Was verstehen wir unter »Glaube«?

Haende-Vertrauen

Gibt es in der deutschen Sprache wohl einen Begriff, der eine größere Breite von Bedeutungen erreicht als das Wort »Glaube«? Ohne Frage: »Glaube« ist heute ein in vielen Farben schillernder Begriff geworden. Je nach seinem Zusammenhang kann er einen positiven oder einen negativen Sachverhalt ausdrücken: Ein Hoffen und Befürchten, etwas, das Freude bringt oder in Angst stürzt.

Wenn wir tiefer graben und nach seinem Bedeutungsgehalt fragen, stoßen wir darauf, dass der Begriff »Glaube« immer mit dem Grund unseres Seins zu tun hat, mit dem Halt, den man fürs Leben braucht, mit Vergewisserung. Nun kann man diesen Halt auf sehr verschiedenen Wegen und an ganz unterschiedlichen Orten suchen. Man kann vieles »»Glauben««, vieles zum Inhalt seines »Glaubens« machen: materielle Werte, eine philosophische Überzeugung, eine politische Ideologie, natürlich auch eine Religion.

Schlagen wir die Bibel auf und suchen dort nach dem Stichwort »Glaube«, so begegnen wir ihm auf Schritt und Tritt. Fast auf jeder Seite spricht vor allem das Neue Testament vom »Glauben«. Dabei können wir schon bei flüchtiger Betrachtung erkennen, dass sich der Glaube in der Bibel nicht auf einen Gegenstand, auch nicht auf eine Idee richtet, sondern an einer Person festmacht.

Es geht hier immer um den »Glauben« an den lebendigen Gott, um den »Glauben« an Jesus Christus. Er ist Grund, Inhalt und Ziel des christlichen »Glaubens«, er allein. Von diesem »Jesus Christus« und dem »Glauben« an ihn erzählt das Neue Testament in immer neuen Variationen.

Keine Fähigkeit

„Wenn ich doch auch »Glauben« könnte!“ Ungezählte kennen diesen Stoßseufzer, wenn sie Geschichten aus der Bibel hören oder lesen, die von Menschen berichten, die zum »Glauben« an Jesus gefunden haben. „Ich möchte so gerne »Glauben«, aber ich kann nicht. Ich weiß nicht, woran es bei mir hängt. Es klappt einfach nicht. Wie viele Anläufe habe ich schon genommen – aber ich schaffe es nie!“

Sollen wir es eigentlich schaffen? Nein, das sollen wir nicht! Denn wenn wir das könnten, wäre das »Glauben« eine Fertigkeit, wie es viele andere gibt, eine Fähigkeit, die in unserer eigenen Verfügung steht, die wir uns aneignen, angewöhnen oder anerziehen können. Man kann das »Glauben« nicht lernen, wie man Klavierspielen lernt oder das kleine Einmaleins.

Mit dem »Glauben« geht es anders zu. „Solchen »Glauben« habe ich in Israel bei keinem gefunden“ – hat Jesus zu dem römischen Hauptmann in Kapernaum gesagt, als dieser in höchster Not sein Vertrauen ganz auf das Wort Jesu setzte (Matthäus 8, 10). Und er hat damit eindeutig eine Reihe von Missverständnissen über den »Glauben« abgewiesen: den »Traditionsglauben«, den »Vernunftglauben«, den »Leistungsglauben«.

Mit dem »Glauben« verhält es sich anders. Er ist nichts, was Menschen aus sich selbst hervorbringen könnten, nichts, das man vererbt bekommt, nichts, was man durch Grübeln oder Forschen, durch Rennen oder Laufen erfahren kann. Das »Glauben« liegt außerhalb unserer menschlichen Möglichkeiten. Es ist Gottes Werk, wenn ein Mensch zum »Glauben« findet und sich im Vertrauen an Jesus hält. Es ist eine Frucht des Heiligen Geistes, ein Geschenk aus Gottes Hand.

