Was Väter bedenken sollten!

Vater-Sohn

Was hätte ich anders machen sollen? »Wenn deine Kinder noch einmal klein wären, was würdest du tun?« Diese Worte brachen aus dem brennenden Herzen eines Vaters, der mir gegenüber saß. Seine Augen baten um Hilfe. Er litt an dem furchtbaren, leeren, lähmenden Gefühl eines Mannes, dessen Sohn sich verirrt hat. Er hatte das Gefühl, als Vater versagt zu haben. Seine Worte bewegten mich. Obwohl sie mich an jenem Tage direkt und unvermittelt trafen, ist dieser Vater keine Seltenheit. Seine Fragen bewegen unendlich viele Paare, wenn sie ihre Elternschaft ernst nehmen. Ich habe über diese Frage nachgedacht und einige Anregungen zusammengestellt.

1. Mehr lieben

Wenn ich mit meiner Familie noch einmal anfangen könnte, würde ich die Mutter meiner Kinder mehr lieben. Das heißt, ich würde freier sein, ihr meine Liebe auch vor den Kindern zeigen. Um mein Kind wissen zu lassen, dass ich seine Mutter liebe, würde ich versuchen, kleine liebe Dinge für sie zu tun. Wahre Liebe kann man sehen. Ich würde ihr besondere Freundlichkeiten zeigen:

• die Autotür öffnen
• beim Platz nehmen am Tisch behilflich sein
• bei besonderen Gelegenheiten kleine liebe Geschenke machen
• liebe Briefe schreiben zu Hause
• ich würde ich ihre Hand nehmen, wenn wir spazieren gehen
• ich würde meinen Kindern liebe Worte über sie ins Ohr sagen
• ich würde sie in Gegenwart meiner Kinder loben.

Wenn ein Kind weiß, dass die Eltern sich lieben, dann bedeutet das Sicherheit, Beständigkeit und Geborgenheit für ihr Leben, wie sie auf keinem anderen Wege zu erreichen sind. Ein Kind, das weiß, dass die Eltern sich lieben, und erlebt, wie sie einander Worte der Liebe bekunden, braucht nur wenig Erklärung über Gottes Wesen der Liebe oder über die Schönheit der Sexualität.

Klingt das alles sentimental? Dann bin ich überzeugt, dass viele Familien mehr von dieser Art der Sentimentalität benötigen. Liebe gleicht einer Pflanze. Sie braucht Nahrung. Wir müssen alles tun, was die Liebe gebietet, oder sie stirbt.

2. Mehr Zuhören

Wenn ich mit meiner Familie noch einmal anfangen könnte, würde ich mehr zuhören. Vielen Vätern fällt das Zuhören schwer. Wir sind mit unserer vielen Arbeit belastet. Wenn wir abends nach Hause kommen, sind wir müde. Zu dem Zeitpunkt erscheint uns das Reden eines Kindes wie ein unbedeutendes Geplapper, und doch können wir durch Zuhören viel mehr lernen als durch Reden, besonders wenn es um unsere Kinder geht.

Ich würde zuhören, wenn mein Kind mir seine kleinen Nöten und Leiden mitteilt, seine Freuden und worüber es sich erregt. Ich würde versuchen, es nicht ungeduldig zu unterbrechen. Bei solchen Gelegenheiten kann man am besten seine Liebe und Freundlichkeit zeigen.

Ich erinnere mich genau, als wäre es gestern gewesen, wie mein vielbeschäftigter Vater mir einmal zuhörte. Ich war damals Erstklässler, kam erschrocken über die Situation in der Schule nach Hause. Seine Ruhe und Anteilnahme, die er durch sein Zuhören bekundete, milderte meine Furcht. Ich war bereit, am nächsten Tag mutig und vertrauensvoll in die Schule zurückzukehren. Hätte er einfach gesagt, meine Furcht sei töricht, oder wäre er nicht bereit gewesen, mir zuzuhören, wäre meine Furcht noch gewachsen.

