Vom Umgang mit (entstehenden) Ehekrisen

Ehe-Krise-Scheidung

Zwei Menschen, die heiraten, möchten eine harmonische Ehe. Sie wollen keinen Streit, keine Auseinandersetzungen, sie streben ein friedliches und partnerschaftliches Miteinander an. Sie unterschätzen, daß zur Ehe Schwierigkeiten, Probleme und Konflikte gehören, auch Krisen. Das griechische Wort Krise meint »Schwierigkeiten« und »Klemme«. Es beinhaltet auch die Begriffe: Höhepunkt, Wende und Entscheidungssituation.

Viele Menschen sehen in der Krise eine Sackgasse, eine Katastrophe. Das ist ein Irrtum. Krisen sind notwendig, lebensnotwendig. Krisen sind Lebens- und Reifungshilfen. Krisen sind Herausforderungen Gottes. Sie verhelfen zur Enttäuschung, zur Aufhebung der Täuschung. Die namhafte Analytikerin Heigl-Evers kann sogar formulieren: »Keine Krisen – keine Reifung.« Und wenn solche Klemmen und Schwierigkeiten vorliegen, was können Eheleute selbst tun? Ich möchte in einigen Punkten konkrete Schritte beschreiben, die den Partnern helfen – in der Verantwortung vor Gott – die Krisen zu meistern.

Ich trage für mein Vaterland und Fehlverhalten selbst die Verantwortung

Wer eine Ehe harmonisch gestatten will, muß selbst dafür die Verantwortung übernehmen. Eine Veränderung und Verbesserung der Beziehungen beginnt bei mir und nicht beim andern. »Ich will meine Wege vor IHM verantworten.« (Hiob 13, 15) Vor Gott und Menschen halten wir den Kopf hin und ziehen uns nicht aus der Schlinge. Der Mensch ist das einzige Wesen, das für sein Tun zur Verantwortung und zur Rechenschaft gezogen werden kann. Als Agierender und nicht als Reagierender verändert er die Welt. Wer die Schuld auf den anderen schiebt, handelt ungeistlich und ehefeindlich. »Was habe ich getan, daß Du so reagierst?«

Ich verzichte darauf, mich zu rechtfertigen

Sind beide bereit, die Wünsche, die der Partner an den anderen hat, zu hören und ernst zu nehmen, ohne sich zu verteidigen und zu rechtfertigen? Professor Dr. Röhricht von der Kirchlichen Hochschule in Wuppertal sagte einmal zu dieser beliebten Selbstrechtfertigung: »Der Verzicht auf Rechtfertigung ist der erste Schritt zur Heiligung.« Christus hat uns ein Vorbild gegeben mit seinem völligen Verzicht auf Rechtfertigung. Wer sich rechtfertigt, klagt sich an. Er will für sein Fehlverhalten keine Verantwortung übernehmen. Er wäscht sich rein und redet sich heraus. Beide müssen sagen können: »Wir haben uns in die Misere hineinmanövriert. Was wollen wir beide tun, um wieder herauszukommen?« Beide unterlassen die Anklagen, sie suchen vielmehr eine bessere Lösung.

Ich muß mein Ergänzungsmuster kennenlernen

Die meisten Ehepaare spiegeln ein Schlüssel-Schloss-Vehältnis wider. Die Partner passen zusammen. Sie ergänzen sich wie Topf und Deckel. Sie ergänzen sich auf verschiedenen Gebieten. Solche Ergänzung bedeutet Konflikt und Bereicherung zugleich. Die Ergänzung kann gottgewollt sein. Im Römerbief heißt es: »Wir stehen zueinander wie Teile, die sich gegenseitig ergänzen. Wir haben verschiedene Gaben, so wie Gott sie uns in seiner Gnade zugeteilt hat. Diese Gaben sollen wir auch in der rechten Weise nutzen.« (Römer 12, 5f.)

Wie sehen solche Ergänzungsmuster aus?

Der unsichere Partner –
der sichere Partner

Der hilflose Partner –
der selbstbewußte Partner

Der abhängige Partner –
der unabhängige Partner

Der ratlose Partner –
Der ratgebende Partner

Der langsame Partner –
der schnelle Partner

Der optimistische Partner –
der pessimistische Partner

Beide brauchen sich, beide spielen perfekt zusammen. Wie gesagt, der Punkt der Anziehung ist zugleich der Punkt des Konfliktes. Je stärker die Erwartungen auf der einen Seite, desto ablehnender die Reaktionen des Partners.

