Wie herrlich es ist, Mensch zu sein

Lilie-Lilien

»So denn Gott das Gras auf dem Feld also kleidet, sollte er das nicht vielmehr euch tun, o ihr Kleingläubigen?« Gott kleidet also das Gras; des Stengels schöne Form, des Blattes feine Linie, die lieblichen Abschattungen der Farbenmischung, der ganze Reichtum, wenn ich so sagen darf, von Bändern, Schleifen und Schmuck, all dies gehört zur Bekleidung der Lilie, und Gott ist es, der sie so kleidet. – »Sollte er nicht vielmehr euch kleiden, ihr Kleingläubigen?«

»Ihr Kleingläubigen!« Das ist der Ermahnung milder Tadel; so redet er zu dem, der unrecht hat, wenn die Liebe es nicht über das Herz bringt, streng zu reden; tadelnd droht sie ihm mit dem Finger und sagt, du Kleingläubiger, aber sagt es so mild, dass der Tadel nicht verletzt, nicht betrübt, nicht niederschlägt, sondern eher aufrichtet und Freimütigkeit gibt.

Aber so heißt es ja im Evangelium nicht bloß, der Mensch sei wie Gras bekleidet, sondern noch viel herrlicher. Durch den beigefügten Tadel: ihr Kleingläubigen! ist eigentlich gesagt: Sollte Gott nicht vielmehr euch gekleidet haben? so dass die Rede nicht von dem neuen Kleid ist, das man so gern am Sonntag haben will oder höchst nötig braucht, sondern von der Undankbarkeit, die vergessen will, wie herrlich der Mensch von Gottes Hand – gekleidet ist.

Lasst uns die Sache recht bedenken! Es heißt, die Lilie ist bekleidet; aber das ist doch nicht so zu verstehen, dass das Dasein der Lilie das eine und das Kleideranhaben etwas anderes sei; nein, Lilie sein, das ist ihre Bekleidung. Sollte der Mensch in diesem Sinn nicht viel herrlicher bekleidet sein?

Die weltliche Kümmernis sucht stets den Menschen in die kleinliche Unruhe der Vergleichungen hinauszuführen. Der eine Mensch vergleicht sich mit anderen, das eine Geschlecht mit dem ändern. Und so wächst die aufgehäufte Menge der Vergleiche dem Menschen recht eigentlich über den Kopf. Wie die Kunstfertigkeit und Geschäftigkeit zunehmen, so werden es in jedem Geschlecht mehr und mehr, die sklavisch das ganze Leben arbeiten weit unten in den niederen, unterirdischen Gegenden der Vergleiche, ja, wie die Bergarbeiter nie das Tageslicht sehen, so kommen diese Unglücklichen nie zum Sehen des Lichtes: jenem erhebenden, einfältigen, ersten Gedanken darüber, wie herrlich das Menschsein ist.

Und auf den Höhen des Vergleiches treibt die lächelnde Eitelkeit ihr falsches Spiel, betrügt die Glücklichen, so dass sie keinen Eindruck von jenen erhabenen, einfältigen, ersten Gedanken erhalten. – Herrscher sein! Welcher Streit wird darum nicht in der Welt geführt, sei es die Herrschaft über Reiche und Länder, über tausend oder doch über einen Menschen, abgesehen von sich selbst; über sich selbst herrschen, darum kümmert sich keiner. Aber draußen bei den Lilien, wo jeder Mensch ist, was er nach seiner göttlichen Bestimmung sein soll: Herrscher, da will keiner Herrscher sein! Das Wunder sein: Welche Anstrengung macht man sich in der Welt, um dieses Ziel des Neides zu erreichen, und wie strengt der Neid sich nicht an, das zu hindern! Aber draußen bei den Lilien, wo jeder Mensch ist, wozu ihn Gott gemacht hat, das Wunder der Schöpfung, da will keiner das Wunder sein.

Geist sein, das ist die unsichtbare Herrlichkeit des Menschen. Wenn der Bekümmerte draußen auf dem Felde steht, umgeben von allen Zeugen, wenn jede Blume ihm sagt: Denke an Gott, so antwortet der Mensch: Das will ich wohl, liebe Kinder, ich will ihn anbeten, das könnt ihr Armen nicht. Der Erhobene ist also ein Anbetender. Der erhobene Gang war die Auszeichnung, aber anbetend sich niederwerfen können, ist doch das herrlichere; und die ganze Natur ist wie die große Dienerschaft, die den Menschen, den Herrscher, erinnert, Gott anzubeten.

Darauf wird gewartet, nicht dass der Mensch kommen und die Herrschaft übernehmen soll, was auch herrlich und ihm beschieden ist, was die Natur nicht tut, denn sie kann nur den Menschen daran erinnern, es zu tun. Herrlich, wie die Lilie gekleidet zu sein; noch herrlicher, der erhobene Herrscher zu sein; am herrlichsten jedoch, in der Anbetung nichts zu sein.

Anbeten heißt nicht herrschen, und doch ist die Anbetung gerade das, wodurch der Mensch gottähnlich wird. In Wahrheit anbeten können, das ist der Vorzug der unsichtbaren Herrlichkeit vor aller Schöpfung.

 

Sören Kierkegaard, Wort und Tat, Kassel, Februar 1974