Warum wir unsere Kinder taufen lassen

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»Die Kindertaufe ist eine Verhöhnung der christlichen Taufe.« Dieses Zitat von Menno Simons findet sich ausgerechnet in einem Kinderbuch (in „Das Glück des Verräters“, auf S. 38). Mein Kind hat es gelesen. Mein Kind ist getauft. Und es hat mich gefragt. Natürlich haben wir über die Taufe gesprochen. Aber ich nehme das hiermit auch zum Anlass, unsere Stellungnahme, die wir damals nur für den kleinen Kreis verfasst hatten, zu veröffentlichen. Lange war meine Überzeugung, über diese Frage regelmäßig hinwegzusehen, man will ja keine Spaltung. Aber dieses Zitat, in diesem Buch, gelesen von meiner Tochter, hat meine Meinung geändert.

Warum wir unsere Kinder taufen lassen

Jahrelang habe ich (der Vater) meine eigene Taufe hinterfragt und daher viel über die Taufe gelesen und nachgedacht. Auch im Blick auf unsere Kinder mussten wir nun eine Antwort auf die Tauffrage finden. Wir sind schließlich zu der Überzeugung gekommen, dass die Taufe der Kinder gläubiger Eltern richtig ist.

Wir respektieren unsere Geschwister im Glauben, die das anders sehen. Die Gemeinde darf Eltern natürlich nicht zur Taufe ihrer Kinder nötigen. Genausowenig sollte die Volkskirche die Kinder ungläubiger Eltern taufen, selbst wenn diese es wünschen.

Die Gemeinde Jesu Christi ist in der Tauffrage gespalten. Das geschieht, obwohl das Wort Gottes sagt: “So ermahne ich euch nun, … daß ihr … eifrig bemüht seid, die Einheit des Geistes  zu bewahren durch das Band des Friedens: Ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe; ein Gott und Vater aller, über allen und durch alle und in euch allen.” (Eph 4:1-6)

Die Taufe ist also Zeichen unseres gemeinsamen Bundes mit Gott und markiert so eigentlich die Einheit der Christen in aller Welt. In der Praxis werden jedoch ‘Bekehrtentaufe‘ und ‘Säuglingstaufe’ gegenübergestellt. Mit beiden Ansichten haben wir uns auseinandergesetzt.

Die zentrale Frage ist: “Muss der Täufling selbst beim Empfang der Taufe schon bekehrt sein, d.h. seinen eigenen bewussten Glauben haben, oder nicht, damit die an ihm vollzogene Taufe gültig ist?” Für die Bekehrtentaufe gilt die folgende Argumentation: In Bibelstellen wie z.B. Markus 16:16 heißt es: “Wer glaubt und getauft wird, der wird gerettet.” Da der Glaube als erstes genannt wird, muss er der Taufe vorangehen.

Das Argument ist aber nicht zwingend, da das Wort ‘und’ keine Reihenfolge mit sich bringt. Ansonsten müsste man nach Matthäus 28:19-20 in der Mission die Menschen zunächst taufen und dann erst lehren (z.B. über die Taufe selbst). [Streng übersetzt heißt es: “…machet zu Jüngern…, indem ihr sie tauft und lehrt.”]

Ein grundlegender Unterschied im Taufverständnis liegt auch in der Frage: “Wer handelt in der Taufe, der Täufling oder Gott?” Aus baptistischer Sicht ist die Taufe das Bekenntnis einer inneren Entscheidung, und damit ist die Taufe ein rein symbolischer Handlungsakt. Aus reformatorischer Sicht ist die Taufe im Wesen nach ein Handeln der Gnade Gottes.

Nach Luther hat Gott seinen Namen in die Taufe hineingegeben, wenn er sagt: “… und tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.” (Mt 28:19) Wenn also der Name Gottes und das Wort Gottes in der Taufe sind, ist die Taufe nicht ein kraftloser symbolischer Akt, sondern Handeln Gottes.

“Wasser tut’s freilich nicht, sondern das Wort Gottes, so mit und bei dem Wasser ist, und der Glaube, so solchem Worte Gottes im Wasser trauet.” (kleiner Katechismus)

Dieses Prinzip sehen wir auch in der Taufe Jesu. Als Jesus getauft wird, geht er stumm ins Wasser und kommt stumm wieder heraus. Nicht Jesus bekennt, sondern Gott bekennt: “Dies ist mein geliebter Sohn.” (Mt 3:17) In der Taufe Jesu handelt Gott der Vater.