Ich muß den Nutzeffekt des Ergänzungsmusters kennenlernen

Ergänzungsmuster haben einen Nutzeffekt. Denn der Mensch verfolgt Ziele. Die Ergänzungsmuster haben einen Sinn. Jeder Mensch hat von Kindheit an gelernt, mit seinen Arrangements, mit seinen Verhaltensmustern unbewußt und unverstanden Ziele zu verfolgen. Streit, Klagen, Jähzorn, Tränen, Vorwürfe und Anklagen – um nur einige solcher Muster zu nennen – sind Strategien, um sich durchzusetzen, um Erfolg zu haben. Jeder benutzt die Strategien, die er für richtig hält, die er für erfolgreich ansieht. Ein kleines Beispiel für einen Nutzeffekt:

Sie: »Ich warte seit 5 Uhr auf dich. Jetzt ist es fast 18.30 Uhr. Das Essen ist natürlich kalt, und ich habe mir solche Mühe gegeben!« Er: »Schätzchen, das tut mir leid. Ich will dich nicht ärgern.« Nutzeffekt: Die Vorwürfe sollen ihm Schuldgefühle bereiten, damit er demnächst pünktlich kommt. Wer Schuldgefühle bekommt, hat immer jemand, der sie ihm bereitet. Auch da findet ein perfektes Zusammenspiel statt.

Ich vermeide in der Ehe Perfektionismus

Seit Jahren habe ich mir angewöhnt zu sagen: »Perfektionismus ist Sünde.« Es ist eine menschliche und geistliche Zielverfehlung. Wer sie anstrebt, macht sich und den Partner unglücklich. Perfektionismus ist ein idealistisches Streben:

– ich will das Hundertprozentige zustandebringen;
– ich greife nach den Sternen;
– ich plane das Vollkommene;
– ich bin mit dem Erreichten unzufrieden.

Das Hohelied der Liebe drückt diese Unvollkommenheit, die wir täglich – auch in unserem christlichen Leben – nur zustande bringen, so aus: »Denn Stückwerk ist unser Erkennen und Stückwerk unsere prophetische Redegabe, und wenn das Vollkommene kommt, dann wird das Stückwerk ein Ende haben.« (1. Korinther 13, 9f.) Christliche Vollkommenheit ist nicht menschliche Vollkommenheit. Christliche Vollkommenheit ist eine vollkommene Verbundenheit mit Christus.

Je perfekter ein Partner sein muß, desto unzufriedener wird er. Wer seine Ziele – auf welchem Gebiet auch immer – zu hoch gesteckt hat, bleibt immer hinter seinen Erwartungen zurück. Je extremer sein Streben nach Perfektionismus, desto leichter verfällt er in Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung. Perfektionismus ist eine Alles-Oder-Nichts-Methode. Der Mensch will alles oder nichts. Er haßt den Durchschnitt und haßt das Mittelmaß. Gott hat mich lieb – so wie ich bin – reicht mir das nicht?

Ich will meinen Partner weniger an mich klammem und einengen

Ein Problem, das vielen Ehen zu schaffen macht, ist die Ausgewogenheit von Nähe und Distanz. Wahrscheinlich gehört es zu den wichtigsten Fakten im ehelichen Zusammenspiel. In der Regel erleben Mann und Frau Nähe und Distanz verschieden. Braucht der eine mehr Nähe, Wärme, Liebe, Körper- und Hautkontakt, Gespräche und Gedankenaustausch, bemüht sich der andere mehr um Distanz, Abgeschlossenheit, Sachlichkeit, Ruhe, Eigeninitiative, Unabhängigkeit und Freiheit.

Je extremer die Bedürfnisse gestattet sind, desto krasser die Probleme, die daraus erwachsen. Frauen sind oft kontaktbedürftiger als Männer. So lange sich beide Partner verständnisvoll auf Nähe und Distanz einigen können, produzieren sie keine Schwierigkeiten und Konflikte.

Ich will meine Ehe positiv sehen und nicht negativ

Kann man das überhaupt? Kann man sich vornehmen, eine Sache, eine Situation oder einen Menschen positiv oder negativ zu sehen? Kann ich meine Gedanken beeinflussen? Ich kann. Nehmen Sie ein simples Beispiel: Sie sagen (negativ): »Schade, das Glas Wein ist schon halb leer.« Oder Sie sagen (positiv): »Schön, das Glas Wein Ist noch halb voll!« Positive Gedanken oder negatives Denken bestimmen unser Leben, unsere Ehe.

In dem wunderbaren Buch von Dale Carnegie »Sorge dich nicht – lebe« steht ein Kapitel, das die Überschrift trägt: »Neun Worte, die Ihr Leben umgestalten können.« Der kaiserliche Philosoph, der das Römische Reich regierte, formulierte diese neun Worte. Sie lauten: »Unser Leben ist das, wozu unsere Gedanken es machen.«

Machen wir uns frohe Gedanken,
sind wir froh,

machen wir uns trübselige Gedanken,
machen wir uns unglücklich,

machen wir uns unnötige Gedanken,
können wir nicht schlafen,

machen wir uns Angst,
gerät unser gesamter Organismus durcheinander.

Gedanken machen heißt doch, daß wir unseren Gedanken nicht ausgesetzt sind, wir können sie lenken, zum Guten, zum Bösen, zum Hilfreichen, zum Notvollen. Es ist tatsächlich so, daß wir uns Gedanken machen, wie wir einen Kuchen machen. Können wir nicht dafür beten, daß wir erfolgsorienter und nicht fehlerorientierter leben? Wofür haben wir zu danken, wenn wir uns am Ende des Tages ins Bett legen? Was war schön, was war nützlich, was war beglückend? Mit positiven Augen gehen wir auch positiv auf den Partner zu. Eine freudige Erwartung stimuliert meine Arbeit und meine Beziehung, denn es stimmt geistlich und psychologisch: Wir handeln nach unseren Erwartungen. Eine angstvolle Erwartung blockiert. Die Erwartungsangst lahmt.