Der Mensch kann sich gegen diese Gabe sperren, er kann ihr sein »Annahme verweigert!« entgegensetzen – oder er kann sie annehmen: »Ich danke dir, du wahre Sonne, dass mir dein Glanz hat Licht gebracht.« – »Gott ist´s, der es schafft« – dieser Satz aus einem Lied von Philipp Friedrich Hiller gilt zwar für den »Glauben« von Anfang bis Ende. Aber der Mensch ist dabei, er ist beteiligt; das »Glauben« vollzieht sich nicht ohne ihn, ohne seinen Willen, ohne sein Gewissen.

Die Bibel definiert den »Glauben« nicht, sie demonstriert ihn. Selbst beim einzigen, übrigens unvollständigen Versuch einer Definition (Hebräer 11, 1) folgt sofort ein langes Kapitel mit Beispielgestalten des »Glaubens«. „Durch den »Glauben« …“, das zieht sich als stereotype Wendung durch das sogenannte »Hohelied des Glaubens« (Hebräer 11). Weniger durch Worte, mehr durch Beispiele und Geschichten zeigt die Bibel, was »Glauben« heißt.

Abrahams Glaube

Im Alten Testament begegnet uns das Geschehen des »Glaubens« am eindrücklichsten in der Gestalt des Abraham. Am Anfang seines Glaubensweges steht ein Ruf, der ihn von außen trifft (1. Mose 12, 1-3) und der ihn zum Aufbruch aus dem Gewohnten führt. Das Hören auf diesen Ruf, das Antworten, das Gehorchen (das immer den ganzen Menschen umfasst!) – nennt das Alte Testament »Glauben«.

Glaube ist die Antwort des Menschen auf den Ruf Gottes, der an ihn ergeht. Wer glaubt, vertraut sich Gott an, dessen Wort er gehört hat. So ist das »Glauben« nicht ein intellektuelles Gedankenspiel, sondern eine Beziehung persönlichen Vertrauens. Das zeigt auch das hebräische Wort für »Glauben«; es bedeutet: »Ergreifen, festhalten, sich festmachen«, und hat (wie übrigens auch der entsprechende griechische Begriff) den gleichen Wortstamm wie »Treue«, »Verlässlichkeit«.

Abraham macht sich fest in der Treue Gottes. Dieses Vertrauen hält er durch, auch in Schwierigkeiten und Anfechtungen, in Müdigkeit, Not und Versuchung, bis hin zu der schwersten Probe, die Gott ihm mit der Opferung seines einzigen Sohnes auferlegt (1. Mose 22). Dieses Festhalten an Gottes Treue wider allen Augenschein rechnet ihm Gott zur Gerechtigkeit an (1. Mose 15, 6).

So »zweifelte er nicht durch Unglauben an der Verheißung Gottes, sondern ward stark im »Glauben« und gab Gott die Ehre und wusste aufs allergewisseste: was Gott verheißt, das kann er auch tun.« (Römer 4, 20f.) – Abraham, der »Vater aller, die da »glauben.« (Römer 4, 11+16)

»Glauben« heißt also in einer bestimmten, vielleicht sehr hoffnungslosen Lage auf Grund einer festen Zusage des Herrn mit seiner Allmacht und Treue rechnen … Der »Glaubende« lässt Gott Gott sein, und weil dies der Glaube, nur der »Glaubende« tut, darum kommt ihm im Verhältnis zwischen Gott und Mensch in der Bibel schlechthin zentrale Bedeutung zu.

Im Neuen Testament ist die Bedeutung des Stichworts »Glaube« nicht geringer anzuschlagen als im Alten. Im Gegenteil: Wie ein roter Faden zieht sich dieser Begriff durch die Schriften des Neuen Bundes. Nicht nur durch sein zahlenmäßig häufiges Vorkommen, sondern – vor allem bei Paulus – durch sein theologisches Gewicht wird »Glaube« zu einem Zentralbegriff neutestamentlicher Theologie und Verkündigung.

