Vom Umgang mit dem Menschen

Gespraech

Begegnungen gehören zu den Selbstverständlichkeiten des Lebens, und in der Regel erleben wir sie tagtäglich in verschiedener Art. Wir nehmen sie auch sehr unterschiedlich als wichtig oder unwichtig, als erfreulich oder unerfreulich, als ergebnisreich oder bedeutungslos. Immer aber sind wir als der ganze Mensch dabei, auch wenn das nicht ausdrücklich bewußt wird. Immer gehen Ströme von einem zum anderen, und wenn wir darauf achten, tut es uns oft wohl, eine Art Wertung zu vollziehen. Wir tun das aber nicht nur vom Resultat aus, sondern – wenn auch nicht immer so ausdrücklich es uns klar machend – von dem Gesamtgefühl, von der Stimmung her, in der die Begegnung stattfand, und von der atmosphärischen Wirkung her, die sie auf uns ausübt.

Entscheidend ist also die gewichtige Erkenntnis, daß in jeder Begegnung bei beiden Beteiligten der ganze Mensch dabei ist. Auch in belanglosen oder ergebnisarmen Begegnungen wirkt jeder als ganzer Mensch auf den Partner. Und das bedeutet nichts Geringeres, als daß wir dabei mit voller persönlicher Verantwortlichkeit für uns selbst und für den Partner in unserem ganzen Menschsein wirken und selbst betroffen sind. So hat es wesentliche Bedeutung, daß wir uns über die Wege zum Menschen Gedanken machen und das Erlebte verantwortlich und ernsthaft in uns nachklingen lassen. Was geschieht in dieser Art der Beziehung zwischen zwei Menschen? Nach welchen Richtungen hin geht sie uns wesenhaft an? Was ist dabei in uns betroffen und aufgefordert?

Gehen wir in medias res, so ist als Einsatz und mit genereller Gültigkeit zu sagen: zuerst das Herz! Wer ohne Herz, das heißt ohne Liebe, ohne mindestens ehrliche und offene Zuwendung dem anderen begegnet, kommt nie zu wirklicher Gemeinschaft, Gemeinsamkeit, und er lernt damit ein wesentliches, in vieler Hinsicht das zentrale Gebiet des Lebens nicht kennen. Er kommt sich geschlossen vor und ist abgeschlossen, er meidet Unbequemes und verliert damit zugleich Bereicherndes und Beglückendes. Es fehlt der Puls, es fehlt der Anteil des warmen Blutes am Leben.

Wer das Herz drangibt, liefert sich auch an viel mögliche Not, an Miterleidenmüssen und an eigenes Leid um anderer willen aus, er setzt Kraft dran und Zeit, und er setzt aufs Spiel die ausgeglichene Lebenseinstellung, die er gewonnen hat. Mit der Tür des Arbeitsraumes hat er nicht die Tür des Lebens hinter sich geschlossen. Ist das bedauerlich? – Wer dem Leben offen ist, kommt nicht in Versuchung, das zu meinen. Das Leben wird nicht linear gelebt, sondern in Feldern, relational, in Begegnung und Beziehung, Kommunikation, in Verstehen und Auseinandersetzung. Es geht um die echte Gemeinschaft, um Lebensbereiche, in denen wir nicht die Wahl haben, ob wir sie erleben oder meiden wollen. Uns geht nur die Frage an -und das existentiell unmittelbar -, wie wir dieses Gebiet in persönlicher Verantwortung und bei der Vielzahl der verfügbaren Möglichkeiten gestalten und bestehen wollen.

Das bedeutet, daß wir nie fertig sind: nicht mit uns selbst, nicht mit dem Leben und – nicht mit den Menschen neben uns. Wir haben da eine verhängnisvolle Neigung, den Grund zu ungenügendem Kontakt zunächst bei dem anderen zu suchen. Läuterung und Vertiefung ist da – wohl entgegen mancher Erwartung – anzusetzen in einer tiefen, echten und totalen Zuwendung zum anderen. »Alles verstehen« heißt nicht immer alles entschuldigen, alles verzeihen, aber es sollte heißen: alles daransetzen, daß der Weg zum anderen gefunden wird. Dabei ist zu beachten: Es gibt nicht nur eine Haltung, eine Einstellung, es ist ein Weg, den wir zu gehen haben, und ein Weg ist nicht ein Schritt, mit dem man da ist, wohin man wollte, sondern ein echtes Bemühen, mit unter Umständen vielen Schritten und mit liebevoller Geduld.

