Warum nahm Gott Kains Opfer nicht an?

Kain und Abel

Warum Gott Kains Opfer im Gegensatz zu dem seines Bruders Abel nicht akzeptiert, ist aus dem Text in 1. Mose zwar nicht unmittelbar zu entnehmen, aber doch angedeutet: »Und es begab sich aber nach einiger Zeit, dass Kain dem Herrn Opfer brachte von den Früchten des Feldes. Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der Herr sah gnädig an Abel und sein Opfer; aber Kain und sein Opfer sah er nicht an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick. Da sprach er zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick? Ist‘s nicht also? Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie.« (1. Mose 4,3-7)

Es ist zwar denkbar, dass Kain nicht das richtige Opfer brachte oder es nicht in der richtigen Form geopfert hat, doch kann das nicht der eigentliche Grund der Verwerfung sein, denn Gott hatte ja noch kein besonderes Ritual oder die Art der Opfergabe vorgeschrieben. Das Opfer selbst war sowohl bei Kain als auch bei Abel vermutlich ein Erntedank-Opfer, vielleicht bereits verbunden mit der Bitte um Sühnung der Schuld. Darüber ist aber weiter nichts bekannt.

Der wichtigste Aspekt der Begebenheit scheint folgender zu sein: Gott nimmt Kains Opfer nicht an. Abels Opfer wird jedoch akzeptiert. Statt sich zu fragen, woran das liegen könnte, oder Gott zu bitten, ihm den Grund zu nennen, reagiert Kain mit Wut (vielleicht kann er sich auch sehr gut denken, woran es liegt).

Das Objekt seines neidvollen Zorns ist sein Bruder. Es ist anzunehmen, dass die geschilderte Situation schon eine längere Vorgeschichte hat. Kain ist eifersüchtig auf Abel und dessen Ansehen bei Gott und vielleicht auch bei den Eltern. Die Darbringung des Opfers ist davon schon vorbelastet. Gott weiß um den Hass Kains gegen seinen Bruder, und das genau ist der Grund, warum Gott sein Opfer nicht akzeptiert. Kain hat bereits während der Darbringung seines Opfers nur den eigenen Vorteil und Böses im Sinn.

Gott spricht in seiner Antwort an Kain nämlich nicht nur Kains Zorn wegen der Zurückweisung seines Opfers an, sondern warnt ihn vor weiterem unrechtem Handeln. Er entlarvt sozusagen Kains Hintergedanken. Der senkt den Blick – eine Geste, die zeigt, dass er etwas vor Gott zu verbergen hat. Gott weiß, dass Kain Böses getan oder gedacht hat und weiter Böses tun will und es ihm eigentlich gar nicht um sein Dankopfer geht: »(…) nicht wie Kain, der von dem Bösen stammte und seinen Bruder umbrachte. Und warum brachte er ihn um? Weil seine Werke böse waren [und das schon vor dem Opfer!] und die seines Bruders gerecht« (1. Johannes 3,12).

Deshalb kann man die Verweigerung von Kains Opfer auch als Gottes letzte (und nicht erste) Warnung an ihn verstehen, um ihn von seinen Plänen abzuhalten. Gott warnt vor der lauernden Sünde, die Kain regelrecht belagert. Er fordert Kain auf, über die Sünde zu herrschen, damit er nicht von ihr beherrscht und bezwungen wird.

Kains innere Einstellung zu seinem Bruder und sein Unglaube werden auch im Hebräerbrief nochmals beschrieben: »Durch den Glauben hat Abel Gott ein besseres Opfer dargebracht als Kain; deshalb wurde ihm bezeugt, dass er gerecht sei, da Gott selbst es über seinen Gaben bezeugte« (Hebräer 11,4).

 

(c) Winfried Borlinghaus, Nikodemus