Welche Krankheit hatte Paulus?

Paulus_Markus_DuererÜber die Krankheit von Paulus gibt es verschiedene Theorien. In dieser Abhandlung werde ich versuchen, einige darzustellen. Am Schluß werde ich eine These vertreten, die für mich die wahrscheinlichste ist.

Paulus spricht von seinem Augenleiden

Nach der Erscheinung auf dem Wege nach Damaskus war Paulus drei Tage blind: »Und er konnte drei Tage nicht sehen und aß nicht und trank nicht.« – Apostelgeschichte 9, 9

Vielleicht haben seine Augen sich seitdem nie wieder ganz gebessert. Paulus sagt von den Galatern: »Denn ich bezeuge euch, ihr hättet, wenn es möglich gewesen wäre, eure Augen ausgerissen und mir gegeben.« (Galater 4, 15) Am Schluß des Briefes an diese Gemeinden schreibt er: »Seht, mit wie großen Buchstaben ich euch schreibe mit eigener Hand!« (Galater 6, 11) Es sieht so aus, als spreche er von der großen Schrift eines Menschen, der kaum sehen kann.

Diese These ist sicher berechtigt. Man nimmt an, daß Paulus über 60 Jahre alt geworden ist. Schon Jahre vorher fangen bei den meisten Menschen die Probleme mit den Augen an. Sehhilfen in Form von Brillen standen damals noch niemandem zur Verfügung. Eine andere, die älteste aller Theorien besagt, daß Paulus an außerordentlichen heftigen Kopfschmerzen gelitten habe. Vielleicht war es eine Art von Migräne. Davon waren sowohl Tertullian als auch Hieronymus überzeugt. Natürlich wird Paulus – wie viele von uns – auch diese Belastung kennen. Wir wissen, daß zwischen Kopfschmerzen und einem Augenleiden oft ein Zusammenhang besteht!

Paulus litt unter epileptischen Anfällen

»Ihr wißt doch, daß ich euch in Schwachheit des Leibes das Evangelium gepredigt habe beim erstenmal. Und obwohl meine leibliche Schwäche euch ein Anstoß war, habt ihr mich nicht verachtet oder vor mir ausgespuckt, sondern wie einen Engel Gottes nahmt ihr mich auf, ja wie Christus Jesus. Wo sind nun eure Seligpreisungen geblieben? Denn ich bezeuge euch, ihr hättet, wenn es möglich gewesen wäre, eure Augen ausgerissen und mir gegeben.« – Galater 4:13-15

Die Krankheit des Paulus während seines ersten Besuches bedeutete für die Hörer seiner Predigt eine Versuchung. Diese wurde durch seine körperliche Verfassung ausgelöst. Jede Krankheit gilt den schlichten, weithin auch den antiken Men-schen überhaupt, als ein Befallensein von dämonischen Mächten. Es ist ein Zeichen dafür, daß eine Gottheit nicht günstig gesonnen ist. Damit droht der Predigt eines Kranken ihre Überzeugungskraft einzubüßen.

»… mich nicht verachtet oder vor mir ausgespuckt …« – Galater 4, 14

Es handelt sich hier um einen Ritus, der ein Übel abwehren soll. Er wurde damals angewandt bei Epilepsie, bei Wahnsinn und ähnlichen Krankheiten. Man nannte Epilepsie sogar »die Krankheit, vor der man ausspuckt«! Abwertend wäre das für Paulus nicht. Fallsucht tritt ja nur zeitweilig auf, dazwischen ist man ganz »normal«. Bedeutende Männer litten unter dieser Krankheit: Ernst Reuter (ehemaliger Bürgermeister von Berlin), Cäsar und Napoleon.

Dr. Albert Schweitzer dazu: »Es ist das natürlichste, daß Paulus an epileptiformen Anfällen litt.« Typisch für einen liberalen Theologen ist, daß er in einem solchen Anfall einen Zusammenhang mit den äußeren Umständen seines Erlebnisses vor Damaskus sieht. Falls Paulus an gelegentlichen Krampfanfällen litt, ist jedoch wichtig: Seine Leistungsfähigkeit wurde dadurch nicht beeinträchtigt. Der Kirchenvater Tertullian meint hier den Hinweis auf ein Nervenleiden zu sehen.