Die Taufe ist sicher auch ein öffentliches Bekenntnis, aber das ist es nicht nur. Warum aber nun die Säuglingstaufe? Im Alten Testament war die Beschneidung das ‘Zeichen des Bundes’, im Neuen Testament ist dies parallel dazu die Taufe. Die Bibel sagt:

“In ihm (Christus) seid ihr auch beschnitten mit einer Beschneidung, die nicht von Menschenhand geschehen ist (=> alter Bund), durch das Ablegen des fleischlichen Leibes der Sünden, in der Beschneidung des Christus (=> neuer Bund), da ihr mit ihm begraben seid in der Taufe.” (Kol 2:11f.)

Das Zeichen der Beschneidung war das “Siegel der Gerechtigkeit des Glaubens.” (Röm 4:11; über Abraham) Die Beschneidung war also verbunden mit dem Glauben an Gott. Beschnitten wurden aber nicht nur diejenigen, die ihren Glauben öffentlich bekannten, sondern alle männlichen Nachkommen schon am achten Lebenstag. Dies galt auch für die Säuglinge der erkauften Sklaven. (1.Mo 17:10-14)

Gott sieht den Menschen im Zusammenhang seines Volkes und seiner Familie. Im Alten Testament wurden alle beschnitten, weil sie zum Bundesvolk gehörten. Im Neuen Testament werden alle getauft, weil sie zur Gemeinde gehören, auch die Kinder.

In 1.Korinther 7:14 wird dies bestätigt: “Denn der ungläubige Mann ist geheiligt (nicht: gerettet!) durch die Frau, und die ungläubige Frau ist geheiligt durch den Mann; sonst wären ja eure Kinder (!) unrein, nun aber sind sie heilig.”

Im Heidelberger Katechismus steht zu Frage 74: “Soll man auch die kleinen Kinder taufen?” “Ja, denn sie gehören ebenso wie die Erwachsenen in den Bund Gottes und seine Gemeinde…”

Die Kinder der Gläubigen werden in das Reich Gottes hineingeboren und sollen deshalb auch getauft werden. In diesem Sinne sind auch die sogenannten ‘Haustaufen’ zu verstehen. Die Familien wurden in das Reich Gottes hineingetauft, unabhängig davon, ob zu den Häusern des Kornelius (Apg 11:14), der Lydia (Apg 16:14f.), des Kerkermeisters (Apg 16:33) und des Stephanas (1. Kor 1:16) nun Säuglinge gehörten oder nicht.

Jeremias schreibt: “Wir müssen uns, wollen wir biblische Texte recht verstehen, radikal freimachen von modernem individualistischem Denken und uns insbesondere vor Augen halten, dass die im Hausvater repräsentierte Familie in alter Zeit viel stärker als heute als Einheit empfunden wurde.” (Joachim Jeremias, “Hat die Urkirche die Kindertaufe geübt?”, Göttingen 1949, S. 23)

Wir können davon ausgehen, dass die Säuglingstaufe von der Zeit der Apostel an ganz selbstverständlich praktiziert wurde. Um 200 n.Chr. ist die Säuglingstaufe als fester Brauch bezeugt. (s. Jeremias) Wäre dies entgegen der apostolischen Lehre geschehen, würde man sicher eine Reaktion im Schrifttum finden, was nicht der Fall ist.

Auch die ‘Besprengungstaufe’ wurde schon früh praktiziert, wenn es nicht anders ging. In der frühen Kirchenordnung um 100 n.Chr. ist überliefert:

“Tauft folgendermaßen: Nachdem ihr vorher dies alles mitgeteilt habt, tauft auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes in lebendigem Wasser! Wenn dir aber lebendiges Wasser nicht zur Verfügung steht, taufe in anderem Wasser! Wenn du es aber nicht in kaltem kannst, dann in warmem! Wenn dir aber beides nicht zur Verfügung steht, gieße dreimal Wasser auf den Kopf im Names des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes.” (Didache 7, 1-3)

Wie Luther gesagt hat, ist das Wasser nur Wasser und bewirkt nichts ohne Gott. [Die Taufe durch Untertauchen ist natürlich die symbolisch reichere und klarere Form. Manchmal fehlt dazu aber der Ort, dann sollte die Taufe nicht daran scheitern.]