Wichtig ist und zugleich ein starkes Mittel zum Weiterkommen, dass man erstens den primitiven Fehler vermeidet, das, was der andere sagt, eigenwillig so zu verstehen, wie man selbst es aufgefasst – zumal bei Menschen, die sich ungeschickt ausdrücken, sie festzulegen auf das eigene Verständnis. Jeder Betreuer weiß, dass es entscheidende Hilfe sein kann, wenn man zart und geduldig darum bemüht ist, ein richtiges Bild zu bekommen von dem, was der andere meint, auch wenn er es ungeschickt ausdrückt. Eine weitere große Möglichkeit liegt in der Hilfe dazu, dass er klarer erkennt, wo bei ihm das eigentliche Manko liegt. Es ist erstaunlich, wie oft Menschen gegen sich selbst blind sind, auch ohne die Absicht, sich über sich selbst zu täuschen – und wie bereit sie dann oft sind, sich helfen zu lassen, wenn sie einem Rat abspüren, dass seine Befolgung weiterführen könnte.

Der Helfende muss bei seinem Bemühen darauf bedacht sein, richtig zu dosieren. Man kann unter Umständen Richtiges zu früh sagen und damit die Wirkung verhindern. Man kann umgekehrt nicht merken, dass der Betreffende auf ein festes, unter Umständen ihn verpflichtendes Wort wartet, und ihm dadurch die gesuchte Hilfe versagen. Grundlage zum Weiterkommen ist hier wie immer die Bereitschaft und Ermutigung zu echtem Gespräch. Der Beratene muss spüren, dass man nicht nur ihm offen ist, sondern auch ihm hilft, das richtige Bild von sich selbst zu bekommen – oft: den Ansatz zur Wandlung zu finden. Je mehr er spürt, dass er sich nicht in einer Belehrung, sondern in einem Gespräch befindet, um so freier wird er, und um so fruchtbarer kann das Gespräch werden.

Hinzuzufügen ist hier noch, dass in jeder Beratung auch der Beratende lernt, und zwar nicht nur für den anderen, sondern auch für sich selbst. Das braucht er dem Hilfesuchenden nicht zu sagen, aber er soll es ernsthaft in sich selbst aufnehmen. Am besten ist das Gespräch gelungen, wenn der Beratene das Gefühl hat, dass er das alles eigentlich schon wusste und dass eben nur das Aussprechen ihn befreit hat. Wohl dem Berater, der dann seine Bescheidenheit und Offenheit, seine Güte und Zugewandtheit nicht verliert!

Besonderer Sorgsamkeit bedarf die Beratung in Glaubensfragen, zumal seitens des beratenden Theologen. Es ist wirklich ernsthaft schwer für den theologisch gebildeten und im Reichtum der Theologie lebenden Berater, zu dem »Laien« so zu sprechen, dass dieser das Notwendige erfährt und doch nicht das Gefühl verliert, dass hier Wege zu seinem Menschsein von einem wirklichen und vollblütigen »Menschen« vorgeschlagen und erschlossen werden. Wir Theologen sollten uns mit der Zeit eine Art Übersetzungssystem erarbeiten, das uns befähigt, die Glaubenswahrheiten und die Wirklichkeit der Glaubenskräfte so zum Ausdruck zu bringen, dass der »Laie« dabei das Gefühl hat, in seiner Sprache angeredet zu werden. Man kann das lernen: an der Liebe, die unermüdlich horcht, ob richtig »verstanden« – und das heißt: ob die Lebenskraft des Gesagten aufgenommen wird, und man kann es lernen: an der Sprache des Laien, der uns oft den Gefallen tut, das von uns Gesagte in seinen Worten zu wiederholen.

Wir sollten dann nicht das Gefühl haben, mit einem theologisch nicht orientierten Menschen zu sprechen, sollten auch nicht »theologische« Realitäten preisgeben, sondern von der eigenen Glaubenshaltung und Glaubenserfahrung aus horchen, ob er Wahrheit und Kraft des Gesagten erfühlt und sich ihr geöffnet hat.

»Schlichter« Glaube kann theologisch unzureichend und unbehaglich und doch für den Glaubenden echte Kraft sein. An der Haltung, an einem Aufatmen, an einem lebhaften, erfüllten Blick kann man oft erkennen, dass existentiell »verstanden« worden ist. Und darum geht es: dass der Ratsuchende an irgendeiner Stelle, die für ihn lebendig ist und ihm zum »Aufatmen« hilft, eine Wegweisung aufgenommen hat, die ihm neue, gewisse Schritte ermöglicht, Schritte, mit denen ein tieferes und reiferes Menschsein sich ihm erschließt.

Prof. D. Otto Haendler, Wort und Tat, Kassel, April 1973