Wehe mir, wenn ich nicht predige!

Pastor-Hirte-Schafe

Ich werde bisweilen von jungen Männern gefragt: Soll ich Prediger werden? Abgesehen von einer Reihe anderer Momente, die in der Antwort bedacht werden müssen, geht es immer wieder grundlegend um die Frage der Berufung. Sie muss mit Recht gestellt werden, denn ohne das Bewusstsein, zum Verkünder des Evangeliums berufen zu sein, kann man nicht predigen.

Wie aber kann man nun einem jungen Mann helfen, den Ruf zum hauptamtlichen Dienst im Reiche Gottes zu erkennen? Es mag mehrere Zeichen dafür geben. Ganz gewiss aber gibt es in vielen Fällen das Merkmal, das ich das negative nennen möchte. Könnte ich auch anders? Diese Frage habe ich mir selbst oft in meinem Leben stellen müssen, auch bei Einzelentscheidungen und bei der grundlegenden Frage nach der Berufung zum ausgesonderten Boten Gottes.

Könntest du auch anders? Ob man ganz nüchtern dabei sozusagen herumprobieren kann? Da ist die gute, abgeschlossene Berufsausbildung. Vielleicht besteht die Möglichkeit zu einem weiterführenden Studium. Sicher ist, dass man in einem anderen Beruf, auf dem man sich gründlich vorbereitet hat, heute mehr verdienen wird als in dem Dienst des Predigers. Man sollte meines Erachtens durch das Feuer dieser Versuchung hindurchgehen.

Eine Anfechtung steht damit im Zusammenhang: Sicher gibt es überall im Leben und im Beruf gewisse Schwierigkeiten, aber der Dienst eines Boten Gottes stellt in dieser Hinsicht in besonderer Weise Anforderungen, dem Herrn Jesus den Weg der Demütigungen nachzugehen. Könnte man nicht auch, in innerer und äußerer Unabhängigkeit und so vielleicht noch viel besser als ein armer und vielfach abhängiger, ja oft genug gebundener Prediger dem Herrn dienen?

Ich sage bewusst, dass man diesen Fragen nicht ausweichen oder sie als unfromm beiseite schieben sollte. Tut man das, so kommen sie gewiss später als doppelt schwere Versuchung und Anfechtung auf einen zurück, und der Versucher weiß uns gerade bei diesen »Äußerlichkeiten« zu packen – und umzuwerfen. Paulus konnte z.B. über die Lohnfrage sehr nüchtern sprechen, und man spürt es ihm ab, wie da ein empfindlicher Punkt in ihm vibriert …

Ich meine freilich nicht, dass jemand für seine Berufung ins Feld führen könnte, dass es ihm bisher bei allen anderen Berufs- oder Ausbildungsansätzen misslungen sei. Wie fromm klingt die Täuschung, dass einem überall der Herr in den Weg getreten sei und es nicht zugelassen habe, dass man in einem guten »weltlichen« Beruf Erfolg gehabt hätte. So müsse man ja nun ein Bote Gottes werden … Nein, nein, umgekehrt ist es richtig, so wie ich vorher gesagt habe. Wer anders nicht zurechtkam, taugt auch nicht für den Beruf des Predigers. Berufung wird also nur vorliegen, wenn ich zwar anders könnte, aber nicht anders kann.

Paulus konnte nicht anders, in 1. Korinther 9,16 spricht er davon: »Dass ich das Evangelium predige, darf ich mich nicht rühmen; denn ich muss es tun. Und wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte!« In dem Kapitel verteidigt Paulus sein Apostolat (dazu mag der Bote Gottes gelegentlich auch genötigt sein und muss sich zu diesem Zweck auf seine »Berufung« berufen!). Bis ins Innerste seines Berufungsbewusstseins lässt Paulus uns, seine Freunde und seine Gegner, blicken. Er geht dabei bis in die »Äußerlichkeiten« und scheut sich nicht, von Lohn, Verdienst, Recht, Amt usw. zu sprechen. Die ´Oikonomia´ (Vers 17) war ihm befohlen. Paulus bezieht die Verwaltertätigkeit auf sein Amt: »Ich bin mit einem Verwalteramt betraut.« Das wünsche ich uns Predigern allen, dass wir wissen, dass wir in einem Auftrag Gottes stehen.

Für Schwärmerei ist hier nicht lange Platz. Man sollte auch nicht (im Gegensatz zu Paulus) allzu pathetisch von Verzicht und Opfer reden, obwohl sie gefordert werden.

In diesem Zusammenhang deutet Paulus auch den Unterschied an, den wir mit unseren Worten vielleicht als die auseinanderfallende Bedeutung der Begriffe »Gewissheit« und »Sicherheit« erfassen können. Ähnlich wie es beim Heil ist, ist es auch bei der Berufung. Eine Berufungssicherheit darf und kann es für den Boten Gottes nicht geben. Wehe ihm, wenn ein falsches Berufungsbewusstsein ihn starr und für Korrekturen unzugänglich macht!

Wehe aber auch (um mit Paulus zu sprechen), wenn ein Berufener nicht zum Verkünder wird! Vielleicht drückt das ´Wehe´ nicht das letzte Verlorengehen, nicht den Verlust des Heils aus. Aber als Ausdruck des Schmerzes und des Unwillens kennzeichnet es die schmerzlichen Lebenserfahrungen, die jemand machen muss, der sich dem Auftrag Gottes versagt. Wie auf der anderen Seite sich manche in inneres und äußeres Unglück gerührt haben, weil es sie reizte, Prediger zu werden, ohne berufen zu sein, so ist mancher andere in seinem ganzen Leben nicht mehr recht froh geworden, weil er seiner Berufung nicht gefolgt ist.

Im übrigen aber bleibe ich dabei:

Für einen Berufenen gibt es, trotz allem, keinen schöneren Dienst!

 

Dr. Willi Grün, Wort und Tat, Kassel, April 1966