Die Struktur des Glaubensvorgangs bleibt hier dieselbe wie im Alten Testament, aber nach der heilsgeschichtlichen Wende im Christusgeschehen richtet sich der Glaube auf Jesus Christus und auf das Heilswerk, das am Kreuz und am Ostermorgen seinen Höhepunkt fand. Ja, die Schriften des Neuen Testaments verstehen sich von Ostern her insgesamt als Einladung zum »Glauben«:

„Diese aber sind geschrieben, daß ihr glaubet, Jesus sei der Christus, der Sohn Gottes, und dass ihr durch den »Glauben« das Leben habet in seinem Namen.“ – Johannes 20, 31

Paulus formuliert als Zentrum seines apostolischen Auftrags, „in seinem Namen den Gehorsam des »Glaubens« aufzurichten unter allen Heiden.“ (Römer 1,5) Glaube, wie ihn das Neue Testament beschreibt, ist ganz und einseitig Christusglaube, ist das feste Vertrauen auf Christus, ist der persönliche Anschluss an ihn.

Es ist eine vielstimmige Symphonie des Glaubens, die in den einzelnen Schriften des Neuen Testaments aufklingt. Hier können nur einige wenige Grundakkorde angedeutet werden.

Glaube braucht einen Grund

Er beruht nicht auf »klugen Fabeln«, sondern auf dem, was die ersten Zeugen selbst gesehen und gehört haben und nun weitergeben. (2. Petrus 1, 16; 1. Johannes 1, 1-4) Es gibt einen »zuverlässigen Grund der Lehre«. (Lukas 1, 4) Dieser Grund ist Jesus Christus und sein Heilswerk für eine in der Sünde verlorene Menschheit. (1. Korinther 15,3-5)

Auf diesem Grund beruht der Glaube der Christenheit. Er hängt nicht an Formeln, sondern an einer Person, an dem Auferweckten, Gekreuzigten. „Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist euer Glaube nichtig“ (1. Korinther 15, 17), ein Griff ins Leere.

Glaube entsteht in der Begegnung

Es geht den Aposteln nicht darum, dass ihre Hörer festhalten an einer Lehre, sondern darum, dass sie Anschluss finden an eine Person. Am Anfang des »Glaubens« steht immer ein Ruf. Wie Abraham, so werden auch die Jünger persönlich gerufen. (Markus 1, 14-20; Apostelgeschichte 9, 1-19)

An der Reaktion auf diesen Ruf, am Hören und Gehorchen, hängt der Glaube, denn »der Glaube kommt aus dem Hören« (Römer 10, 17). »Glauben« nennt das Neue Testament das vertrauensvolle »Ja« zu Gottes Zuwendung in Jesus Christus: „Jesus kam nach Galiläa und predigte das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ – Markus 1, 14f.

Auch für Paulus ist Glaube das Annehmen der Botschaft von Jesus Christus (Römer 10, 10-17). In der Begegnung mit Jesus Christus und seinem Wort entsteht »Glaube«.

»Glaube« meint »Vertrauen«

Das wird schon an der Wortbedeutung sichtbar. »Glauben« hängt mit dem Wort »geloben« zusammen. Wer einem andern vertraut, kann sich ihm angeloben. So setzt der »Glaubende« sein Vertrauen auf Jesus und erfährt dadurch Rettung und Heil – „Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus gerettet!“ (Apostelgeschichte 16, 31) -, Hilfe und Befreiung (Matthäus 8,5-13; 9,1-8; 9,18-26; 9,27-31 u.v.a.)

Dieses »glaubende« Vertrauen bezieht auch solche Bereiche mit ein, die dem menschlichen Erkennen noch verborgen sind, und verbindet mit dem »Glauben« die Hoffnung »auf das, was man nicht sieht.« (Hebräer 11, 1) Durch dieses glaubensvolle Sich-Verlassen auf Jesus Christus und sein Werk erlangt der »Glaubende« die Gerechtigkeit vor Gott. (Römer 3, 28; Galater 2, 16)

Glaube führt zum Bekennen

Dieses Bekenntnis zu Jesus Christus ist die Antwort auf das, was er für uns ist und für uns getan hat: „Du hast Worte des ewigen Lebens; und wir haben geglaubt und erkannt, dass du bist der Heilige Gottes.“ (Johannes 6, 68f.) Jeder, der anfängt zu glauben, drückt das in einem bekennenden Wort aus. Der Glaube kann nicht schweigen. Er gibt Kunde von dem, wer Jesus Christus ist und was er tut. (Johannes 20, 27-29; Markus 9, 23f.; Römer 10, 9f.)