Wenn mein Kind noch einmal klein wäre, würde ich die Zeitung beiseite legen, wenn es mit mir reden möchte. – Abends wollte ein kleiner Junge seinem Vater eine Schramme an seinem Finger zeigen. Nach wiederholten Versuchen, die Aufmerksamkeit des Vaters zu erlangen, unterbrach der Vater sein Lesen und sagte ungeduldig: »Kann ich denn daran was ändern?« – »Doch, Papa«, sagte der kleine Junge. »Du hättest sagen können ´Oh´!«

Ich würde auch versuchen, weniger geistesabwesend in die Luft zu gucken, wenn mein Kind mit mir spricht. Ich würde mich bemühen, zu verstehen, was mein Kind sagt, weil ich heute davon überzeugt bin, dass ein Vater, der seinem kleinen Kind zuhört, später im Leben ein Kind haben wird, das darauf achtet, was sein Vater sagt. Ein Vater, der sich Zeit nimmt zu verstehen, was ein kleines Kind sagt, wird auch später in der Lage sein, sein Kind zu verstehen.

Beim Hören würde ich mehr Aufmerksamkeit für die Fragen meines Kindes aufbringen. Man hat geschätzt, dass ein Kind in durchschnittlich 500 000 Fragen in den ersten fünfzehn Lebensjahren stellt. Welch eine Gelegenheit und welch ein Vorrecht für alle Eltern, eine halbe Million mal etwas über die Bedeutung des Lebens mitzuteilen!

Diese jungen Jahre sind die Jahre der Belehrung. Wenn die Kinder das fünfzehnte Lebensjahr erreicht haben, ist die Belehrung weithin zu Ende. Sie wissen dann genau, wie die Eltern denken. Von der Zeit an haben die Eltern im allgemeinen nur noch die Möglichkeit, den Kindern zu helfen, wenn diese darum bitten.

3. Zusammengehörigkeit festigen

Wenn ich mit meiner Familie noch einmal anfangen könnte, würde ich mehr Gelegenheiten suchen, die meinem Kind das Gefühl der Zugehörigkeit vermitteln. Das Empfinden der Zugehörigkeit ist bedeutsam für die Selbstsicherheit und das Wertgefühl eines Kindes. Wenn ein Kind fühlt, dass es zu seiner Familie gehört und dort wirklich geachtet wird, ist es kein weiter Schritt mehr, sich ebenfalls von anderen und von Gott anerkannt, geliebt und geschätzt zu wissen.

Wie werden Empfindungen der Zugehörigkeit hervorgerufen? Indem man gemeinsam etwas unternimmt. Ein Kind empfindet seine Zugehörigkeit, wenn es aufgefordert wird, an den Verantwortungen und Arbeiten einer Familie teilzuhaben. Eine Geburtstagsfeier schafft das Empfinden der Zugehörigkeit, wenn die Person mehr im Mittelpunkt steht als die Geschenke. Das Empfinden der Zugehörigkeit wird in einem Kind erzeugt, wenn es hört, dass wir für es beten, wenn wir seine Meinungen anhören und ernst nehmen. Nichts ist in der Kindererziehung wichtiger, als dem Kind durch Wort und Tat zu versichern, dass es für die Familie wichtig sei, und dass man ihm in der Familie Zuneigung entgegenbringt.

4. Mehr Anerkennung und Lob

Wenn ich mit meiner Familie noch einmal anfangen könnte, würde ich mehr Anerkennung und Lob aussprechen. Kinder werden getadelt, wenn sie Fehler machen. Doch viele Kinder hören selten Lobesworte und Ermutigung, wenn sie eine Aufgabe gut erfüllten oder ein gutes Benehmen zeigten.

In der Diskussion über das Thema »Wenn ich einen Teenager hätte«, sagte ein kluger Vater: »Ich würde Lob schenken. Wenn der Junge Trompete bliese, würde ich versuchen, wenigstens eine Note zu finden, die in meine Ohr gut klingt, und ich würde ihm ein aufrichtiges gutes Wort darüber sagen. Wenn der Schulaufsatz nach meinem Geschmack wäre, würde ich es dem Kind sagen, in der Hoffnung, dass es eine gute Note erhält, wenn es ihn abgibt. Wenn seine Wahl eines Hemdes oder einer Krawatte oder von Socken, Schuhen oder irgendeines anderen Dinges meinen Geschmack träfe, würde ich es laut sagen.«

Wahrscheinlich ermutigt ein Kind nichts so sehr, das Leben zu lieben, sich zu bemühen, Leistungen zu erbringen und Vertrauen zu gewinnen, wie angemessenes, aufrichtiges Lob. Damit ist nicht Schmeichelei gemeint, sondern ehrliches Lob, wenn es Lob verdient hat.