Wir machen uns klar: Der Mann, der mit 50 – 60 Jahren diese Briefe schrieb, leidet nicht an einem fortschreitenden, seinen Geist schwächenden Krankheitsprozeß.

Die Leistungen von Paulus

Das Leben war für Paulus eine stetige Fußwanderung:

1. Missionsreise mehr als 1 000 km
2. Missionsreise mehr als 1 400 km
3. Missionsreise mehr als 1 700 km

Die späteren Reisen sind nicht leicht zu berechnen. Paulus schildert ausführlich die Strapazen auf seinen Reisen: »Sie sind Diener Christi – ich rede töricht: ich bin’s weit mehr! Ich habe mehr gearbeitet, ich bin öfter gefangen gewe-sen, ich habe mehr Schläge erlitten, ich bin oft in Todesnöten gewesen. Von den Juden habe ich fünfmal erhalten vierzig Geißelhiebe weniger einen; ich bin dreimal mit Stöcken geschlagen, einmal gesteinigt worden; dreimal habe ich Schiffbruch erlitten, einen Tag und eine Nacht trieb ich auf dem tiefen Meer.

Ich bin oft gereist, ich bin in Gefahr gewesen durch Flüsse, in Gefahr unter Räubern, in Gefahr unter Juden, in Gefahr unter Heiden, in Gefahr in Städten, in Gefahr in Wüsten, in Gefahr auf dem Meer, in Gefahr unter falschen Brüdern; in Mühe und Arbeit, in viel Wachen, in Hunger und Durst, in viel Fasten, in Frost und Blöße; und außer all dem noch das, was täglich auf mich einstürmt, und die Sorge für alle Gemeinden. Wer ist schwach, und ich werde nicht schwach? Wer wird zu Fall gebracht, und ich brenne nicht? Wenn ich mich denn rühmen soll, will ich mich meiner Schwachheit rühmen. Gott, der Vater des Herrn Jesus, der gelobt sei in Ewigkeit, weiß, daß ich nicht lüge.« – 2. Korinther 11:23-31

»Wir aber zogen voraus zum Schiff und fuhren nach Assos und wollten dort Paulus zu uns nehmen; denn er hatte es so befohlen, weil er selbst zu Fuß gehen wollte.« – Apostelgesch. 20, 13

Die Nacht in Troas

Ohne geschlafen zu haben unternimmt er eine 7-8-stündige Fußwanderung nach Assos. Lukas hat dieses aufgezeichnet, weil er es für bemerkenswert hielt. Solch ein strapaziöses Leben führte Paulus über Jahrzehnte. Man führe sich vor Augen, was Paulus an Qualen erlitt:

• Eine Steinigung
• Fünfmal 39 Peitschenhiebe von der jüdischen, geistlichen Gerichtsbarkeit durchgeführt
• Dreimal Rutenschläge von der staatlichen Behörde angeordnet

Ein Schriftstück der damaligen Zeit berichtet: »Viele Verurteilte starben unter den Schlägen, manche kamen mit weniger davon, wenn man vorher ihre Leistungskraft richtig einschätzte.« Albert Schweitzer, wie auch der Theologe Adolf Deismann, weisen darauf hin, daß Paulus jedesmal die höchste Zahl von 39 Schlägen erhalten hat. Er ist nicht daran gestorben oder dadurch siech geworden. Vermutlich starb er in Rom im Alter von 67 Jahren, nicht als Kranker, sondern als Märtyrer.

»Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern.« – 1. Korinther 2, 3

Luther und andere haben den zusätzlichen Hinweis auf den Widerstand und die Verfolgung verstanden, dem sich Paulus gegenüber sah. Der ständige Kampf mit seinen Widersachern, die sein Werk zunichte zu machen versuchten, machte ihm sicher sehr zu schaffen. In Galater 6 bittet Paulus um Nachsicht und Verständnis:

»Hinfort mache mir niemand weiter Mühe; denn ich trage die Malzeichen Jesu an meinem Leibe. Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit eurem Geist, liebe Brüder! Amen.«

– Galater 6:11f.

