Von Tieren leben lernen – Zoologie für Christen

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»Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe. Darum seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben.« – Matthäus 10, 16

Ulrich Parzany hat einmal aus der Schule geplaudert und folgendes Erlebnis berichtet: »Als Schüler bekam ich einmal an einem heißen Sommertag im Griechischunterricht einen pubertären Anfall. Ich stand auf, ging hinter den Vorhang am Fenster des Klassenzimmers und brüllte wie ein Stier. Hinter mir wurde es ganz still. Als ich wieder auftauchte, meinte unser alter Griechischlehrer: ´So, Parzany, es gibt doch merkwürdige Rindviecher in Gottes Zoo.´ Er hat sich dann redlich bemüht mich zu dressieren.«

Wenn wir in die Bibel hineinschauen, dann stellen wir fest: Rindviecher sind in Gottes Zoo gar nicht so oft zu finden, dafür sieht man um so mehr Kleinvieh. Der griechische Ausdruck, der in unserem Text für Schafe steht, bedeutet eigentlich Kleinvieh. Aber auch dieses macht bekanntlich Mist, wie die Volksweisheit sagt, und darum ist es nötig, dass Jesus Christus seine Leute in die Schule nimmt. Manchmal führt er in dieser Schule durch die Botanik, wenn er etwa von den Lilien auf dem Felde spricht. Aber hier geht es zunächst um die Zoologie.

Machen wir also einen Besuch im Glaubenszoo? Schafe werden erwähnt, Wölfe, Schlangen und Tauben. Aber Jesus Christus schickt uns nicht in den Tiergarten, wo alle Tiere aus sicherem Abstand in ihren Käfigen angeschaut werden können. Er zeigt uns Tiere in der freien Wildbahn, und da kann es ziemlich gefährlich werden.

Über das Zusammenleben von Schafen und Wölfen

»Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe.« Was für einen Sinn soll das haben?

Sollen die Wölfe von den Schafen lernen, sich etwas anständiger zu benehmen, nicht so gefräßig zu sein? Geht es also um Christianisierung der Wölfe? Oder sollen die Schafe lernen, mit den Wölfen zu heulen? Das Lamm ist zu lahm, der Wolf zu wild – ein gegenseitiger Anpassungsprozeß wäre doch pädagogisch sinnvoll. Aber natürlich hat die Aussage Jesu den klaren Sinn: Schafe werden von den Wölfen gefressen. Was sonst?

Ein Ausleger bemerkt ganz sinnig: Was Jesus Christus hier mit den Jüngern macht, sei nicht der übliche Weg, um Anhänger zu gewinnen.

Aber genau das ist der Punkt, um den es hier geht. Unbewaffnet und wehrlos leben die Jünger Jesu in einer feindlichen Umwelt unter mörderischen Gegnern. Man kann das Bild natürlich umdrehen. Das ist genau der Vorwurf, der den Christen seit alter Zeit gemacht wird: Wer Jesus Christus nachfolgt, wird lebensuntüchtig. Wer es mit ihm zu genau nimmt, der kann sich in dieser Welt nicht behaupten. Deshalb meinen viele, die wichtigste Wegweisung zum erfolgreichen Christenleben laute: Nur nicht übertreiben!

Wir wollen versuchen zu verstehen, warum Jesus Christus dieses Bild für seine Aussage gebraucht. Das hervorstechende Kennzeichen des Schafes ist seine völlige Abhängigkeit vom Hirten. Schafe streunen nicht in Rudeln wie Wölfe durch die Gegend. Wölfe brauchen keinen Hirten. Sie reißen sich ihre Beute selbst. Ihr Instinkt treibt sie vorwärts. Schafe aber sind wehrlos und völlig auf den Hirten angewiesen. Sie können sich selbst nicht schützen. Das ist die Lage.

Keiner kann sich beklagen, Jesus Christus hätte nicht deutlich gesagt, was es heißt, ihm nachzufolgen. Er hat uns nicht versprochen, dass wir ohne Schrammen durchs Leben kommen. Vielleicht empfinden wir es als Zumutung, dass Jesus Christus so mit uns redet. Es passt uns nicht, mit Schafen verglichen zu werden, aber ebenso verletzend ist es, Nichtchristen als Wölfe zu bezeichnen. Gibt es unter ihnen nicht viele gute, moralische hochstehende Menschen? Trotzdem bleibt die Tatsache bestehen: Auch in der tolerantesten Gesellschaft erregen die Christen durch ihre Andersartigkeit und Fremdheit auf die Dauer Ablehnung.