5. Mehr Zeit miteinander verbringen

Wenn ich mit meiner Familie noch einmal anfangen könnte, würde ich mehr Zeit gemeinsam mit der Familie verbringen.

In jeder Woche stehen dem Vater 168 Stunden zur Verfügung: 7 Tage X 24 Stunden. Wahrscheinlich arbeitet er davon 40 Stunden. Rechnen wir noch 15 Stunden für Überstunden, Mittagessen und Fahrt zum Arbeitsplatz und zurück dazu. 56 Stunden braucht er zum Schlafen. Dann bleiben einem Vater 57 Stunden in der Woche für andere Dinge. Wie viel Stunden davon stehen der Familie wirklich zur Verfügung?

Jemand berichtet aus seiner Jugendzeit eine interessante Erfahrung: »Als ich etwa dreizehn Jahre alt war und mein Bruder zehn, hatte uns der Vater versprochen, mit uns in den Zirkus zu gehen. Aber während des Essens kam ein Anruf. Wegen einer dringenden Geschäftsangelegenheit musste er in die Stadt. Mein Bruder und ich bestärkten uns gegenseitig in der Enttäuschung. Dann hörten wir den Vater sagen: ´Nein, ich werde nicht kommen. Das kann aufgeschoben werden.´ Als er zum Tisch zurückkam, lächelte die Mutter: ´Der Zirkus kommt noch mal wieder.´ – ´Ich weiß´, sagte der Vater, ´aber die Kindheit nicht.´«

Ein prominenter Geschäftsmann fragte einen Freund: »Möchtest du gerne wissen, was ich meinem Sohn zu Weihnachten schenken werde?« Er zeigte ihm ein Stück Papier, auf das er geschrieben hatte: »Meinem Sohn. Ich gebe dir eine Stunde in jeder Woche und zwei Stunden an jedem Sonntag, die du nach deinen Wünschen gestalten kannst.«

6. Mehr lachen

Wenn ich mit meiner Familie noch einmal anfangen könnte, würde ich mehr lachen. Wirklich. Ich würde mehr mit meinem Kind lachen. – Oscar Wilde schrieb: »Das ist das Beste, das man für eine Entwicklung der Kinder tun kann, um sie glücklich zu machen!« Jetzt sehe ich ein, dass ich viel zu ernst war. Meine Kinder lachten gerne, doch ich habe wohl zu oft den Eindruck erweckt, dass Eltern recht geplagte Menschen seien.

Ich erinnere mich, wie ich mit meinen Kindern lachte

• bei den spaßigen Spielen, die sie aus der Schule mitbrachten,
• wenn ich auf ihre Tricks und Fangfragen hereinfiel,
• an die Freudenschreie, wenn ich mit ihnen lachte und ihre Kunststücke auf dem Rasen oder auf dem Fußboden im Wohnzimmer bewunderte.

Als unsere Kinder über ihre Erlebnisse aus ihrer Kindheit mit mir nach Jahren sprachen, wurde mir bewusst, dass dadurch die Liebe wuchs und die Tür für viele andere gemeinsamen Dingen offen war, wenn ich mit meinen Kindern lachte.

7. Treue in »kleinen Dingen«

Als Antwort an den Vater, der mir am Tisch gegenüber saß, habe ich diese Überlegungen aufgeschrieben. Diese einfachen Vorschläge können zu unseren Kindern ein Verhältnis schaffen, das bedeutungsvoller ist und die Zukunft eines Kindes mehr beeinflusst als andere Dinge, die eine Menge Geld kosten oder außergewöhnlichen Scharfsinn erfordern.

Wir setzen sehr viel ein, um die großen Dinge des Lebens in den Griff bekommen, aber vergessen, dass das Leben weithin aus den kleinen Dingen besteht. Und doch ist es die Treue eines Vaters in den kleinen Dingen, die über das Glücklichsein seiner Kinder entscheidet.

 

Literatur:
John M. Drescher in »Themen der Zeit«, Hamburg