Mir geschieht nach meinem Glauben

Wir alle kennen das Wort aus dem Matthäusevangelium: »Euch geschehe nach eurem Glauben!« (Matthäus 9, 29) – »Mein Leben ist das, wozu meine Gedanken es machen.« Mein Leben ist das, wozu meine christliche Grundhaltung es macht. – Zwei Eheleute erkennen, daß ihre Ehe nicht in bester Ordnung ist. Erkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung, mehr nicht. Viele haben ihr Problem in der Ehe andiskutiert. Sie haben es nicht in Arbeit genommen. Wer ein Problem wirklich aufgreift, unternimmt konkrete Schritte. Eine Menge Leute kommen in die Beratung; sie haben ein gutes Gefühl, etwas getan zu haben. Sie wollen bestätigt werden, weil sie etwas unternommen haben. Mehr nicht. »Wasch‘ mich, aber mach‘ mich nicht naß!« Glaube ist keine intellektuelle Spekulation, der Glaube ist Tat, ist Gehorsam, ist Vertrauen. Gott schenkt dem Menschen Beistand, der sich auf ihn verläßt. Das gilt besonders für Eheprobleme, die beide Partner ernsthaft in Angriff nehmen. Denn: »Euch geschehe nach eurem Glauben.«

Ich versetze mich in den andern hinein

Ich verwende viel Zeit darauf, den andern zu verstehen. Was hat er sich bei seinen Vorstellungen gedacht? Wie ist er darauf gekommen? Was möchte er damit bezwecken? Was geht in ihm vor? Habe ich die Wünsche und Bedürfnisse des andern verstanden? Wer glaubt, den andern bis in die geheimsten Tiefen durchschaut zu haben, irrt. Wir sind keine Hellseher. Der andere kann uns vertraut sein, aber er bleibt ein Original. Was ich denke und fühle, muß er noch lange nicht fühlen und denken.

Das kostet Phantasie, Geduld und Einfühlung. Wer sich in den andern hineinversetzt, kommt nicht gleich mit Gegenargumenten. Denn meine Sicht der Dinge ist nicht seine Sicht. Jeder hat subjektiv recht. Das ist unendlich schwer zu verstehen.

Ich liebe den anderen, wie er ist

Wenn beide wissen, was der andere möchte, beginnt die Kurskorrektur bei mir. Wer den andern verändern will, liebt ihn nicht. Er handelt ungeistlich. Denn Liebe heißt: »Ich liebe dich – wie du bist und nicht, wie du sein solltest.« Wenn ich mich ändere, kann der andere nicht bleiben wie er ist. Wenn ich mich ändere, hat das Auswirkungen auf den andern. Und noch ein Satz – auch aus geistlicher Erfahrung: Wer den andern liebt, wie er ist, verändert ihn damit am meisten. Worauf ist das zurückzuführen? Wenn ich den Partner liebe, wie er ist, komme ich ihm liebevoller, freundlicher und zärtlicher entgegen. Meine Haltung besteht nicht in Vorwürfen und Kritik. Ich bringe ihn nicht in Abwehr und Spannung. Auch der Partner ist dankbar, wenn ich ihm keine Vorwürfe mache. Er hat die Möglichkeit, sein Fehlverhalten leichter zu korrigieren. Wer kritisiert, verstärkt unaufhörlich den Widerstand.

Ich bete um konkrete Einsichten

Wenn beide Partner die Hände falten und beten, hat das Gebet nur Sinn, wenn sie den Herrn bitten, ihnen konkrete Einsichten in ihr persönliches Fehlverhalten zu geben und Kraft für die konkreten Korrekturen zu schenken. Ein Gebet: »Herr, rette unsere Ehe, Amen«, ist ein schlechtes Gebet. Nicht, weil es so kurz ist. Es ist unfruchtbar, weil der Beter nicht bereit ist, sein Fehlverhalten zu ändern und sich detailliert von Christus sagen zu lassen, wo seine falschen Ehemuster liegen. Ungenaue Pauschalgebete signalisieren keinen ehrlichen Willen, sondern zeigen eher ein Feigenblatt-Verhalten. Der Beter hat sich ein bißchen sein Gewissen entlastet, aber keinen entscheidenden Schritt zur Umkehr eingeleitet.

Gebet in kritischen Zeiten der Ehe

»Vater im Himmel, du hast uns füreinander bestimmt und uns verbunden für ein ganzes Leben. Hilf uns überwinden, was uns trennen will. Lass uns erkennen, was uns das Zusammenleben schwer macht. Mach uns bereit, miteinander zu reden. Schenke uns Aufrichtigkeit und Vertrauen. Gib uns die Kraft, dass wir einander vergeben, wie du vergibst.«