Glaube hat Konsequenzen

Er kann nicht schweigen, und er will nicht ruhen. Er drängt zur Tat, wenn er echt ist; er will im Lebensvollzug verwirklicht und bewährt werden. Denn Glaube setzt sich um in Bewegung. Seine Wirkweisen sind Zeugnis und Dienst.

So erfüllt er den Willen Gottes. (Matthäus 7, 21) Darum fordert Paulus die »Glaubenden« immer wieder auf zu einem Leben, das dem »Glauben« entspricht. (Römer 6, 19; Galater 5, 25) Weil der Glaube den ganzen Menschen umfaßt, soll auch das ganze Leben im Dienste Jesu Christi an anderen Menschen stehen.

Glaube konkret

Es ist deutlich geworden: »Glaube«, wie die Bibel ihn beschreibt, ist nicht ein gedanklicher Akt; er ist eine personale Beziehung, man könnte auch sagen: Er ist eine Lebensbewegung. Damit aber unterliegt er auch den Gesetzen, die alles Leben bestimmen.

Weil er lebendig ist, ist er abhängig von den Strömungen, denen das Leben ausgesetzt ist. Darum kann der Glaube zuzeiten groß und stark sein, dann wieder klein und schwach. Einmal lebt er in unangefochtener Gewißheit (Römer 8, 31-39), dann wieder ist er vom Zweifel überlagert (Johannes 20, 24-29).

Auch der Glaube der Jesusjünger war manchmal nur ein »kleiner Glaube« (Matthäus 8, 23-27), wenn die Angst sie überfiel und sich lähmend über ihren »Glauben« legte, wenn »Tiefdruckgebiete« der verschiedensten Art ihren »Glauben« beeinflußten und niederdrückten.

Darum ist es für den »Glauben« an Jesus Christus lebenswichtig, daß er fortwährend die notwendige Nahrung zugeführt bekommt und daß er in der richtigen Umgebung aufwachsen kann. Es gibt kein Wachsen im »Glauben« ohne die beständige Nahrung durch das Wort Gottes. Und es gibt kein Bleiben im »Glauben«, ohne daß der Glaubende eingebettet ist in eine tragende Gemeinschaft.

Glaube, der ohne Nahrung bleibt, verkümmert; und ein Glaube, der im geistlichen Alleingang gelebt wird, kann sich nicht gesund entwickeln. Er entfaltet sich aber dort, wo er geborgen ist in der Gemeinde der Glaubenden. Im Hören auf Gottes Wort, im anbetenden und bittenden Gespräch mit Gott, an seinem Abendmahlstisch und in der Gemeinschaft wird er gestärkt und bewahrt.

Hier geschieht es auch, daß man Weisung und Hilfe bekommt für die Bewährung des Glaubens im täglichen Leben. Und wenn einer Not hat mit dem »Glauben«, dann dürfen andere für ihn eintreten und ihn in seinen Anfechtungen und Zweifeln begleiten, dürfen den wankenden »Glauben« stützen und für ihn um eine besondere Zuwendung Jesu Christi bitten. Es gibt im »Glauben« keine Vollkommenheit. Wir bleiben an diesem Punkt immer Lernende. Und man kann als ein »Glaubender« nur immer wieder dafür danken, daß unser Glaube letztlich nicht von uns selbst abhängt, sondern an Jesus hängt und von seiner Verheißung lebt.

So können wir, als »Glaubende« oder als Kleingläubige, nichts Besseres tun, als dem Rat des unbekannten Apostels zu folgen, den er einer im »Glauben« müde gewordenen Gemeinde gegeben hat: »Lasset uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns verordnet ist, und aufsehen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens!« – Hebräer 12, 1f.

 

Quelle: Theo Sorg, Schritte