Hier erwähnt Paulus seine Narben, die er sich im Dienst für seinen Herrn zugezogen hat. Eine Epilepsie kann aber nicht die eigentliche Krankheit von Paulus gewesen sein!

Der »Pfahl im Fleisch«

Paulus gibt sein Innerstes preis:

»Gerühmt muss werden; wenn es auch nichts nützt, so will ich doch kommen auf die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn. Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren – ist er im Leib gewesen? Ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen? Ich weiß es auch nicht; Gott weiß es -, da wurde derselbe entrückt bis in den dritten Himmel. Und ich kenne denselben Menschen – ob er im Leib oder außer dem Leib gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es -, der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann. Für denselben will ich mich rühmen; für mich selbst aber will ich mich nicht rühmen, außer meiner Schwachheit. Und wenn ich mich rühmen wollte, wäre ich nicht töricht; denn ich würde die Wahrheit sagen.

Ich enthalte mich aber dessen, damit nicht jemand mich höher achte, als er an mir sieht oder von mir hört. Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe. Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, daß er von mir weiche. Und er hat zu mir gesagt: ´Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.´ Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne. Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Mißhandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten, um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.« – 2. Korinther 12:1-10

Finden wir hier einen Hinweis auf die Krankheit des Paulus? Der Ausdruck »Satans Engel« paßt zur Auffassung der Juden, welche die schweren Krankheiten dem Satan und seinen Dienern zuschrieben. »Pfahl im Fleisch«, oder »für das Fleisch«: Der Theologe Riciotti erklärt: »Es ist mehr als ein einziger Dorn, sondern ein ganzes Gewirr von Stacheln ist dem Fleisch des Paulus wie angeheftet und läßt ihm keine Ruhe.« Aus dem Zusammenhang wird deutlich:

Paulus hat »gewaltige Dinge« erlebt. Er deutet an, daß er in besonderer Weise die Gemeinschaft mit seinem Herrn erlebte. Dadurch empfing er Trost und Stärkung. Nur an dieser Stelle berichtet er ausführlich von seinem »innersten Umgang« mit seinem Herrn. Paulus ist bei diesem Glaubenserlebnis der Gefährte seines Herrn gewesen wie er nie zuvor und wahrscheinlich auch später niemals wieder war. Er spricht hier davon, daß der »Pfahl im Fleisch« ihm eine Hilfe ist, damit er sich nicht wegen seinen ekstatischen Erfahrungen (Gesichte, Verzückungen) überhebe. Es erhält ihn in Demut und Gemeinschaft mit Jesus Christus, seinem Herrn.

Die »Krankheit des Paulus« steht in jedem Fall im Zusammenhang mit seinen geheimnisvollen Erfahrungen. Sie ist von Gott zugelassen zur Bewahrung und Hilfe gegen Übermut. Diese starken geistlichen Erfahrungen sind die Ursache für die »Krankheit«.

Auf die Herrlichkeit folgte die Pein.

Der Theologe Adolf Schlatter bestreitet, daß Paulus hier von einer Krankheit spricht. »Ein Pfahl für das Fleisch«, d.h. der Leib befindet sich am Pfahl. Der Leib ist an den Pfahl gebunden, weil das Fleisch sich rühmen und zum Stolz verführen soll. Das griechische Wort »stauros« (synonym mit »skolops«) kann übersetzt werden mit »Balken« oder »Splitter«. Der Pfahl für sein Fleisch besteht darin, daß ein Engel des Satans zu ihm gesandt wird, ihm in das Gesicht zu schlagen. Bauer weist im »Wörterbuch zum Neuen Testament« darauf hin: »ins Gesicht schlagen«, damit ist im übertragenen Sinn gemeint: »Ich bekomme Ohrfeigen.« Kittel erklärt im »Theologischen Wörterbuch«: »Es ist nicht bestimmt, ob es sich hier um ´misshandeln´« geht. Es wurde aber auf jeden Fall entehrt. Ein Bote des Verklägers greift ihn an. Er hält ihm seine Schuld aus der Zeit vor seiner Bekehrung vor. Dadurch bekommt Paulus das Gefühl der Unwürdigkeit.«