Unsere Kinder sind in die – äußere – Gemeinde Jesu Christi hineingeboren worden. Sie empfangen die Taufe als Zeichen der Zugehörigkeit zu dieser Gemeinde. Mögen alle Christen sie freundlich aufnehmen, wie Jesus Christus es auch tut.

“So ermahne ich euch nun, … daß ihr … eifrig bemüht seid, die Einheit des Geistes  zu bewahren durch das Band des Friedens: Ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe; ein Gott und Vater aller, über allen und durch alle und in euch allen.” (Eph 4:1-6)

Praktische Überlegungen und Erfahrungen – ein Update

Den obigen Teil dieses Beitrags habe ich im Januar 2007 geschrieben, z. Zt. der Taufe unserer Tochter. Seitdem – wir sind im Jahr 2017 – habe ich viele Gespräche geführt, Erfahrungen gesammelt, nachgedacht, unsere Kinder im Glauben erzogen.

Aus praktischer Sicht stellt sich die zentrale Frage, ob unsere Kinder zur Gemeinde gehören oder nicht. Stellt sich die nächste Frage nach dem Glauben an Jesus Christus, dann automatisch auch die Gegenfrage: Was sollen die Kinder denn sonst glauben außer das, was die Eltern sie Tag für Tag lehren? Unsere Kinder kennen die biblische Lehre und glauben auch daran, sie haben nie etwas anderes bezeugt. Auch können sie keinen ‚Bekehrungstag‘ nennen. Sie wissen von ihrer Sünde und von Jesu Opfertod.

Was aber passiert in vielen Gemeinden? Gläubige Kinder werden gelehrt, sie müssen sich ‚bekehren‘ (und das – bald – auch in der Taufe ‚bezeugen‘). Allerdings dürfen sie das erst ab einem Alter, von dem man annimmt, dass die Kinder eigene Entscheidungen treffen können. Bis dahin wird ihnen gesagt (und beim Abendmahl auch gezeigt), dass ihnen noch etwas ‚fehlt‘. Unser Sohn antwortete richtig: „Ich gehöre bereits zu Jesus.“ Warum? Weil wir lehren: „Ihr seid gerettet.“ Die Alternative: „Ihr seid gerettet, wenn ihr Euch (später, im zur eigenen Entscheidung fähigen Alter) zu Jesus Christus bekehrt.“

Gläubige Eltern gehen davon aus, dass ihre Kinder in der sog. Pubertät den Weg der Gottlosen gehen werden, um sich dann – hoffentlich – zu Gott zu bekehren. Aber muss das sein? Natürlich werden die Kinder (wie die Eltern) immer wieder sündigen, wir müssen täglich unsere Entscheidungen treffen. Und doch glauben wir, dass Gott sie gnädig führt.

Warum sonst beten wir für unsere Kinder? Als Alternative zur Säuglingstaufe wird die ‚Kindersegnung‘ praktiziert und für den Säugling wird gebetet. Warum aber, wenn wir davon ausgehen, dass das Kind (später) soundso seine eigene Entscheidung treffen muss? Wir beten, weil wir glauben, dass Gebet einen Unterschied macht. Aus demselben Grund aber lassen wir unsere Kinder taufen – weil wir glauben, dass Gott den Unterschied macht. Wir berühren hier die Frage nach der Souveränität Gottes und der Verantwortung des Menschen. Wenn wir die menschliche Entscheidung überbetonen, nehmen wir Gott die Ehre und verleugnen, dass letztlich auch der Glaube eine Gnadengabe ist. (Eph 2:8)

Am Ende ein Wort zur Statistik:

In Deutschland unterscheidet man zwischen ‚Landeskirche‘ und ‚Freikirche‘. Etwa deckungsgleich unterscheidet man dann zwischen ‚Säuglingstaufe‘ und ‚Bekehrtentaufe‘ und impliziert dabei, dass erstere – offensichtlich unbiblisch – nur von der Landeskirche praktiziert wird. Eine biblische Praxis der ‚Säuglingstaufe‘ wird nicht mehr gesehen. Ganz anders in Korea, wo es gar keine Landeskirche gibt. Die ‚Presbyterian Church‘ ist eine große, biblisch gesunde Freikirche und praktiziert die Säuglingstaufe. (Dort ist 2004 unser Sohn getauft worden.)

Wir möchten keine Spaltung, sondern Einheit. Nicht dadurch, dass wir andere von unserer Position überzeugen. Aber hoffentlich dadurch, dass man uns respektiert.

