichkeit; (4) sie nicht zum Bösen verführen, d.h. eben auch nicht zur Werkgerechtigkeit oder Verhaltensorientierung (Lk 17,2).

Was bedeutet es also, in einer Familie zu leben, in der die Gnade wirksam ist? Der letzte Teil 3 auf den Seiten 183 bis 237 fügt das bisher Gelesene zu einem Bild zusammen, wiederholt das Wichtigste, listet einzelne Punkte noch einmal auf, ergänzt durch weitere Beispiele und praktische Erklärungen zuerst zur Kindererziehung, dann zur Ehe. Zuletzt die Ermutigung, bei sich selbst zu beginnen.

Fazit: Das Buch sollte nicht nur intensiv gelesen, sondern auch praktisch umgesetzt werden.