Ein Vorwurf lautet: Christen zerstören die Familie. Da entscheidet sich einer für ein Leben mit Jesus Christus und plötzlich klafft ein Riss zwischen Familienangehörigen. Man geht getrennte Wege. Der Vorwurf ist klar und scharf. Christen wurden damals wie heute als eine mögliche Gefahr für das gesellschaftliche und wirtschaftliche Gemeinwohl angesehen. Im römischen Reich gab es 60 Millionen Sklaven. Wer diese wie gleichberechtigte Menschen behandelte, der leistete wohl dem Aufstand Vorschub. Christen hielten auch Berufe für nicht annehmbar, in denen man Geld verdiente damit, dass man andere Menschen kaputt machte.

Wenn es darauf ankommt, passen Christen nicht in die Strukturen dieser Welt, und aus wohlgesitteten deutschen Schäferhunden werden reißende Wölfe. Es zeigt sich dann, dass mancher Wolf locker ein Schafsfell übergelegt hatte. Auch davor hat Jesus Christus bereits in der Bergpredigt gewarnt (Matthäus 7, 15): »Hütet euch vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe.«

Jesus Christus weiß, was er tut

Schickt Jesus Christus seine Leute auf ein Selbstmordkommando, wie die fanatischen Moslems es mit ihren Sprengladungsautos im Nahen Osten tun? Religiöse Fanatiker aber zerstören die Welt. Die Betonung in unserem Bibeltext liegt ganz am Anfang: Siehe, ich sende euch. Wenn Jünger Jesu in diese Not geraten, sollten sie wissen: Jesus Christus hat die Übersicht nicht verloren. Er weiß, was er tut. Daran braucht keiner zu zweifeln.

Jesus Christus kam in diese Welt als das Lamm Gottes, das geschlachtet wurde. Paulus sagt auch: Wir werden wie Schlachtvieh angesehen und behandelt. Aber nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes! Das ist die Aufgabe für unser Leben: Es soll ein Opfer sein zum Wohl und Heil anderer Menschen.

Es wundert mich nicht, dass wir heute in einer Krise der Sinnfindung stehen, in der viele Menschen nicht mehr wissen, wozu sie leben, weil wir nur noch fragen: Wie kann ich mich optimal entfalten? Wir haben immer nur die Wahl, entweder als Wölfe andere zu unserer Beute zu machen oder wie Schafe als Opfer für andere zu leben. Gottes Absicht mit uns ist die zweite Möglichkeit.

Jesus Christus sagt nicht, dass wir alle sofort gefressen werden. Nicht die Verfolgung ist der Maßstab dafür, ob wir auf dem richtigen Weg der Nachfolge sind. Wesentlich ist allein, dass wir mit ganzem Herzen nach Gottes Willen fragen. Schafe sind nicht dazu da, die Wärme im Schafstall zu genießen, sondern zum Opfer zu dienen. Entscheidend ist nicht, ob es uns gut geht, sondern ob Gott seinen Willen in unserm Le-ben durchsetzen kann.

Verloren sind wir nicht, wenn die Wölfe über uns kommen. Verloren sind wir nur, wenn wir den Hirten verlassen.

Eine aufregende Kreuzung

»Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben.«

Was für ein Fabeltier mag das ergeben, wenn man Taube und Schlange kreuzt? Die Schlange gilt als klug, scharf und beobachtend, sehr wendig und schnell, aber auch als hinterlistig. Die Taube erscheint als das Symbol friedlicher, vertrauensseliger Harmlosigkeit. Freilich kann damit auch Leichtfertigkeit verbunden sein.

Wo die Schlangenart alleine herrscht, schlägt sie negativ durch. Da geht es nach dem Motto: Der Zweck heiligt die Mittel. Klugheit ohne Lauterkeit setzt auch jeden faulen Trick ein. Im Jüngerkreis Jesu waren Zeloten und Zöllner vertreten. Wenn es hart auf hart ging, gebrauchten die Zeloten Gewalt. Die Zöllner verließen sich auf die Macht des Geldes und der Beziehungen. Das alles ist schlangenhafte Klugheit ohne Lauterkeit und hilft nicht, sondern zerstört die Welt.

Als David von Saul verfolgt wird und Saul ahnungslos in Davids Nähe einschläft, sind Schlange und Taube in David wirksam: Er lässt sich nicht von Rache hinreißen, schneidet einen Mantelzipfel Sauls ab, lässt ihn entkommen und beschämt ihn dann mit überlegener Offenheit.

Jesus Christus hat das Lernziel gesteckt. Er setze nicht voraus, dass seine Jünger schon alles können. Es geht jetzt darum, ob sie in seiner Schule bleiben und das Ziel erreichen wollen.

Jesus Christus sendet uns wie Schafe in die Welt und er rät uns klug zu sein wie die Schlangen aber ohne Falsch wie die Tauben, aber er überlässt uns nicht den Wölfen. Er begleitet und beschützt jeden einzelnen auf seinem Weg. Die zu ihm gehören wissen das und bekennen: Der Herr ist mein Hirte.

Pastor Lothar Leese, Remscheid