Für Schlatter ist es klar: »Paulus bat nicht um die Heilung einer Krankheit, sondern um die Entfernung einer geistigen Macht, die ihm seine Schuld und Ohnmacht zeigte.« Es handelt sich bei »Pfahl im Fleisch (skolops)« um spürbaren Spott.

Die wahrscheinlichste These

Paulus litt – trotz der Vergebung durch Jesus Christus – unter seinem Vorleben als Verfolger der christlichen Gemeinde! Paulus schildert seine Gemütslage so:

»Denn ich bin der geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, daß ich ein Apostel heiße, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe. Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist.« – 1. Korinther 15, 9-10

Das war die eigentliche Not von Paulus: Er hatte Christen – wegen ihres Glaubens an Jesus Christus – ihren Verfolgern ausgeliefert. Natürlich kannte er die Tatsache, die der Jünger Johannes bezeugt: »Daran erkennen wir, daß wir aus der Wahrheit sind, und können unser Herz vor ihm damit zum Schweigen bringen, daß, wenn uns unser Herz verdammt, Gott größer ist als unser Herz und erkennt alle Dinge.« (1. Johannes 3:19f.) Unser Herz reagiert aber manchmal unkontrolliert! In 1. Johannes 3 gibt Johannes seine Erfahrung weiter.

Auch Calvin hat die Not bei Paulus Versuchungen und Gewissensbissen zugeschrieben!

Hinweis: Hier fällt der Name »Saulus« anstelle von »Paulus«. Das war sein Name im jüdischen Sprachgebrauch. Im griechischen und römischen Bereich galt der Name »Paulus«. Hinter diesen Nennungen steckt keine theologische Bedeutung. »Aus dem Saulus wurde ein Paulus«, ist ein geflügeltes Wort und meint die Veränderung, die bei Paulus geschehen ist. Es ist aber nicht so, daß dieser Wandel durch einen neuen Namen erläutert werden kann. Lukas berichtet:

»Saulus aber schnaubte noch mit Drohen und Morden gegen die Jünger des Herrn und ging zum Hohenpriester und bat ihn um Briefe nach Damaskus an die Synagogen, damit er Anhänger des neuen Weges, Männer und Frauen, wenn er sie dort fände, gefesselt nach Jerusalem führe.« – Apostelgeschichte 9:1f.

Es würde uns verwundern, wenn Paulus – trotz der Vergebung – über seine Vergangenheit einfach so »hinweggekommen« wäre. Es ist darum vorstellbar, daß Satan ihm immer wieder seine Schuld vor Augen gemalt hat. Von daher ist die Bitte von Paulus zu verstehen: »Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, daß er (Satan) von mir weiche.« – 2. Korinther 12, 8

Eine allgemeine Erfahrung ist: Die Antwort auf ein Gebet läßt fast immer auf die Art der Bitte schließen. So erlebt es auch Paulus. Die Antwort, die er erhält, läßt auf den Inhalt der Bitte schließen. »Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne.« (2. Korinther 12, 9) Andere übersetzen:

»Meine Gnade reicht aus!«

Jesus Christus will Paulus damit mitteilen, daß er nicht daran zweifeln soll, daß er ihm gnädig gesinnt ist und mit voller Liebe auf ihn sieht. Darum kann der Widersacher ihn nicht verderben, auch wenn er ihn schlägt. Paulus war in seinem Leben ganz auf die Gnade von Jesus Christus, seinem Herrn, angewiesen. Darum bekennt Paulus dankbar:

»Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen …!« – 1. Korinther 15, 10

 

Bild: Apostel Paulus und Markus: Ausschnitt aus einem Gemälde von Albrecht Dürer