„Denn euch gilt die Verheißung und euren Kindern…“ – Apg 2:39

 

Anmerkung: Vieles aus der Stellungnahme ist den Worten von Herrn Tscharntke entnommen, in Die biblische Taufe. An dieser Stelle herzlichen Dank an ihn für diesen Dienst an uns!


Literatur zum Thema:

Ernst Modersohn, Soll ich mich noch einmal taufen lassen

Anm.: Ich verweise nicht auf eine ökumenische Buchhandlung, sondern auf den Verlag des Büchleins. Seit meinen Erfahrungen als Buchhändler mache ich das grundsätzlich so. Zeltmacher Leser wissen, dass wir uns von der Ökumene distanzieren. Es ist sehr traurig, dass ich das dazu schreiben muss, aber es wird gerade von allen Seiten geschossen…

Die Logik ist allerdings ähnlich falsch wie die zur Kindertaufe. Ein Buch ist nicht schlecht, weil die Buchhandlung schlecht ist, in der es verkauft wird. Genauso ist die Kindertaufe nicht einfach deshalb falsch, weil die Landeskirche Kinder tauft. Nach einer solchen Logik dürften wir auch das Abendmahl nicht mehr feiern, weil es die Landeskirche auch tut.

An alle, die mir zukünftig noch Kritiken zukommen lassen möchten: Wenn Sie mich einfach nur irgendwie zum Schweigen bringen möchten, dann werden Sie es so nicht schaffen. Lesen Sie diesen Beitrag, die Beiträge unter den Links und das Büchlein von Herrn Modersohn. Wenn ich dann sehe, dass Sie sich mit der Sichtweise ernsthaft auseinandergesetzt haben, wenn Sie biblisch nachvollziehbare Einwände zur Position haben, dann nehme ich Sie ernst.

Die letzte Email ging in etwa so: „Weil die Position unbiblisch ist, will ich sie gar nicht erst kennenlernen.“ Ach so. Und wie kann man dann entscheiden, ob sie unbiblisch ist?


Bild: Anstecknadel der deutschen Baptisten, Wikimedia / GregorHelms (CC BY-SA 3.0)

 

„Hau ab, du eingebildeter Theologe!“ – ein Nachtrag

Nach den z.T. heftigen Reaktionen auf den Newsletter und den Artikel muss hier noch ein Nachtrag folgen. Wahrscheinlich fühlen gerade jene sich angegriffen, die sich zum zweiten Mal haben taufen lassen. Und jetzt? Meiner (!) Meinung nach ist das nicht tragisch und dann sogar richtig, wenn die Kindertaufe ohne den Glauben der Eltern durchgeführt wurde. Ich freue mich über jeden, der dem Herrn Jesus Christus heute von Herzen nachfolgen will.

Der obige Beitrag ist meinen Kindern gewidmet. Sie haben Kindergottesdienste besucht, in denen ihnen gesagt wurde, sie müssten sich später noch einmal taufen lassen, sich vorher aber noch – echt, freiwillig – bekehren. Sie haben gelernt, dass sie (1) noch nicht dazu gehören und (2) später noch etwas „machen“ müssen. Ich habe es als Kind z.T. selbst erfahren.

Kürzlich haben wir einige Monate lang eine große Baptistengemeinde besucht. Alles war wunderbar, bis auf die Tauffrage. Beim Abendmahl ist die halbe Gemeinde sitzengeblieben, regelmäßig. Viele waren immer im Gottesdienst, aber (noch) nicht großgetauft. Insbesondere die Kinder und Jugendlichen wurden so – ganz offensichtlich – von der Gemeinschaft ausgeschlossen. Und wer sich schließlich taufen lassen wollte (oder dazu gedrängt wurde: „Du bist jetzt alt genug, die Zeit ist gekommen“), musste zuerst im Interview darlegen, ob er auch seinem bekannten Glauben gemäß lebt. Vor der großen Gemeinde wird dann nochmal „bekannt“, was für viele eine echte Leistung ist. Glaube – Werke – Taufe. Die Taufe als Lohn, nicht als Geschenk. Das ist Werkgerechtigkeit und fern des reformatorischen Glaubens.

 

Zum Schluss noch der Hinweis auf eine detaillierte Ausarbeitung eines Bruders zum Thema inkl. der wohl zentralen Frage, wer bei der Taufe eigentlich im Mittelpunkt steht.